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Ganztagsbetreuung | Flickschusterei und Scheinlösungen

Seit August haben Kinder Anspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Doch verbindlichen Nachmittagsunterricht gibt es weiterhin nicht überall.

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Wenn die Schulzeit nicht mit der Arbeitszeit der Eltern abgestimmt ist, haben die Familien ein Problem. Die Ganztagsbetreuung soll das Problem lösen. Foto: dpa/Hatim Kaghat Mittwoch, elf Uhr. Die Lehrerin wünscht den Erstklässlern ein »schönes Wochenende«. Vor dem Tor warten startbereite Familienvans, denn morgen ist Feiertag, dann folgt ein Brückentag, an dem der Unterricht ebenfalls ausfällt. Der verlängerte Kurzurlaub lohnt sich also. Der Haken dabei: Nur wenige Kinder fahren in ein Ferienhaus am Meer. Vielmehr fragen sie sich spätestens ab halb zwölf, was sie machen sollen. Mutter und Vater müssen arbeiten, doch das interessiert die Schule wenig: Wenn der Stundenplan der Kinder nicht zu den betrieblichen Einsatzplänen der Eltern passt, gilt das als privates Problem.

Zugegeben, die Geschichte ist einseitig erzählt. Meist beginnt das schulische Wochenende nicht am Mittwochvormittag. Doch immer wieder wechselnde Anfangs- und Schlusszeiten des Unterrichts sind vor allem im Westen Deutschlands nach wie vor üblich. Im Vergleich zur relativ verlässlichen Kita ist das für Eltern ein deutlicher Rückschritt. Mittlerweile wird an fast allen Schulen eine warme Mahlzeit angeboten. Danach startet an vielen Schulen der sogenannte offene Ganztag, ein halbherziges Angebot ohne feste Verpflichtung. Daran dürfte sich so bald wenig ändern.

Immerhin gibt es seit dem laufenden Schuljahr einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen. So steht es in einem Gesetz, das die damalige schwarz-rote Koalition bereits vor mehr als fünf Jahren beschlossen hat. Die Regelung wird schrittweise eingeführt: Seit Sommer 2026 gilt sie zunächst für Erstklässler, ab 2029 dann für alle Jahrgangsstufen. Die Schulen müssen an fünf Werktagen jeweils mindestens acht Stunden Betreuung anbieten. Während der Ferien dürfen sie höchstens vier Wochen pro Jahr vollständig schließen.

Knapp zwei Drittel der Grundschüler nehmen bereits an Ganztagsangeboten teil. Das sind deutlich mehr als vor einem Jahrzehnt. Die regionalen Quoten schwanken zwischen fast 90 Prozent in Ostdeutschland und den Stadtstaaten und nur knapp 50 Prozent in Baden-Württemberg oder 60 Prozent in Bayern.

Kritiker wittern hinter dem Rechtsanspruch einen Zwang. »Bis die Sonne untergeht« titelte einst die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und entwarf ein Horrorszenario: »Manche Kinder werden schon um sieben Uhr früh gebracht, die Schüler kommen im Dunkeln und gehen in der Dämmerung. Betreuung bis zu zehneinhalb Stunden am Tag, 50 Stunden in der Woche. Für manche Berufstätige mag das ein Traum sein. Und für die Kinder?«

Der Bericht schildert, wie ein Junge am ersten Schultag »um zwei Uhr Heimweh« hat. Und überhaupt: »Immer mehr Kinder sind verhaltensauffällig.« Denn im Ganztagssystem sei die »Basisstation« nicht mehr die »elterliche Wohnung, sondern die Institution«.

Der Bericht beruft sich auf Warnungen von Psychologinnen und Ärzten: »Toben ohne Trainer, Ruhe ohne Zeitfenster, Rückzug ohne Rückzugsecke – viele Kinder können das schon gar nicht mehr: sich ausklinken.«

Und als Wink an die Erziehungsberechtigten: »Manche vergessen, dass dieses durchgetaktete Leben nicht eine Zusammenballung von Umständen ist, an denen sich nichts ändern lässt. Sondern die Summe von Entscheidungen, die sie selbst getroffen haben.«

Selbst getroffene Entscheidungen? Wer über zu viel »Programm« und das Verplanen der Kindheit klagt, ignoriert die dahinterstehenden ökonomischen Zwänge. Statt sich für familienbewusste Personalpolitik einzusetzen, mokieren sich CDU-Politiker über eine angebliche »Lifestyle-Teilzeit«. Nicht alle Beschäftigten haben genug Verhandlungsmacht, um bei ihren Vorgesetzten Homeoffice durchzusetzen – ganz abgesehen davon, dass Eltern ihren Nachwuchs parallel zur Erwerbsarbeit zu Hause kaum angemessen betreuen können.

Aber Kinder, die durch Schnee und Regen stapfen, noch bevor die Sonne aufgeht – das ist in der Tat kein schöner Anblick. Warum aber fängt die deutsche Schule schon um acht Uhr an, teilweise sogar früher? Wieso nicht um neun, wie in Großbritannien, oder für Jugendliche noch später, wie die Chronobiologie empfiehlt?

Der zeitige Beginn ist jedoch eine notwendige Voraussetzung für das Halbtagssystem, anders ist das Lernpensum nicht zu schaffen. Dabei wirkt der frühe Schulstart wie ein Relikt aus der Zeit der Frühindustrialisierung: Er soll disziplinieren für kommende Anforderungen wie Pünktlichkeit und Anpassung. Mit dem Entzerren des Unterrichts dagegen ergeben sich, ganz im Sinne der Entwicklungspsychologie, neue Chancen.

Die Halbtagsschule war stets ein (west-)deutscher Sonderweg, in fast allen europäischen Ländern ist Nachmittagsunterricht selbstverständlich. Fast nirgendwo gibt es ein zeitlich so begrenztes Bildungsangebot. Und nirgendwo werden die Probleme, die sich daraus ergeben, in ähnlich drastischer Form auf die Eltern und hier vor allem auf die Mütter abgewälzt: Ob Erkrankungen, Sprechtage, Fortbildungen, Betriebsausflüge, Glatteis oder Hitzefrei – Gründe gibt es viele, warum der ohnehin knapp bemessene Unterricht ausfällt. Wer dann nicht auf hilfsbereite Verwandte, Nachbarn oder Freundinnen zurückgreifen kann, ist kaum in der Lage, eine Vollzeitstelle außer Haus anzunehmen.

Eine tief sitzende Ursache dieser Misere ist ein antiquiertes Familienbild, das Erziehung als vorwiegend private Angelegenheit und nicht als öffentliche Aufgabe betrachtet. Einst war von »Verwahranstalten« die Rede, von »Rabenmüttern« für arbeitende Mütter und von »Schlüsselkindern«, wenn die Kinder alleine nach Hause kamen – spezifisch deutsche Begriffe, die es in anderen Sprachen gar nicht gibt. So ist in Frankreich die Rolle des Staates als pädagogische Instanz seit der Aufklärung positiv besetzt – während man hierzulande gleich totalitäre Indoktrination witterte. Der Staat sollte seine »Einmischung« nach diesem Verständnis auf wenige Stunden Bildungsvermittlung am Vormittag beschränken.

Weil die Halbtagsschule aber immer weniger zur Berufstätigkeit beider Eltern passt und auch die Unternehmen wegen des Fachkräftemangels Druck auf die Politik ausüben, kommt jetzt der Rechtsanspruch zumindest an den Grundschulen. Der große Wurf aber ist das nicht: Man betreibt weiterhin Flickschusterei und improvisiert mit Scheinlösungen. Der in den meisten Bundesländern vorherrschende offene Ganztag bedeutet in der Regel Vormittagsunterricht nach altem Muster mit anschließender Beaufsichtigung durch teils nicht angemessen ausgebildete Aushilfskräfte aus der Jugendhilfe und aus Vereinen.

»Etwa ein Drittel des Personals im Ganztag verfügt über keine ausreichende pädagogische Qualifizierung«, kritisiert Gunther Graßhoff vom Institut für Sozial- und Organisationspädagogik der Universität Hildesheim diese Praxis in der Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. »Billigvarianten« nennt das der Bildungswissenschaftler Wilfried Bos, sein Kollege Dirk Zorn von der Bertelsmann-Stiftung spricht von einem »konzeptionellen Vakuum«.

Notwendig wäre ein für alle verbindlicher ganztägiger Schulbesuch, bei dem sich Lernen und Freizeit abwechseln. Nur so können Mütter und Väter das anstrengende Jonglieren zwischen Stunden- und Schichtplänen beenden.

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