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Frankreich | Protestierende Schüler finden viel Unter­stützung

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Beim landesweiten Aktionstag der Schülerproteste hält jemand in Paris ein Schild mit der Aufschrift »Die Jugend wird eure Scheiße nicht fressen« in die Höhe. Foto: AFP/Geoffroy van der Hasselt Der Aktionstag, zu dem die protestierenden Oberschüler für Dienstag aufgerufen hatten, wurde für sie ein großer Erfolg – sowohl auf der Straße als auch in der öffentlichen Meinung. Vom Morgen an waren mehrere Zehntausend Schüler zunächst in Nantes, Rennes, Lyon und Marseille auf die Straße gegangen, bevor am Nachmittag der große Demonstrationszug in Paris am Platz der Republik seinen Anfang nahm.

An der Seite der Gymnasiasten demonstrierten auch Lehrer, Studenten und Eltern, um ihre Solidarität zu bekunden und den Forderungen der Jugendlichen Nachdruck zu verleihen. Insgesamt zählten die Organisatoren landesweit 450.000 Demonstranten, davon allein 100.000 in Paris.

Die Bewegung, die seit Mitte September andauert und noch immer an Stärke gewinnt, hatte ihren Anfang mit einem Streik von Lehrern eines Gymnasiums in der Pariser Vorstadt Créteil genommen, die gegen ihre schlechten Arbeitsbedingungen protestierten. Das wurde dort und dann auch an anderen Oberschulen der Pariser Region von den Schülern aufgegriffen und um deren eigene Forderungen ergänzt. Diese Bewegung hat sich wie ein Flächenbrand über das ganze Land ausgebreitet.

Ganz oben auf der Liste ihrer Sorgen steht die hohe Zahl von Ausfallstunden, denn meist werden kranke Lehrer nicht ersetzt, weil das dafür nötige Personal seit Jahren aus Einsparungsgründen wegrationalisiert wurde. Im Durchschnitt, so musste das Bildungsministerium jetzt einräumen, geht so jede zehnte Unterrichtsstunde und das damit verbundene Wissen verloren. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass in den vergangenen zwölf Monaten die Planstellen von 4000 Lehrern gestrichen wurden und im laufenden Schuljahr weitere 1500 folgen sollen.

Die Reaktion der Regierung beschränkte sich lange darauf, den Protesten immer neue Polizeieinheiten entgegenzustellen.

Kritisiert wird auch, dass viele Schulen in hohem Maße renovierungsbedürftig oder sogar baufällig sind und dass die Klassenräume aufgrund schlechter Isolierung »im Winter einem Kühlschrank und an heißen Sommertagen einer Sauna gleichen«, wie ein Schüler in einem Interview einschätzte.

Da die protestierenden Oberschüler offensichtlich anfangs von den Schulbehörden und der Regierung nicht ernst genommen wurden und kein Politiker auf ihre Sorgen eingegangen war, kam es als Reaktion zu einer Verschärfung der Proteste bis hin zur mutwilligen Beschädigung oder gar zur Brandstiftung an Schulgebäuden. Doch das war meist das Werk von schulfremden und kriminellen Jugendlichen. Die meisten Schüler haben sich davon klar distanziert. »Man hat uns unsere Bewegung gestohlen«, meinte einer von ihnen in einem Interview.

Aber auch Politiker versuchten, die Proteste der Schüler für sich zu instrumentalisieren. So waren sich Regierungsvertreter und Sprecher rechter Oppositionsparteien schnell darin, dass hinter der Protestbewegung wohl die linke Oppositionspartei La France insoumise (LFI) stecke und sie von dieser gelenkt werde.

Ein Demonstrant wirft inmitten von Tränengasrauch eine Leuchtfackel bei einer Demonstration von Schülern in der westfranzösischen Stadt Rennes . Foto: AFP/Alain Jocard Tatsächlich hatte LFI-Gründer Jean-Luc Mélenchon die Proteste sofort aufgegriffen, sich zu eigen gemacht und alle gewählten LFI-Repräsentanten aufgerufen, die Schüler auf jede nur mögliche Weise zu unterstützen. Das reichte bis zur Erklärung des LFI-Bürgermeisters der Pariser Arbeitervorstadt Saint-Denis, Bally Bagayoko, Gewalt sei gelegentlich »legitim«, auch wenn der Kommunalpolitiker aufgrund des dadurch ausgelösten Medienechos zurückruderte und präzisierte, dass dies nicht für die gegenwärtigen Schülerproteste gelte.

Die Reaktion der Regierung beschränkte sich lange darauf, den Protesten immer neue Polizeieinheiten entgegenzustellen. Das führte aber nicht zu einer Beruhigung, sondern wirkt im Gegenteil wie eine Provokation. Zusammenstöße zwischen Schülern und Polizisten bleiben so nicht aus und schaukeln sich schnell hoch. Das reicht bis zum Einsatz nicht nur von Gummiknüppeln und Tränengas, sondern auch von Granaten mit Reizstoff und Knalleffekt oder mit Gummigeschossen, die für den Fall bestimmt sind, dass Polizisten von aggressiven Menschenmassen bedrängt werden und sich verteidigen müssen.

Solche Waffen wurden vielfach missbräuchlich eingesetzt und haben bereits zahlreichen Schülern schwere Verletzungen zugefügt. Einer hat sogar ein Auge, ein anderer eine Hand verloren. Bis Dienstag wurden 215 Schüler und 85 Lehrkräfte verletzt.

Empört wird in der Öffentlichkeit vermerkt, dass Innenminister Laurent Nuñez das scharfe Vorgehen der Ordnungskräfte ausdrücklich billigt, es nicht als »unangemessen« einzuordnen bereit ist und sich öffentlich weigert, die ihm unterstellte Polizei und Gendarmerie zur »Mäßigung« zu ermahnen.

Um die Welle der Proteste abebben zu lassen, hat Premierminister Sébastien Lecornu jetzt den Volksbildungsminister Édouard Geffray aufgefordert, endlich Gespräche mit den Organisationen der protestierenden Schüler aufzunehmen und ihnen mit konkreten Maßnahmen entgegenzukommen.

Der Regierungschef muss befürchten, dass die Schülerproteste die sozialen Forderungen der Gewerkschaften verstärken und so weitgehend die Stimmung im Lande in den sechs Monaten bis zur Präsidentschaftswahl bestimmen; daher hat er in der vergangenen Woche seinerseits in einem Kommuniqué Sofortmaßnahmen angekündigt. Dazu gehören mehr Vertretungslehrer, ein Programm und Mittel für die Renovierung von Schulen, ein besser organisierter Schulalltag und dass künftig die Schülervertretungen systematisch konsultiert und in Entscheidungen einbezogen werden. Einen Effekt hatten diese Ankündigungen nicht. Wahrscheinlich kommen sie viel zu spät.

Ein Demonstrant wirft während einer Demonstration von Gymnasiasten in Paris einen Verkehrskegel auf einen Angehörigen des französischen republikanischen Sicherheitskorps (CRS – Compagnies Républicaines de Sécurité). Foto: AFP/Kenzo Tribouillard Wir haben nachgerechnet Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: Recherche, Produktion und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

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