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Frankfurter Buchmesse | Tschechien liegt jetzt am Meer

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In Prag wirkt die Moldau manchmal wie ein Ozean: »Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder«, dichtete Ingeborg Bachmann 1964 – und wir glauben 2026 dem Gastland Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: dpa/ZUMA Wire/Slavek Ruta Irritation als Werbeeffekt: Tschechien ist doch ein Binnenstaat. Wie kann es als Gastland der Frankfurter Buchmesse, die heute beginnt, als »Ein Land an der Küste« beworben werden? Da möge man sich an Ingeborg Bachmanns berühmtes Gedicht »Böhmen liegt am Meer« erinnern, das von William Shakespeare inspiriert war. Der hat, ob aus geografischer Unkenntnis oder aus Mutwillen, in seinem Drama »Das Wintermärchen« Böhmen unweit von Sizilien verortet. Allerdings als Fantasieland, wo sich Schlimmes in Gutes verwandeln kann. In ihrem Gedicht von 1964 ruft Ingeborg Bachmann: »Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren und Schiffe unverankert«. Schließlich grüßen die Tschechen gute Bekannte mit »Ahoj«.

Und die größte Buchmesse der Welt, die bis Sonntag dauert, begrüßt ihren diesjährigen Ehrengast ebenfalls mit »Ahoj«. Ein 2400 Quadratmeter großer Raum, gestaltet wie eine Küstenlandschaft mit riesigen, aufblasbaren »Kieselsteinen«, zwei Literaturbühnen und einem roten Leuchtturm, soll als »tschechischer Pavillon« Besucher anlocken und inspirieren. 75 Autorinnen und Autoren aus dem Nachbarland werden das Messeprogramm prägen, auf 100 Veranstaltungen. Zur Messe gibt es 150 tschechische Neuerscheinungen.

Übersetzungen aus dem Tschechischen haben immer zum deutschen Buchmarkt gehört, aber so ein großes Angebot gab es noch nie. Viele Verlage kämpfen da um die Aufmerksamkeit des Publikums. Kämpfen müssen sie. Rund 52.600 deutschsprachige Neuerscheinungen im Jahr – das heißt, pro Tag kommen 144 neue Bücher heraus.

Insgesamt hält der Handel etwa 2,5 Millionen Titel lieferbar. Wie viele davon werden wohl mangels Lagerkapazität irgendwann ins Altpapier wandern? Worüber niemand gerne reden will, ein Klassiker der tschechischen Literatur führt es einem vor Augen. Bohumil Hrabal (1914–1997) kann die Wiederauflage seines 1987 publizierten Buches »Allzu laute Einsamkeit« bei Suhrkamp nicht mehr erleben. Aber es ist wärmstens zu empfehlen, hat er darin doch ein Problem an der Wurzel gepackt, mit dem nicht nur der Buchmarkt, sondern eigentlich die ganze Gesellschaft zu kämpfen hat: Die Lesefähigkeit nimmt ab. Immer mehr Menschen gibt es, die nicht ahnen, »was so ein Buch überhaupt bedeutet«.

Von 2025 auf 2024 sank der Umsatz der Branche um 2,7 Prozent. 2026 ging er noch weiter runter und liegt nun drei Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Besonders bedenklich: Der Nachwuchs schrumpft. Auch wenn die Verkäufe im »New Adult«-Segment angezogen haben: Die Zahl der jungen Leserinnen und Leser nimmt ab. Es wird auch nicht besser: Die jüngste Pisa-Studie zeigte, dass hierzulande jedem dritten 15-Jährigen die »grundlegende Kompetenz beim Lesen« fehlt.

Dagegen stellt Hrabal einen Mann, der an einer Papierpresse seinen Schmerz mit Bier betäubt, wenn er zwischen blutigen Abfällen aus einer Fleischerei Folianten mit Goldschnitt entdeckt, die irgendjemand weggeworfen hat. Der das Gerettete dann abends in seine kleine Wohnung schleppt, wo schon alles voller Bücher ist. In einem großen Monolog zieht er uns an seine Seite, ja eigentlich spiegelt er schon damals die ganze heutige Welt.

Dabei gab es Mitte der 70er Jahre, als Hrabal »Allzu laute Einsamkeit« schrieb, keinerlei Computer im Privatgebrauch. Dennoch verspürte er, wie »eine ganz andere Art von Denken« jene Geistigkeit zurückdrängt, die seit jeher mit dem Lesen verbunden war.

Denn wer wagt sich denn heute noch an einen großen Entwurf? Radka Denemarková hat an ihrem neuen, fast 600 Seiten dicken Roman »Schokoladenblut« zehn Jahre lang gearbeitet. Es geht um Geschlechtergerechtigkeit im 19. Jahrhundert. Mit ihrer Verehrung für die tschechische Nationaldichterin Božena Němcová hat es begonnen. Da hat sie nicht nur Nemcovás populären Roman »Die Großmutter«, sondern auch ihre bislang unveröffentlichten Briefe im Manuskript gelesen. Es hat sie tief getroffen, wie diese Frau – krank, bespitzelt – 1862 mit nur 41 Jahren regelrecht verhungert ist. Dazu schildert Denemarková im Kontrast den Lebensweg der Frauenrechtlerin George Sand, die unter einem männlichen Pseudonym als Autorin berühmt wurde, und wiederum dazu im Kontrast das Leben von George Rockefeller, Begründer eines Erdöl-Imperiums.

Die Frankfurter Buchmesse wird am Dienstagabend eröffnet und geht bis zum Sonntag. Mittwoch und Donnerstag sind Fachbesuchern vorbehalten, danach wird für Publikum geöffnet. Die Zahl der Aussteller bewege sich »auf dem Niveau der Vorjahre«, sagt Buchmessen-Sprecher Torsten Casimir. Zuletzt waren 4350 Aussteller aus mehr als 100 Ländern und 238.000 Besucher nach Frankfurt gekommen. Auf zehn Bühnen sind mehr als 1000 Autor*innen zu erleben. Der Umsatz der Branche ist weiterhin rückläufig. In den meisten Themengebieten sinkt das Interesse: Reisebücher minus 11,6 Prozent (von 2024 auf 2025), Ratgeber minus 8,1 Prozent, Sachbücher minus 4,6 Prozent, Kinder- und Jugendbücher minus 2,4 Prozent. Gestiegen sind die Umsätze bei Belletristik (plus 1,2 Prozent), Young-Adult plus 4,8 Prozent und New-Adult plus 9,6 Prozent. Doch der Nachwuchs bricht weg: Die Zahl der Leser zwischen 10 und 15 Jahren ging um über 30 Prozent zurück, bei 20- bis 29-Jährigen um knapp 18 Prozent.

Warum 19. Jahrhundert? Weil damals vieles angefangen habe, was uns heute prägt, erklärte Denemarková die Autorin in einem Interview. Ihre szenischen Kurz-Kapitel muss man sich beim Lesen selbst zusammensetzen. Was nach dem Geschmack von Bohumil Hrabals Ich-Erzähler wäre. Aber hätte er diese radikal feministische Sicht geteilt?

Die Liste der nach Frankfurt Eingeladenen zeigt beinahe schon eine weibliche Dominanz. Frauen sind nun mal für Verlage eine wachsende Zielgruppe, sie lesen viel mehr Bücher als Männer. Tereza Boučkovás Roman »Das Haus an der Matoušova-Straße« erzählt die fast hunderjährige Geschichte eines Gebäudes im Prager Stadttteil Smíchov. Es beginnt mit der Sorge um eine alte Frau, führt die Autorin zu jenem jüdischen Rechtsanwalt, der die neoklassizistische Bürgervilla in Prag kaufte und vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs starb. Andere seiner Verwandten und Bekannten suchten sich durch Flucht vor den Nazis zu retten, nicht allen gelingt es.

Wir sehen die Schauspielerin Zita Kabátova und Vaclav Havel, der seine Freundin in diesem Haus besuchte. Und das wird auf eine ganz persönliche Weise erzählt, bis hin zu den Verhaftungen nach dem Ende des Prager Frühlings und dem Amoklauf in der Prager Karls-Universität 2023. Die Autorin, geboren 1957, ist übrigens Tochter von Pavel Kohout, dem Schriftsteller und Bürgerrechtler und Mitverfasser der »Charta 77«. Er wurde 1979 ausgebürgert und lebt, nun inzwischen 97, zeitweise wieder in Prag.

Einen ganz anderen Erzählton hat der Roman »Wo die Toten sprechen« von Jaroslav Rudiš. Der Titel klingt düster, es wird ja auch eine Reise zu europäischen Friedhöfen beschrieben. Aber die drei Freunde, die da in einem alten Saab unterwegs sind, nehmen es als Abenteuer, und jeder hat seine eigenen Beweggründe für diese Friedhofstournee. Auf dem Friedhof in Linz treffen sie Adalbert Stifter. In Wien stehen sie am Grab von Thomas Bernhard. Später an dem von Karl Kraus. Ludvik Kundera in Kunštat, Jaroslav Hašek in Lipnice, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag trinken sie »mit Kafka« Bier. Im Riesengebirge erinnern sie sich an Carl Hauptmann, der hier mit Bruder Gerhart eine Künstlerkolonie gründete. So viele Namen der europäischen Literatur! Doch dann wird es gefährlich. Von der Niederlausitz an werden sie von »zwei Kreuzspinnen« verfolgt.

»Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns« – dieser Satz von Franz Kafka kommt einem beim Messethema Tschechien immer wieder in den Sinn. Anna Beata Háblová erzählt in ihrem Roman »Die Schicht« von einer jungen Frau, die Tag für Tag im Supermarkt an der Kasse sitzt, Regale auffüllt, Gemüse sortiert. Muss es nicht noch etwas anderes im Leben geben? Zunächst waren ihre Gedanken an die Kunst, das Malen, nur Träume. Dann wird es konkret. Ihr gelingt ein Bild, das sie nicht wieder hergeben will, weil es Teil von ihr selbst geworden ist.

So fühlt ja auch Bhumil Hrabals Arbeiter, wenn er, stinkend nach Bier und Dreck, nach Hause trägt, was er vor der Papierpresse gerettet hat – »denn in der Mappe, da habe ich Bücher, von denen ich am Abend etwas über mich selbst, etwas, das ich noch nicht weiß, zu erfahren erhoffe«.

Da ist es ihm, »als würde auch in mir ein kleines Flämmchen flackern, so ein kleines Kontrollflämmchen wie in einem Boiler, so ein kleines Flämmchen wie in einem Gaskühlschrank, ein winziges ewiges Licht, dem ich täglich das Öl jener Gedanken zugieße, die ich beim Arbeiten und wider Willen aus Büchern, wie ich sie jetzt in meiner Mappe nach Hause trage, herausgelesen habe«. Was für eine Sprache, der Hoffnungslosigkeit entgegengesetzt.

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Source: nd