Skip to content
Faultline Prefer us on Google

Germany nd

First Nations in Kanada | »Unsere Kinder kamen nicht mehr heim«

Kanada zwang indigene Kinder zur Assimilation. Bis 1996 wurden sie in Internate gebracht, manche überlebten die Schulzeit nicht.

Deutsch (original) ·Read in English ⇄

Ein Kreuz mit einem Kinderkleid steht unweit der ehemaligen Kamloops Indian Residential School. Auf dem Gelände des Internats, das von 1890 bis 1978 betrieben wurde, wurden die Überreste von 215 Kindern entdeckt. Foto: IMAGO/ZUMA Press Es riecht nach feuchter Erde, Moos und Zedernholz. Sonnenstrahlen fallen durch das dichte Blätterdach des Stanley Parks im Norden Vancouvers. Vom Verkehr der Millionenstadt ist kaum etwas zu hören. Für Besucher ist der Park ein Ort der Erholung. Für die First Nations ist er ein Ort der Erinnerung.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein lebten indigene Gemeinschaften auf dem Gebiet des heutigen Parks. Im Zuge der Kolonisierung wurden ihre Dörfer geräumt, die Familien mussten das Gebiet verlassen.

Heute beginnt hier die »Talking Trees Tour« mit Seraphine Lewis. Sie gehört den First Nations der Squamish und Haida an. Ihr Ahnenname lautet Kwee-gay-ay-wans, die Kostbare. Der englische Nachname Lewis wurde ihrer Familie während der Zeit der Residential Schools zugewiesen. »Meinem Großvater sagte man einfach: Das ist von jetzt an dein neuer Nachname. Vorher hatten wir keine Familiennamen.«

Seraphine Lewis’ indigener Name lautet Kwee-gay-ay-wans, die Kostbare. Der Familienname Lewis wurde ihrem Großvater zugewiesen. Foto: Michael Marek Was Seraphine Lewis erzählt, war Teil einer staatlichen Assimilationspolitik. Indigene Kinder sollten ihre Namen, ihre Sprache und ihre Bindung an die eigene Herkunft verlieren. »Man griff die Lebensweisen der Kinder an, ihre Spiritualität und Kultur, aber auch ihre Individualität«, sagt Sean Carleton. Der Historiker lehrt Indigenous Studies an der Universität von Manitoba.

Der Indian Act von 1876 gab dem kanadischen Staat die gesetzliche Grundlage, tief in das Leben der First Nations einzugreifen und ihre politischen, kulturellen und religiösen Freiheiten zu beschneiden. Die Residential Schools wurden zu einem der folgenschwersten Instrumente dieser Politik. Zwischen den 1880er Jahren und 1996 wurden rund 150.000 indigene Kinder von ihren Familien getrennt. Die Schulen wurden überwiegend von Kirchen betrieben, etwa 60 Prozent von katholischen Orden und Diözesen. Der Staat finanzierte sie und trug die politische Verantwortung.

Offiziell sollten die Kinder in die weiße Mehrheitsgesellschaft integriert werden. Tatsächlich zielte das Internatssystem darauf ab, indigene Kulturen zu zerstören – auch aus wirtschaftlichen Interessen, sagt Carleton. »Es ging dabei – wie bei der Kolonisierung in anderen Teilen der Welt – um Land und Ressourcen. Und die indigene Bevölkerung stand dabei im Weg.«

Duncan Campbell Scott, Anfang des 20. Jahrhunderts Leiter der Behörde für indigene Angelegenheiten, formulierte das Ziel 1920 so: »Ich möchte das Indianerproblem loswerden. Wir werden so lange weitermachen, bis auch der letzte Indianer in Kanada sich in unsere Gesellschaft eingefügt hat und es keine Indianerbehörde mehr gibt.«

Historikerinnen und Historiker sprechen mittlerweile von einem Versuch der kulturellen Auslöschung. In den Internaten wurden den Kindern die Haare kurz geschnitten und die traditionelle Kleidung wurde ihnen abgenommen. Wer in seiner Muttersprache sprach, wurde bestraft. Missbrauch, schlechte Versorgung und Hunger gehörten zum Alltag.

Moses Martin, Mitte 80 und Angehöriger der Tla-o-qui-aht, verbrachte sieben Jahre in einer Residential School. »Ich habe dieses Schulsystem überlebt. Vielleicht war ich einer der Glücklichen, weil ich die Erinnerungen viele Jahre lang verdrängen konnte.« Erst 2013, bei einer Veranstaltung der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Vancouver, kehrten sie zurück. »Ich wurde beinahe täglich geschlagen, weil ich kein Englisch sprechen konnte.«

Moses Martin wurde in ein weit entferntes Internat gebracht. »Wir lebten wie in einem Gefängnis.« Nach Hause durfte er nur einmal im Jahr, weder an Ostern noch an Weihnachten. »Man wollte unseren Stolz brechen.« Jahrzehntelang sprach er mit niemandem über das Erlebte – weder mit seiner Frau noch mit seinen Kindern oder Enkelkindern. Das Schweigen wurde zum Vermächtnis der Residential Schools.

Die Folgen zeigen sich auch im Verlust der Sprache. »Heute gehören etwa 1200 Menschen zu unserer First Nation, aber nur noch zehn von ihnen sprechen unsere Sprache. Daran sieht man, was verloren gegangen ist.« Seinen Kindern und Enkeln brachte Moses Martin die indigene Sprache nicht bei, weil er sie schützen wollte: »Man hatte versucht, mir diese Sprache mit Gewalt auszutreiben. Ich wollte nicht, dass meine Kinder aus demselben Grund geschlagen werden.« Für Seraphine Lewis gehört Moses Martin zur »stillen Generation«.

Mehr als ein Jahrhundert lang blieben die Stimmen der Überlebenden nahezu ungehört. Erst 2008 setzte die kanadische Regierung nach jahrzehntelangem Drängen indigener Gemeinschaften eine Wahrheits- und Versöhnungskommission ein. Tausende Angehörige der First Nations berichteten von ihrem Schicksal, viele von ihnen zum ersten Mal öffentlich.

Kaila Johnston leitet die Bildungsarbeit des Nationalen Zentrums für Wahrheit und Versöhnung. Es bewahrt die Aussagen der Überlebenden. Das Ziel sei, sagt Johnston, »dass die dunkle Vergangenheit nie vergessen wird und sich nie wiederholt«.

»Heute gehören etwa 1200 Menschen zu unserer First Nation, aber nur noch zehn von ihnen sprechen unsere Sprache.«

2015 legte die Kommission ihren Abschlussbericht mit 94 Handlungsempfehlungen vor. Das System der Residential Schools bezeichnete sie als »kulturellen Genozid«. Die UN-Völkermordkonvention von 1948 führt ausdrücklich auch die gewaltsame Überführung von Kindern einer Gruppe in eine andere als möglichen Tatbestand des Völkermords auf. Genau dies geschah in den Residential Schools.

Seit 2021 ist der 30. September Kanadas Nationaler Tag für Wahrheit und Versöhnung. Für Paula Amos von der Squamish Nation ist der Gedenktag wichtig. Er erinnert an die verschwundenen Kinder und die Überlebenden. Sein Symbol ist ein orangefarbenes Hemd: Als Phyllis Webstad 1973 im Alter von sechs Jahren in eine Residential School kam, nahm man ihr das Hemd weg. Für viele Überlebende sei es bis heute schwer, die Erfahrungen erneut zu durchleben, sagt Amos. »Aber ohne Wahrheit gibt es keine Versöhnung.« Scham und Wut seien über Generationen weitergegeben worden. In den Gemeinschaften heiße es, Heilung brauche sieben Generationen. »Ich gehöre zur vierten. Ich hoffe, dass wir den kommenden Generationen einen besseren Weg hinterlassen.«

Im Mai 2021 teilte die Tk’emlúps te Secwépemc mit, dass Bodenradar-Messungen auf dem Gelände der ehemaligen Kamloops Indian Residential School Hinweise auf 215 mögliche Grabstätten ergeben hätten. Die Nachricht ging um die Welt. Seraphine Lewis erinnert sich an die Wirkung auf die Ältesten: »Für viele von ihnen ist das bis heute schmerzhaft. Es war, als würde man Salz in eine alte Wunde streuen.« Und: »Wir wussten immer, dass sie dort waren. Unsere Kinder kamen nicht mehr heim.«

Die Hinweise auf unmarkierte Grabstätten machten vielen weißen Kanadierinnen und Kanadiern das Ausmaß des Systems der Residential Schools bewusst. Wie viele Kinder starben, lässt sich nicht genau beziffern. Das Nationale Zentrum für Wahrheit und Versöhnung dokumentiert landesweit mehr als 4000 namentlich oder durch Akten belegte Todesfälle; Schätzungen reichen bis zu 20.000.

Die Residential Schools waren für viele indigene Familien auch Orte der Missionierung. Der christliche Glaube wurde vielfach nicht als Angebot vermittelt, sondern als Teil eines Systems aus Disziplinierung und Zwang. Die Verflechtung von Mission und kolonialer Herrschaft belastet das Verhältnis vieler First Nations zu den Kirchen immer noch.

Im Juli 2022 bat Papst Franziskus während seiner Kanadareise indigene Gemeinschaften um Vergebung für das Leid, das katholische Einrichtungen verursacht hatten. Viele Überlebende würdigten diesen Schritt. Eine Entschuldigung allein könne die Wunden jedoch nicht heilen, sagt Seraphine Lewis. Sie und andere fordern, die Kirchenarchive vollständig zu öffnen, damit das Schicksal verschwundener Kinder geklärt werden kann. Ebenso wichtig seien die Rückgabe indigener Kulturgüter und finanzielle Entschädigungen.

Die Sprache zeigt für Lewis, was verloren ging – und was zurückgewonnen werden kann: »Sie haben uns unsere Sprache innerhalb nur einer einzigen Generation genommen. Heute lehren wir sie wieder: vom Kindergarten bis zur Universität. Und zum ersten Mal seit mehr als 100 Jahren gibt es wieder Kinder, deren erste Sprache Squamish ist.«

Doch die Folgen der Residential Schools reichen weit über den Verlust der Sprache hinaus. Indigene Gemeinschaften sind überdurchschnittlich häufig von Armut, schlechter Gesundheit, Obdachlosigkeit und Gewalt betroffen. Auch die Suizidrate liegt deutlich über dem Durchschnitt der übrigen Bevölkerung.

Moses Martin sieht die sozialen Probleme seiner Gemeinschaft auch als Folge der Internate. Dort sei der Kontakt zu den Eltern verloren gegangen. »Dadurch haben wir verlernt, was es bedeutet, ein guter Vater und eine gute Mutter zu sein.«

Bis heute würden die Gewalt und die Folgen der Residential Schools verharmlost, sagt der Historiker Carleton. Das System sei gut gemeint gewesen und habe der damaligen Zeit entsprochen, heiße es etwa. Missbrauch werde übertrieben dargestellt, Todesfälle seien unvermeidlich gewesen. So werde »das Ausmaß des kulturellen Genozids heruntergespielt«, sagt er.

Auf der Talking Trees Tour erfahren die Parkbesucher, welche Pflanze gegen Husten hilft oder wie aus Rotzedern Kanus entstehen. Vor allem aber lernen sie, dass Erinnerung einen Ort braucht. Für Seraphine Lewis und Moses Martin ist dieser Ort der Wald. Zwischen Douglasien und Rotzedern ist er zum Gedächtnis einer Kultur geworden, die Staat und Kirchen zum Schweigen bringen wollten.

Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: Recherche, Produktion und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.

Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.

Originally published bynd
Read the original