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Frank Schumann wird 75 | Ein Verleger mit Herzblut

Frank Schumann ist ein Chronist der DDR- und Zeitgeschichte, der die Attacken gegen seine Person aushält. Nun wird der umtriebige Publizist 75.

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Ein unermüdlicher Geschichtenjäger: Frank Schumann Foto: imago/IPON Bücher sind sein Leben. Unzählige Manuskripte, insbesondere Erinnerungen von Zeitzeugen des »Jahrhunderts der Extreme« (Eric Hobsbawm), wären ohne sein Interesse, seine Neugier und sein Lektorat unveröffentlicht geblieben. Was ein immenser, unwiederbringlicher Verlust nicht nur für die Historiografie, sondern auch für Nachgeborene gewesen wäre, die wissen wollen, wie was warum geschehen ist und wofür Menschen lebten, liebten, litten.

Es war Frank Schumann, der am heutigen Samstag seinen 75. Geburtstag feiert, nicht an der Wiege gesungen (um hier mal eine beliebte Floskel zu benutzen), zu einem Chronisten zu werden. Der Sohn eines Korbmachers und Pfarrers, dessen Vorfahren mütterlicherseits aus Ostpreußen stammten, erblickte am 24. Oktober 1951 in Torgau das Licht der Welt, jener Stadt an der Elbe, in der sich am 25. April 1945 Russen und Amerikaner die Hand reichten, froh, dass die Nazibestie so gut wie besiegt war. Zwei Wochen später kapitulierte die deutsche Wehrmacht. Der verdammte Krieg war aus. Europa, die Welt atmete auf. Ein guter Stern für neues Leben. Und ein Omen für den Lebensweg des Frank Schumann? Geschichte zu dokumentieren, zu reflektieren und zu diskutieren, wurde jedenfalls zu seinem Lebensinhalt.

Zunächst jedoch erlernte er den Beruf eines Glasfacharbeiters mit Abitur und arbeitete im Flachglaskombinat in Torgau, bevor er seinen Wehrdienst bei der Volksmarine der DDR antrat. Zu dieser Zeit übte er sich bereits im Verfassen von Artikeln für die Betriebszeitung »Klare Sicht« und gar für die »Leipziger Volkszeitung«, einst sozialdemokratisches Flaggschiff und nunmehriges SED-Bezirksorgan. Konsequenterweise folgte das Studium an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig. Der selbstbewusste Student verfasste Beiträge für die »Weltbühne«, die legendäre, 1905 von Siegfried Jacobsohn gegründete und in der DDR fortgeführte »Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft«.

Nach dem Diplom heuerte Schumann bei der »Jungen Welt« an, dem Zentralorgan der FDJ – als Geschichtsredakteur. Er avancierte zum Chef der Abteilung Kultur (Feuilleton galt als ein bürgerliches Wort im Arbeiter-und-Bauern-Staat) und stieg in der Wendezeit in die Chefredaktion auf.

Ja, der Spross aus einfachen Verhältnissen gehörte zu den privilegierten Bürgern in der DDR, konnte in die NSW reisen, die »nichtsozialistische Welt«, in die Bundesrepublik Deutschland, nach Westeuropa und Japan. Jeweils mit einem konkreten Auftrag, der publizistische Erträge brachte. Seine erste Recherche, die ihn ins westliche Ausland führte, war die Spurensuche nach deutschen Überläufern im Zweiten Weltkrieg, die von der Roten Armee nach Antifa-Schulung hinter der Frontlinie abgesetzt worden waren, um Erkundungen über die Stärke der Hitler-Armeen einzuholen. Daraus erwuchs eine Publikation für den Deutschen Militärverlag, die er wie folgende Buchprojekte mit Lust und Leidenschaft neben seiner tagesjournalistischen Routine realisierte.

Die Wirrnisse der deutschen »Vereinigung« zwangen ihn zu einer Neufindung eigenen Lebensinhalts. Im Dezember 1991 gründete er mit zwei Gleichgesinnten die Edition Ost, eine buchstäbliche »Schnapsidee«, wie er selbst einmal formulierte – während eines Kneipengangs geboren. Die »Dreierbande« nervten die Kriminalisierung der DDR, die Stasi-Hysterie und Aktengläubigkeit der »Wessis«, die gelebtes Leben in der DDR verkannten und verdammten, ebenso wie die devote Haltung nicht weniger »Ossis«, die endlich im »goldenen Westen« ankommen wollten – und doch chancenlos blieben. Den Einstieg boten kecke Konter gegen den Mainstream, »Ost-Salat mit West-Dressing« des Ostberliner Satirikers Lothar Kusche und »Jaaa! Deutschland balla, balla« des Hannoveraner Kabarettisten Dietrich Kittner, aber auch nachdenkliche Analysen zur Sorge auch bei europäischen Nachbarn über ein mögliches revanchistisches Großdeutschland: »Droht uns ein neues ’33?«

Von Anfang an war Schumanns Verlag auf die Erinnerung an die Schrecken der braunen Vergangenheit Deutschlands fokussiert. Edition Ost verlegte die Forschungsergebnisse etwa der renommierten ostdeutschen Faschismusforscher Kurt Pätzold und Manfred Weißbecker sowie von Kurt Gossweiler, einem exzellenten Kenner der unheilvollen Allianz des deutschen Rechtsextremismus mit dem deutschen Großkapital vor und nach 1933. Zu den Autoren und Autorinnen respektive Titelhelden der Bücher der Edition Ost gehörten Überlebende der Shoah und ehemalige Widerstandskämpfer.

Den größten Raum in der Verlagsarbeit sollten aber Publikationen zur Geschichte der DDR einnehmen. Dank des Sammlereifers des Geschichtenjägers Schumann erschienen in rascher Folger Erinnerungen der Funktionärselite der DDR, der SED-Politaristokratie, von Generälen und Admirälen, Generaldirektoren und Generalmusikmeistern, Unterhändlern zwischen Berlin und Bonn, ehemaligen Vorsitzenden der Jungen Pioniere und der FDJ, von »Kundschaftern für den Frieden« und Doppelagenten sowie von Mitgliedern des sogenannten Insiderkomitees, die sich nach 1989 um eine kritische Aufarbeitung der eigenen Institution, des Ministeriums für Staatssicherheit, bemüht und Opfer-Täter-Gespräche initiiert hatten. (Kein Verlag in Deutschland hat wohl eine derart stattliche Zahl von zeitgeschichtlicher Geheimdienstlektüre, gemischt auch mit westdeutschen Stimmen, vorgelegt wie die Edition Ost; ausgenommen vielleicht der Christoph-Links-Verlag.)

Die Präsentationen der Bücher von Markus Wolf, dem langjährigen Chef der DDR-Auslandsspionage, wie auch von Egon Krenz, dem letzten SED-Generalsekretär, füllten Säle und lockten Vertreter der meinungsführenden westdeutschen Medien an. Wie frisch gebackene Semmeln verkauften sich die Publikationen des SED-Hoffnungsträgers der Wendezeit Hans Modrow. Einen Coup landete Schumann mit den »Moabiter Notizen«, den letzten Aufzeichnungen des langjährigen Partei- und Staatschef Erich Honecker, die zehn Wochen auf Platz eins der »Spiegel«-Bestsellerliste standen, sowie mit der Veröffentlichung seiner E-Mail-Korrespondenz mit dessen Frau Margot, langjährige Volksbildungsministerin der DDR, die er kurz vor deren Tod noch im chilenischen Exil aufsuchte. Ja, auch ein ostdeutscher Verleger kann Marketing.

Den in politischer Ökonomie des Kapitalismus seit Studienzeiten versierten und seinen marxistischen Überzeugungen treu gebliebenen Editor scheren denn auch nicht die stetigen Attacken gegen ihn und seinen Verlag seitens selbsternannter Aufarbeiter der Geschichte des »SED-Regimes«, ob von der Journaille oder der Historikerzunft, die ihn und seine Autoren und Autorinnen (letztere allerdings zu wenig) der Ostalgie, Nostalgie und »Verharmlosung der DDR-Diktatur« bezichtigen. Einigen dieser Kritiker könnte man mit dem (Unter-)Titel eines ebenfalls bei der Edition Ost erschienenen Buches des Schriftstellers Landolf Scherzer antworten: »Neid musst du dir erarbeiten«.

Frank Schumann begnügte sich nicht nur mit einem Editionsunternehmen. Zur Edition Ost, die seit 2002 unters Dach der Eulenspiegel-Verlagsgruppe schlüpfte, gesellte er den Verlag am Park, in dem ebenfalls Biografien wie auch Interventionen zu aktuellen Vorgängen und Debatten, national und international, erscheinen. Anfang dieses Jahres hat Schumann den DDR-Militärverlag wiederbelebt, für den er dereinst erste Booklets verfasste und dessen Credo der strikte Antimilitarismus der Rosa Luxemburg ist. In diesem kam jüngst zum 90. Jahrestag des Spanienkriegs das Buch »Madrid, du Wunderbare« von Victor Grossman, dem deutsch-amerikanischen Journalisten mit jüdischen Wurzeln, auf den Markt.

Unglaublich, wie vielen Büchern Frank Schumann in die Welt verhalf. Ob er deren Zahl selbst kennt? Auch viele selbst, teils unter Pseudonym verfasste. Der Pseudonyme hat er fünf. Wie Kurt Tucholsky. Na klar, man misst sich mit den Großen der Weltliteratur. Herzlichsten Glückwunsch, Frank Schumann, zum 75.

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