Politics nd
»Gen Z regelt« | Jugend voran!
Die »Gen Z«-Demonstrationen waren politisch diffus und wurden teils gekapert. Und die brutal auftretende Polizei findet immer Gründe, zuzuschlagen.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Ein bisschen zu flauschig, ein bisschen zu süß: »Gen Z« darf ruhig radikaler regeln. Foto: stocksnap/pixabay Man wusste es vorher schon: Dass die jungen Demonstrant*innen theoretisch recht schwach auf der Brust sind, zeigte sich ja bereits an der Losung, die sie sich erfunden haben. »Gen Z regelt«: Ein Motto, das ohne Weiteres auch die FDP-Jugend für ihren nächsten wirtschaftspolitischen Stammtisch hätte wählen können. »Gen Z kuschelt« oder »Gen Z googelt« wäre vermutlich der passendere Slogan gewesen. Wer erwartet hatte, dass die Generation Tiktok, die ihre Lebenszeit bevorzugt zwischen Couch und Kühlschrank zubringt, während sie sich in narzisstischer Selbstbespiegelung übt und Kram bei Amazon oder Zalando bestellt, einen halbwegs überzeugenden und politisch nicht allzu verblödeten Protest zustande bekommt, wurde am Wochenende eines Besseren belehrt. Selbstverständlich kriegt die »Gen Z«, die selbst ihren Salat noch im Internet bestellt, gar nichts geregelt.
Doch das sollte einen nicht überraschen, denn auch die Boomer-, die Generation-X- und die Millennial-Langweiler haben zu ihrer jeweiligen Zeit nichts auf die Reihe bekommen beziehungsweise sich gründlich und auf jede erdenkliche Art und Weise blamiert: die Boomer mit ihrem K-Gruppen-Schwachsinn, der schleichend in New Age/Esoterik (Langhans) oder Hardcore-Karrierismus (Schröder/Fischer) übergegangen ist; die Generation X mit ihrem materialismusfeindlichen Popgeschwafel und ihrer Postmoderne; die Millennials mit ihrem eindimensionalen Identitätspolitik-Blödsinn und ihrem ultradogmatischen Kulturalismus-Baukasten.
Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute
Es ist ja im Grunde alles komplett wurscht. Warum und wie sich als links und widerständig begreifende junge Menschen hierzulande auch protestieren wollen, am Ende kommen doch immer wieder die gleichen öden Latsch-Demonstrationen dabei heraus, auf denen die üblichen Politmacker und Dogmatiker ihre mit Buchstaben bemalten Bettlaken in die Höhe halten und die ranzigen Parolen aus Opas Mottenkiste skandieren.
Das passiert zuverlässig stets dann, wenn, wie jetzt an diesem Wochenende wieder geschehen, die diversen ML-Splittergruppen, stalinistischen Sektierer und in Megaphone brüllenden Pali-Soli-Dullis die sogenannten Schülerdemonstrationen in großem Stil unterwandern, eifrig ihre diversen Flaggen schwenken und jene Sprüche klopfen, die in den letzten 40 Jahren nicht gerade an Aktualität gewonnen haben: »Kohl/Schröder/Merkel/Scholz/Merz muss weg!«, »Hoch die internationale Solidarität!«, »Viva, viva Palästina!«, »Deutsche Waffen, deutsches Geld – morden mit in aller Welt!«
Politisch wirkt das alles so frisch und so geistreich wie eine Volkskammer-Rede von Günter Mittag. Und spätestens wenn die Latsch-Demo endet, wird dann einen Abend lang Revolution simuliert: Ein paar Ladengeschäfte werden »entglast«, mit Pyrotechnik wird ein bisschen hantiert und mit den Polizisten zwei Stunden lang »Fang mich doch, du Eierloch« gespielt.
Auch die Boomer-, die Generation-X- und die Millennial-Langweiler haben zu ihrer jeweiligen Zeit nichts auf die Reihe bekommen.
Weitaus verstörender und schlimmer noch als die ebenso fade wie politisch konfuse Aufführung der »Gen Z«-Demonstranten (»Es geht bei uns echt voll um die Basic-Themen«) ist aber das Treiben der zur »Deeskalation« abkommandierten Polizeieinheiten, die – nicht nur was ihre Bekleidung und Nahkampf-Ausrüstung betrifft – im Lauf der Jahrzehnte jenen brutalen Paramilitärs immer ähnlicher wurden, die man früher nur aus dystopischen/postapokalyptischen Science-Fiction-Filmen kannte.
Heute sehen die Polizisten nicht nur so aus, als handele es sich bei ihnen um Spezialtruppen zur Aufstandsbekämpfung, sie verhalten sich auch so, als müssten sie in einem südamerikanischen Bürgerkriegsland die kommunistische Guerilla niederschlagen. Dabei sollten sie doch am vergangenen Wochenende ursprünglich bloß einen Abend lang eine Handvoll diffus an Sozialdemokratie interessierte Pubertierende bewachen, die einander Schulhofwitzigkeiten zurufen (»Merz, leck Eier!«). Was das gesamte Szenario so grotesk macht.
Am Samstagabend konnte man in Berlin und anderen deutschen Städten tatsächlich beobachten, wie bis an die Zähne bewaffnete Polizeibeamte völlig enthemmt mit Schlagstöcken auf gelangweilt herumstehende Abiturienten einschlugen, die sich versammelt hatten, um mit einer Himbeerlimo oder einem zuckerfreien Proteinriegel in der Hand für eine Schule, in die es nicht mehr reinregnet, und ein etwas kuschligeres Deutschland zu demonstrieren. Die politische Naivität und beängstigende Harmlosigkeit der jungen Demonstranten, denen der Bausparvertrag gewiss näher ist als Andreas Baader, war förmlich mit Händen zu greifen.
In die laufenden Kameras hinein riefen sie nicht etwa: »Alle Macht den Räten!« Sie forderten auch nicht die Ausrottung des Kapitalismus mitsamt seinen Wurzeln oder die unverzügliche öffentliche Hinrichtung des Arbeitgeberpräsidenten. Vielmehr sagten sie Sätze, im Vergleich zu denen einem selbst das Grundsatzprogramm der Jungen Liberalen vorkommt wie ein radikalanarchistisches Pamphlet: »Wir fühlen uns zurzeit nicht ganz so repräsentiert von der Regierung«, »es fehlt uns an Wertschätzung, es wäre schön, wenn man uns mehr zuhören würde« – »Wir wünschen uns eine Zukunftsperspektive« – »Wir wollen keinesfalls herumrandalieren«.
Ein Großteil der bürgerlichen Presse hatte zuvor eine Woche lang diese kreuzbraven Jungstaatsbürger geradezu rauschhaft als linksextreme Terrorbande denunziert und den Untergang des Abendlandes heraufbeschworen. Und dann, am Samstagabend, musste man fassungslos dabei zusehen, wie diese 15- bis 20-jährigen Buben oder Mädchen, die artig solche Kuschelsätze in die ihnen hingehaltenen Mikrofone sprachen, von der Polizei niedergeprügelt wurden, als hätte sie es mit gemeingefährlichen Bandenmitgliedern des mexikanischen Sinaloa-Kartells zu tun.
Ich bin mir nicht sicher, ob, um einer besseren Zukunft willen, der weiteren Militarisierung der Exekutive und der fortgesetzten Erweiterung der staatlichen Repressionsmaßnahmen nicht etwas entgegengesetzt werden sollte.
Sicher ist jedenfalls: Auch künftig »regelt« nicht die »Gen Z«, sondern wie immer im Kapitalismus »die Wirtschaft«.
Andere Medien haben Konzerne oder Milliardäre im Rücken. Wir haben die nd.Genossenschaft und Leser*innen wie dich. Das macht uns unabhängig und genau das wollen wir bleiben. Aber es heißt auch: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Du kannst direkt hier spenden, einmalig oder regelmäßig, damit nd bleibt.