World · nd · · 2h
»Freiheitspreis 2026« der FDP | Geschichtsvergessene Glorifizierung
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Protest gegen die Islamische Republik, für den »Kronprinzen des Iran« Reza Pahlavi: London im Februar 2026 Foto: DPA/ZUMA PRESS WIRE/Vuk Valcic Alle zwei Jahre verleiht die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung einen »Freihheitspreis«. Diesjähriger Empfänger der am 7. November in der Frankfurter Paulskirche zu verleihenden Auszeichnung: »das Iranische Volk«. So gab es die FDP einer am 14. September veröffentlichten Pressemitteilung bekannt. Der iranische »Oppositionsführer« und Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, soll den Preis »treuhänderisch für das Iranische Volk« entgegennehmen und Bijan Djir-Sarai, der außenpolitische Sprecher der FDP, wird die Laudatio halten.
Dazu erklärte der Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung, Steffen Saebisch: »Wir freuen uns, dass Reza Pahlavi den Preis für das Iranische Volk treuhänderisch entgegennimmt, bis zu dem Tag, an dem der Preis den frei gewählten Repräsentanten des Iran übergeben werden kann.« Reza Pahlavi sei, so heißt es weiter in der Pressemitteilung, »die bekannteste Persönlichkeit der Iranischen Opposition« und engagiere »sich für die Rückkehr zu Freiheit und Demokratie im Iran«.
Vergessen scheint die autokratische Herrschaft der beiden Schahs der kurzlebigen, von 1925 bis zur Islamischen Revolution 1979 den Iran regierenden Pahlavi-Dynastie. Deren Begründer, Reza Schah Pahlavi, der Großvater des heutigen »Oppositionsführers«, konnte mit dem Rückhalt der von ihm modernisierten Armee despotisch herrschen. Unter anderem zwang er die zahlreichen Nomadenstämme, die rund ein Viertel der iranischen Gesamtbevölkerung ausmachten, zur Ansiedlung in ihnen zugewiesenen, für die Viehhaltung jedoch häufig ungeeigneten Gebieten. Wenn sich Widerstand gegen diese rigorose Politik der Sesshaftmachung regte, griff das Militär mit aller Härte durch und schlug Aufstände gnadenlos nieder, wobei die meisten Stammesführer hingerichtet oder aus dem Land vertrieben wurden.
Um den Iran in einen säkularen Nationalstaat nach europäischem Vorbild zu verwandeln, schrieb Reza Schah Pahlavi allen Männern (mit Ausnahme der Geistlichen) und später auch allen Frauen westliche Kleidung vor. Sein Verbot des Schleiers ließ sich aber auch mit Gewalt nicht durchsetzen.
»Ein sogenannter ›Freiheitspreis‹ für eine faschistische Bewegung von iranischen Reichsbürgern …«
Nach Reza Schah Pahlavis Abdankung im Jahr 1941 bestieg sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi den Thron. Dieser befürwortete zunächst eine konstitutionelle Monarchie, ehe er in heftige Auseinandersetzungen mit dem 1951 gewählten Premier Mohammad Mossadegh geriet. Hintergrund des Konfliktes war Mossadeghs Versuch, die Anglo-Iranian Oil Company, in der Großbritannien die Aktienmehrheit hielt, zu verstaatlichen. Im Zuge dieser Krise floh der Schah 1953 ins Ausland, aber kurz darauf stürzte Mossadegh durch einen Staatsstreich der Armee unter Unterstützung des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA, der eine mögliche Annäherung Irans an die Sowjetunion verhindern wollte.
Nach Mossadeghs Sturz kehrte der Schah in den Iran zurück und entwickelte sich fortan immer mehr zu einem Despoten nach Art seines Vaters. Dabei stützte er sich wiederum auf die Armee, die er dank großzügiger US-amerikanischer Militärhilfe modernisieren und vergrößern konnte, sowie auf den ebenfalls mit ausländischer Hilfe aufgebauten Geheimdienst SAVAK, aus dem ein gefürchtetes Überwachungsinstrument wurde.
Auf Druck des damaligen US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy leitete der Schah 1960 eine kurze Phase der Liberalisierung ein, doch bereits drei Jahre später schaltete er die Opposition wieder gewaltsam aus. 1975 wurden die letzten beiden zugelassenen, aber nur noch ein Schattendasein führenden Parteien aufgelöst und durch die neu geschaffene Einheitspartei Rastachiz (»Auferstehung«) ersetzt, in der jeder erwachsene Staatsbürger Mitglied werden musste.
Angesichts der nahezu lückenlos organisierten innenpolitischen Repression, ohne jede Möglichkeit zu politischer Mitbestimmung oder freier Äußerung regimekritischer Ansichten, blieb nur die religiöse Opposition, um Widerstand gegen die despotische Herrschaft des Schahs zu leisten. Dieser schwelende Protest brach 1978 vor dem Hintergrund der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise, in die der Schah sein Land geführt hatte, als Islamische Revolution auf breiter Front aus. Wenig später, im Januar 1979, floh der Schah aus dem Iran und verstarb im Jahr darauf in Kairo.
Ein paar Jahrzehnte später soll ausgerechnet der Sohn des letzten Schahs, der in einem Interview in geschichtsrevisionistischer Weise eine angebliche »Liberalisierung der Gesellschaft« als Vermächtnis seines Vaters bezeichnete, zur Symbolfigur des Kampfes »für Freiheit, Bürgerrechte und Demokratie« stilisiert werden. Nichts anderes versucht die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung mit der Verleihung ihres »Freiheitspreises 2026«, und es dürfte von den Opfern der autokratischen Herrschaft der beiden Schahs der Pahlavi-Dynastie und deren Nachkommen als Schlag ins Gesicht aufgefasst werden.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass ein iranischer Oppositioneller, der für eine demokratische Republik im Iran kämpft, die Ankündigung der Preisverleihung auf dem Kurznachrichtendienst »X« unter dem Hashtag »#No2ShahNo2Mullahs« mit folgenden Worten kommentierte: »Ein sogenannter ›Freiheitspreis‹ für eine faschistische Bewegung von iranischen Reichsbürgern …«
Die Preisverleihung ist vermutlich der verzweifelte Versuch der FDP, die bei der jüngsten Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern noch hinter der Tierschutzpartei landete, auf sich aufmerksam zu machen. Dabei könnte die Wahl bewusst auf das Gebiet der Außenpolitik gefallen sein: Hier vermochte die FDP in vergangenen Zeiten, an die sie gerne wieder anknüpfen würde, zu reüssieren. Bis 2013 stellte die marktliberale Partei mit Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Klaus Kinkel und Guido Westerwelle tatsächlich vier Bundesminister des Auswärtigen. Heute hingegen droht sie einmal mehr in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken – dieses Mal vielleicht endgültig.
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Dank der Unterstützung unserer Community können wir:
→ unabhängig und kritisch berichten → Themen ins Licht rücken, die sonst im Schatten bleiben → Stimmen Raum geben, die oft zum Schweigen gebracht werden → Desinformation mit Fakten begegnen → linke Perspektiven stärken und vertiefen
Mit »Freiwillig zahlen« tragen Sie solidarisch zur Finanzierung unserer Zeitung bei. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd