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Fleischhauer, Martenstein und Co. | Fertig ist die Laube!
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Vielleicht würde mal ein bisschen gute Atmosphäre beim Schreiben helfen? Foto: Wiki Commons Stellen Sie sich vor, Sie schreiben eine regelmäßig erscheinende Kolumne für eine deutsche Tages- oder Wochenzeitung. Das ist ein hartes Geschäft. Jede Woche oder gar jeden Tag erwartet die Redaktion von Ihnen eine wahlweise anrührende, erhellende oder den Leser zum Schmunzeln bringende Kurzerzählung oder eine besserwisserische Einschätzung der allgemeinen Weltlage oder eine schlaumeierische Polemik, in der die Gendergaga-Fraktion lächerlich gemacht wird oder die törichten Linksliberalen, Gutmenschen und politischen Korrektheitsspinner verbal abgewatscht oder wegerledigt werden.
Das heißt: Jeden Morgen oder jeden Abend oder jedes Wochenende müssen Sie Ihren kräftezehrenden Alltag mindestens für ein paar Stunden unterbrechen und sich mühevoll vom Golfplatz oder der Paris-Bar direkt in Ihre gut geschnittene Charlottenburger oder Eppendorfer Altbauwohnung begeben. Der gute Chianti Classico mag da, auf dem Schreibtisch, schon atmen. Oder vielleicht steht auch der leichte Nuss- und Karamellnoten verströmende Reserve Gin schon bereit.
Sie könnten es so machen wie die Martensteins und Fleischhauers dieser Welt und einfach ungeprüft das Potpourri an ranzigen Ressentiments, das sich im Lauf der Jahre in Ihrem Kopf angesammelt hat, in einen Text gießen.
Doch die schweißtreibende Kreativarbeit liegt noch vor Ihnen. Dort müssen Sie sich dann, in Ihrer Funktion als Vordenker, Meinungsmacher und Visionär, Gedanken machen über das aktuelle politische Geschehen oder einen anderen Gegenstand Ihrer Wahl (Kunst, Essen, Wetter, Sex, Judenfrage), von dem Sie, wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, nur begrenzt Ahnung haben. Und Sie müssten versuchen, diese – nun ja, nennen wir sie der Einfachheit halber ruhig weiterhin so – Gedanken möglichst präzise und allgemeinverständlich in Worte zu fassen. Ideal ist es, wenn am Ende als Ergebnis Ihrer Bemühungen ein kompakter, unterhaltsamer Text entsteht, der den Leser – wie sagt man das heutzutage? – »emotional abholt und mitnimmt« und ihn weder über- noch unterfordert. Das ist nicht ganz so einfach, wie Sie meinen.
Jedenfalls haben Sie zwei Möglichkeiten, wie Sie dabei vorgehen können: Sie könnten es so machen wie die Martensteins und Fleischhauers dieser Welt und einfach ungeprüft das Potpourri an ranzigen Ressentiments, das sich im Lauf der Jahre in Ihrem Kopf angesammelt hat, in einen Text gießen und brauchen diesen dann nur noch Woche für Woche leicht variieren: die Linken sind einfältig und moralinsauer, die Frauen sollen sich nicht immer so anstellen, der Ausländer könnte jetzt endlich mal Ruhe geben. Hier ein bisschen billigen Altherrenhumor, da ein wenig Neonaziverharmlosung einstreuen, fertig ist die Laube!
Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute
Und alle sind gut bedient, selbst die dusseligen Linken hyperventilieren und reichen Ihre Kolumne tagelang im Internet herum und treiben so die Klickzahlen in die Höhe. Wenn Ihr Text simpel genug und zugleich schneidig formuliert ist (»die wahren Helden von heute sind jene tapferen Freiheitsfreunde, die von der schwulkommunistischen Regenbogenmafia als ›rechtsextrem‹ verleumdet werden« usw. usf.) und den Ton trifft, der am deutschen Internetmännerstammtisch gern gehört wird, haben Sie gute Chancen, als bislang unterdrückte »Stimme des Volkes«, »umstrittener Kopf« oder »mutiger Querdenker« groß rauszukommen. Je seichter, reaktionärer und abgeschmackter Ihre Kolumne ausfällt, desto stärker ist Ihr Weg in die deutsche Bestsellerliste und zu Lanz, Miosga und Maischberger vorgezeichnet.
Sie müssen aber nicht zwingend den Ich-mach-euch-den-dicken-Max-Weg wählen, wenn es Ihnen an der dafür erforderlichen Breitbeinigkeit und an Aufschneidertum mangelt. Sie können in Ihren Kolumnen auch den Ich-plädiere-für-gesellschaftliche-Vernunft-Weg einschlagen. Der kommt erfahrungsgemäß zwar weniger gut beim geistig schlicht ausgestatteten Wutbürger, dafür aber besser bei den sich für liberal haltenden Gebildeten an. Das heißt: Sie sollten, wenn Sie sich für diese Variante entscheiden, in Ihren Kolumnen mit salbungsvollen Worten für Ausgewogenheit und Ausgleich eintreten. Je onkelhafter, biedersinniger und opportunistischer Ihre Sätze klingen, je offensichtlicher sie aus gut abgehangenem Regierungssprecherdeutsch und Frank-Walter-Steinmeier-Wohlfühlfloskeln zusammenmontiert sind, desto eher finden sie Anklang in den Redaktionen und der Leserschaft.
Es kann erfahrungsgemäß auch nicht schaden, wenn Sie – sparsam dosiert, versteht sich – ein bisschen Friedrich-Schorlemmer-/Eugen-Drewermann-Sound in Ihre Kolumne mixen. Solange Sie nur eifrig »die demokratische Mitte« beschwören, mit erhobenem Zeigefinger die »politischen Ränder« verurteilen (am besten Sie werfen, ungeachtet jeder seriösen Geschichts- und Politikwissenschaft, Faschisten und Antifaschisten dabei in denselben Topf), »gesellschaftlichen Zusammenhalt« anmahnen und vor einer »Spaltung der Gesellschaft« warnen, wird alles rund laufen. Dann kann nichts schiefgehen. Sie sollten nur häufig genug »einerseits/andererseits« und die Wendung »dabei gilt es zu bedenken« im Text unterbringen und mit altväterlicher Geste darauf hinweisen, dass es nun darauf ankomme, dass die Politik nicht übereilt und unbesonnen handelt.
Wenn Sie diese Regeln einhalten, garantiere ich, dass das gesamte liberale Milieu, von den sogenannten Reformern in der Linkspartei über die Plattform der evangelischen Religionslehrerinnen bei den Grünen und dem Seeheimer Kreis der SPD bis zu den letzten zwei verbliebenen Linksliberalen in der CDU, Ihre Kolumnen schätzen wird (auch ohne sie gelesen zu haben).
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob, um einer besseren Zukunft willen, nicht beide hier skizzierten Kolumnenvarianten verboten werden sollten. Sicher ist jedenfalls: Diese Kolumne (meine) wird vorläufig weiter erscheinen.
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Source: nd