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Geschichte | Biografie des Hitler-Biografen

Der Parteienforscher Franz Walter hat ein dickes Buch über den 2006 verstorbenen FAZ-Herausgeber Joachim Fest geschrieben

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Das C. in seinem Namen hatte sich Joachim Fest nur ausgedacht und später weggelassen. Foto: IMAGO/United Archives Sven Simon Archive Wer anspruchsvolle Zeitungen las und das Kulturprogramm im Fernsehen verfolgte, dürfte Joachim Fest als »einen der wichtigsten Geistesmenschen« der Bundesrepublik in Erinnerung haben, dabei nie polternd und polemisierend, vielmehr um Etikette bemüht und gut gekleidet. »So haben ihn die meisten gesehen, so hat er sich immer wieder selbst gedeutet: Joachim Fest, der Bildungsbürger, stilsicherer Grandseigneur, ein Universalgebildeter, von Kindesbeinen an geprägt durch seine ›großbürgerliche Familie‹ in Berlin.«

So schreibt Franz Walter in seiner Biografie über den Journalisten Fest, der 1973 für seine Hitler-Biografie gefeiert wurde, von der, in zahlreiche Sprachen übersetzt, bis zu seinem Tod im Jahr 2006 rund 800.000 Exemplare verkauft wurden. Es ist ein fast 1200 Seiten zählender Wälzer.

Franz Walters Biografie ist mit ihren 720 Seiten nicht ganz so dick und keine Seite zu lang. Denn der als Parteienforscher bekannte Professor Walter versteht es wie einst Joachim Fest, seine Leser zu fesseln. Er rückt einiges gerade, lässt aber mehr als nur ein gutes Haar an dem Mitherausgeber der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« (FAZ), der im Feuilleton dieses Blatts andere Meinungen als die eigene duldete und sich nach anfänglichen Vorbehalten in der Redaktion als sehr guter und umgänglicher Chef erwies.

Vater Johannes Fest war ein Bauernsohn und Volksschullehrer, der sich in der Weimarer Republik in der katholischen Zentrumspartei engagierte. In Berlin-Karlshorst pflegte Johannes Fest freundschaftlichen Umgang mit Sozialdemokraten, die aus der Arbeiterklasse stammten. Den Widerstand der Arbeiterparteien hat sein Sohn später für unerheblich gehalten, wenn er sich über das Hitlerattentat vom 20. Juli 1944 verbreitete. Ihm fehlte der Nerv dafür.

Von den Nazis aus dem Schuldienst geworfen, widerstand Johannes Fest prinzipienfest der Versuchung, wieder eingestellt zu werden, wenn er dafür der NSDAP beitreten oder auch nur den Hitlergruß zeigen sollte. Sohn Joachim ritzte als 14-Jähriger am Berliner Leibniz-Gymnasium eine Karikatur Hitlers in die Schulbank und musste an ein Internat in Freiburg wechseln. Er wurde Flakhelfer, Soldat, war kriegsgefangen in Frankreich und konnte das Abitur erst danach machen. Bei seinem Jura-Studium rasselte Fest im ersten Versuch durchs Staatsexamen und wagte keinen zweiten, stieg ohne Hochschulabschluss 1953 in Westberlin beim RIAS an, dem Rundfunk im amerikanischen Sektor. Dort entstand schon im Grunde das Gerüst für Thesen seiner späteren Bücher, so Walter, Bücher wie »Der Untergang« (2002), in dem Joachim Fest die letzten Tage des Naziregimes beschreibt. Die Verfilmung von 2004 war für einen Oscar nominiert.

Zeitweise CDU-Mitglied, war Fest in jungen Jahren eher linksliberal als konservativ und las Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Bei seiner nächsten Station beim NDR-Fernsehen in Hamburg fiel er als Moderator des Politikmagazins »Panorama« dadurch auf, dass er die Notstandsgesetze geißelte. Als es so schien, als werde er deshalb abgelöst, protestierte die Journalistin und spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof.

Joachim Fests bereits 1963 publizierte Porträtsammlung »Das Gesicht des Dritten Reiches« wurde in linken Kreisen und von Historikern in der DDR lobend besprochen. Doch während Fest am Manuskript saß, fühlte sich seine erst 23 Jahre alte Frau Jutta einsam, begann eine Affäre mit Nathum Goldmann, dem 67-jährigen Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, und brannte mit ihm durch. Die zweite Ehe von Fest mit einer Frau jüdischer Herkunft hielt bis zu seinem Tod, wenngleich er Geliebte hatte, die Kinder von ihm bekamen.

Franz Walter macht Lust, Joachim Fest wieder zu lesen, denn schreiben, das konnte er.

Franz Walter erzählt auch das, weil es zum Leben von Fest gehört. Doch er verweilt nur kurz dabei. Selbst dem Bau der Villa in Kronberg bei Frankfurt am Main schenkt er mehr Raum. Weil der Eingangsfront Fenster fehlen, wirkte sie auf Besucher wie ein Bunker. Fest ließ die auf dem Grundstück stehende alte Villa gegen die Empfehlung des Denkmalschutzes abreißen und sich einen Neubau von Cäsar Pinnau entwerfen. Der zeichnete unter Hitlers Lieblingsarchitekt Albert Speer Skizzen für die Welthauptstadt Germania. Joachim Fest hatte erwogen, Speer selbst zu beauftragen, dessen Erinnerungen und Tagebücher er als Ghostwriter aufpoliert hatte. Doch Speer winkte ab und empfahl Pinnau.

Heute weiß man, dass Speer sich beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg herausredete und anders nicht mit einer Haftstrafe davongekommen wäre. Fest wusste das in den 60er und 70er Jahren noch nicht, ahnte es nur. Doch bei seiner Speer-Biografie von 1999 blendete Fest Forschungsergebnisse seit den 80er Jahren aus. Das beschädigte seinen Ruf. Der Ruf war bereits angekratzt durch den Historikerstreit von 1986. Fest veröffentlichte damals in der »FAZ« eine Rede von Ernst Nolte, die angeblich nicht gehalten werden durfte. Nolte meinte, die Shoa sei nur eine Reaktion auf den stalinistischen Gulag gewesen. FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki, selbst Überlebender der Shoa, hätte die Veröffentlichung akzeptiert, wenn Fest eine Antwort in der Schublade gehabt hätte. Dem war aber nicht so. Stattdessen antwortete der Philosoph Jürgen Habermas in der Wochenzeitung »Die Zeit«. Fest hielt zu Nolte, obwohl er dessen Ansichten gar nicht teilte.

Franz Walter zerpflückt Fest einerseits, wenn er beispielsweise schildert, wie dieser bei dem Schriftsteller Heinrich Mann »die immer wiederkehrenden Begriffe von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit« nicht ertragen habe. Hätte Heinrich Mann denn besser die Parolen von Volk, Führer und Vaterland mitgrölen sollen? Andererseits bedauert Walter, dass die Pflege des geistigen Eigentums der demokratisch-konservativen Richtung vernachlässigt werde. Die Folgen seien seit etwa zehn Jahren zu beobachten. Denn der aufgegebene Raum bleibe nicht unbesetzt. Der spätere AfD-Gründer Alexander Gauland zählte Franz Walter zufolge einst zu den Gästen, die Joachim Fest während der Frankfurter Buchmesse in seine Villa einlud. Aber damals galt Gauland noch nicht als rechts.

Walter macht Lust, Joachim Fest wieder zu lesen, denn schreiben, das konnte er – und der Arbeiterjunge Walter, aufgewachsen ohne die Klassiker im Bücherschrank und Gemälde an den Wänden, der kann es auch!

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