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Gaza-Krieg | Eine Beleidigung der »Reinheit unserer wilden Krieger«
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Eine Filmszene aus dem Dokumentarfilm »Naza« Foto: Biennale Venedig Wieder einmal sind sich Regierung und Opposition in Israel einig im Kampf gegen die Darstellung und Wahrnehmung im Ausland der von der Armee im Gazastreifen begangenen Verbrechen. Selbst die Abgeordnete, die öffentlich die Absicht bekundet hatte, »ungenaue Bomben« gegen die Zivilbevölkerung des Gazastreifens einzusetzen, warf »Naza« – dem bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichneten Dokumentarfilm – vor, über die Massentötung von Palästinensern zu lügen.
Tally Gotliv, Knesset-Abgeordnete der Likud-Partei von Regierungschef Benjamin Netanjahu – und Kandidatin für die kommenden Wahlen für »Jüdische Stärke« (Otzma Yehudit), die Partei des Suprematisten Itamar Ben-Gwir –, forderte Zensur und die Verhaftung jener Soldaten, die die Massaker eingeräumt hatten. Der Abgeordneten zufolge schadet die von ihnen verbreitete Darstellung »schwer der Widerstandskraft der Armee und der Reinheit unserer wilden Krieger«.
Auf derselben Linie liegt Naftali Bennett, einer der führenden Oppositionspolitiker gegen Netanjahu und Kandidat für das Amt des Premierministers nach den Wahlen vom 27. Oktober. Er bezeichnete das Werk der Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor als »schreckliche Blutbeschuldigung« gegen israelische Soldaten. Dieser Begriff wird heutzutage von der Führung in Tel Aviv verwendet, um Vorwürfe bezüglich Tötungen, Völkermord, sexueller Gewalt und Folter mit einer Form antisemitischer Dämonisierung gleichzusetzen.
»Was es besonders schmerzhaft und ärgerlich macht, ist, dass diese Lüge von israelischen Regisseuren stammt und nun weltweit verbreitet wird«, postete Bennett auf X und fügte hinzu: »Der Tod jedes Kindes ist eine Tragödie, aber ein schrecklicher Krieg ist kein Völkermord.« Der Spitzenkandidat des mit Jair Lapid gegründeten Parteienbündnisses »Gemeinsam« behauptet, der Bodenangriff auf Gaza beweise, dass Israel nicht die Absicht habe, Zivilisten anzugreifen.
»Der Tod jedes Kindes ist eine Tragödie, aber ein schrecklicher Krieg ist kein Völkermord.«
Doch auch Scharfschützen und Panzergeschütze haben wahllos Erwachsene und Kinder getötet, wie unzählige Videoaufnahmen, Berichte palästinensischer und internationaler Ärzte, zahlreiche Zeugenaussagen sowie jüngste Eingeständnisse der Armee selbst belegen. Deren Sprecher weist die Darstellungen des Dokumentarfilms jedoch zurück; er spielt die Rolle der künstlichen Intelligenz herunter und erklärt, dass »unbeabsichtigte Schäden« – also die erschreckende Zahl ziviler Opfer –, die »aus rechtmäßigen Angriffen resultieren«, nicht als vorsätzliche Absicht zur Begehung eines Völkermords ausgelegt werden könnten.
Die im Film gesammelten Zeugenaussagen schildern genau das Gegenteil: eine Armee, für die der Tod von Zivilisten keine Schranke für militärisches Handeln darstellt, sondern eine einkalkulierte und gleichgültig in Kauf genommene Konsequenz.
Der Text wurde »nd« zur Verfügung gestellt von der linken italienischen Tageszeitung »Il Manifesto«, mit der wir kooperieren.
Die Reaktion der Armee zielt zudem darauf ab, die Aussagen der 24 im Dokumentarfilm auftretenden Soldaten als unglaubwürdig darzustellen, indem die Anonymität kritisiert wird, hinter der sie sich schützen. Hierzu hatten die Regisseure bereits erklärt, dass die Befragten nur einen Teil der direkten und indirekten Zeugenaussagen repräsentierten, die im Laufe einer mehrjährigen Recherche gesammelt worden seien – einer Arbeit, zu der auch investigative Journalisten von »+972 Magazine«, »Local Call« und der britischen Tageszeitung »The Guardian« beigetragen haben.
Zu Redaktionsschluss lagen noch keine Stellungnahmen aus dem Büro von Premierminister Benjamin Netanjahu vor; die israelische Presse hat den Inhalt des Films jedoch unterschiedlich und teils widersprüchlich dargestellt. Überraschend ist die Reaktion von »Yedioth Ahronoth«, einer der führenden israelischen Mainstream-Zeitungen: Sie bezeichnete das Werk als »eine sachliche und zugleich überzeugende Anklageschrift« und fügte – unter Verwendung eines Wortspiels mit der Bedeutung des Titels – hinzu, es könne Israel weltweit einen »alles andere als bloß ›kollateralen‹ Imageschaden« zufügen.
Der Autor des Artikels, Amir Bogen, erklärt, dass Israel durch die Verweigerung des Zugangs für die internationale Presse nach Gaza die Journalisten dazu zwinge, auf Berichte palästinensischer Kollegen zurückzugreifen, deren Glaubwürdigkeit von Tel Aviv selbst infrage gestellt werde. Doch diesmal, so Bogen weiter, seien es zwei israelische Regisseure, die enthüllten, was Armee und Sicherheitsapparat der Welt vorenthielten.
Der Journalist zeigt sich besonders beeindruckt von der Gegenüberstellung der »glitzernden Wolkenkratzer« Tel Avivs und der Trümmerlandschaft Gazas – ein Kontrast, der ihn dazu veranlasst, ein Israel zu beschreiben, das »keinerlei Interesse daran zeigt, zu den Hilfsmaßnahmen beizutragen. Im Gegenteil. Vielleicht ist genau das das Ziel: alles unter der Oberfläche begraben zu lassen – die Zehntausenden toten Bewohner ebenso wie das Gewissen derer, die zu ihrem Ende beigetragen haben. Ein weiterer Grund, ausländische Journalisten nicht nach Gaza hineinzulassen.«
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Source: nd