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»Geister« im Kino | Haarscharf am Kitsch

»Geister« ist ein Versuch des Ham­burger Regisseurs Fatih Akin, einer jüngeren Generation nahe zu sein

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Ein Jugendfilm des alten Romantikers Akin Foto: Bombero International/Rialto Film/Warner Bros. Ich war angenehm überrascht: Da steuert die junge Liebe auf einen schlimmen Autounfall zu – und der Film zeigt ihn nicht. Sondern nur das Davor und das Danach. Endlich, dachte ich, erzählt das deutsche Kino einmal nicht alles aus und verzichtet auf den spektakulären Crash in Zeitlupe. Die Zuschauerin hat schließlich genug Fantasie, man muss ihr nicht jedes Detail vorkauen.

Doch das dicke Ende kommt verspätet. In »Geister« reicht Fatih Akin den Unfall noch mehrfach aus verschiedenen Perspektiven nach – inklusive verzweifelter Befreiungsversuche unter Wasser und des üblichen Blubb-blubb. Erst wenn man jedes Detail kennt, das sich in der Elbe abspielt, weiß man das Geschehen über der Wasseroberfläche ins rechte Licht zu rücken. Hier ist weniger Akira Kurosawas »Rashomon« die Referenz als Alfred Hitchcocks »Vertigo«.

Dass der Unfall zunächst ausgespart bleibt, hat also einen erzählerischen Grund: Der angehende Student Faris, der doch nur seinen neuen Schwarm Farasha nach der Abi-Party nach Hause fahren wollte und ihn dabei verliert, kann sich nicht an den Hergang erinnern, weil er bewusstlos war. Um die Schuldfrage geht es hier nicht, das macht das Drehbuch etwa plump mit der Information klar, die es einer Polizistin in den Mund legt: Eine Baustelle war nachts unzureichend ausgeschildert.

Vielmehr will »Geister« das Publikum in den Strudel dieser starken Emotionen reißen – jugendliche Verliebtheit, Depression und Trauer nach dem Verlust – und zieht dafür alle bewährten Register. Bei mir triggerte der Film vor allem Höhenangst – die schlimmste Szene in der überstrapazierten Kulisse des nachgebauten Hamburger Fernsehturms verfolgte mich noch nachts im Bett.

Die Verstorbene kann ihren Nächsten, der islamischen Mythologie zufolge, 40 Tage lang in Träumen erscheinen, und da richtet Farasha viel Durcheinander an, weil sie Faris nicht loslassen will. Für den Zurückgebliebenen ist es der reinste Albtraum, aus den von der Angebeteten gestalteten Romanzen zu erwachen. Das Traumpaar flaniert dabei durch einschlägige Orte der menschenleeren Hansestadt, woran die Tourismuszentrale ihre helle Freude haben dürfte.

Akin setzt hier angenehmerweise nicht auf Stars, sondern auf neue Gesichter.

»Geister« ist auch ein Versuch des 53-jährigen Hamburger Regisseurs, einer jüngeren Generation nahe zu sein. Anime und Manga waren die Stilvorgabe für die Kamera von Frank Griebe – Populärkultur, die Akin seine Kinder nahegebracht haben und der nicht selten eine gewisse Theatralik und Plakativität zu eigen ist.

Und die Marketing-Maschine rollt: Bei der Produktion hat sich der Regisseur in die Arbeitsversion in Schwarz-Weiß verknallt und nun für den Film zwei Fassungen hergestellt: »In Farbe ist der Film ein Movie, eine Lovestory. In Schwarz-Weiß ist es ein Kunstwerk über Existentialismus«, sagt er. (Die Presse bekam vorab nur die Lovestory zu sehen.) Zum Filmstart erscheint zudem eine Graphic Novel im Manga-Stil.

Akin setzt hier angenehmerweise nicht auf Stars, sondern auf neue Gesichter: Mariam Dawoud (ganz ohne Schauspielerfahrung) und Eren M. Güvercin wissen als Farasha und Faris in den Bann zu ziehen. Nach den Nazis in »Amrum« stehen nun wie im ebenfalls in Akins Heimatstadt angesiedelten Debüt »Kurz und schmerzlos« (1998) wieder Menschen aus Einwandererfamilien im Mittelpunkt, und von ihnen erzählt Akin so empathisch wie kein anderer prominenter deutscher Regisseur. Faris hat einen (abwesenden) türkischen Vater; Farasha hat über die Narben, die von ihrer Flucht aus Syrien zeugen, einen Schmetterling tätowieren lassen.

»Geister« ist eher ein Jugendfilm des alten Romantikers Akin, haarscharf am Kitsch gebaut. Wenn das Schmetterlingstattoo losfliegt, ist die Grenze überschritten. Doch mit echten Dialogen, echten Menschen und allzu menschlichen Geistern – und nicht zuletzt dank Malakoff Kowalskis elektrisierenden Soundtracks, der sich nah an der Lebenswelt der Figuren bewegt – kriegt Akin immer wieder die Kurve. Er kann es nicht lassen, aber er kann es.

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Originally published bynd
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