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Film »Lügen über meine Mutter« | Zu viel Frau

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Weil es der Vater zu nichts bringt, ist die Schuldige schnell gefunden: seine völlig normale Frau. Foto: © TOBIS Film / Frank Dicks Brigitte-Diät. Sellerie-Diät. Trennkost-Diät. Farb-Diät: In den Achtzigerjahren plagten sich viele Mütter in Westdeutschland mit diesem Wahnsinn herum. Ihr Alltag war geprägt von patriarchalen Rollenbildern, Vergewaltigung in der Ehe wurde erst 1997 strafbar, Frauen galten als »Rabenmutter«, wenn sie nach der Geburt rasch wieder ihre Arbeit aufnehmen wollten, ihr Ehemann bevormundete sie in vielen Fällen und schränkte sie ein – mit Verweis auf die liebe Familie. Der Gatte verwaltete zudem häufig immer noch das Geld und traf alle wichtigen Entscheidungen. Hausarbeit und Kindererziehung lagen in den allermeisten Haushalten ausschließlich im Aufgabenbereich der Frau.

Ähnlich erging es auch Daniela Dröschers Mutter, über die sie in ihrem gleichnamigen Roman »Lügen über meine Mutter« schreibt. Das autofiktionale Buch schaffte es 2022 zu Recht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Werner ist der festen Überzeugung, dass seine Karriere stagniert, weil er keine »vorzeigbare Frau« hat.

Rosalie Thomass und ihr Lebensgefährte Aaron Lehmann nahmen sich nun dieses aufwühlenden Stoffs an, der zeigt, wie ein Ehemann sich anmaßt, über seine Frau und ihren Körper zu bestimmen, sodass sie fast daran zerbricht. Thomass spielt nicht nur Cornelia, sondern schrieb auch das Drehbuch – wie zuvor auch schon für die gemeinsame Komödie des Paares »Jagdsaison«.

Erzählt wird Cornelias Geschichte, die nach Meinung ihres Gatten Werner (Golo Euler) zu viele Kilos auf die Waage bringt, aber auch aus der Sicht der siebenjährigen Ela (Elise Lindner) – meist nimmt die Kamera ihre Perspektive ein. Gelegentlich durchbricht Ela die vierte Wand und erzählt als ihr erwachsenes Ich, welche systemische Gewalt ihrer Mutter widerfahren ist. Ähnlich verfährt die Buchvorlage. So kommentiert Ela, dass die Schwangerschaft einer Frau auch heute noch zu struktureller Benachteiligung führt. Oder dass die Weltwirtschaft zusammenbrechen würde, wenn sich nicht so viele Frauen in ihren Körpern unwohl fühlen würden.

Die Familie lebt in einem Kaff in Westdeutschland. Werner ist der festen Überzeugung, dass seine Karriere stagniert, weil er keine »vorzeigbare Frau« hat. All seine Minderwertigkeitskomplexe projiziert er selbstgerecht auf Cornelia. Ständig schielt er nach schlanken Frauen, gönnt sich auch bald eine Geliebte, während Cornelia den Laden zusammenhält und sich zu allem Überfluss auch noch mit ihrer missgünstigen Schwiegermutter (Juliane Köhler) rumplagen muss, die im selben Haus wohnt.

Zudem verunmöglicht Werner es ihr, wieder arbeiten zu gehen, obwohl sie ein aussichtsreiches Angebot von ihrem ehemaligen Chef hat. Bald ist auch noch das zweite Kind unterwegs und Cornelia muss sich zudem um ihre demente Mutter kümmern, nachdem der Vater gestorben ist. Das klingt nach ganz normaler BRD in den Achtzigern, die piefige Ära der geistig-moralischen Wende Helmut Kohls.

Zwar wehrt sich die kluge und eigenwillige Cornelia, wo sie nur kann, doch schafft sie es lange nicht, aus ihrer Ehe auszubrechen, lässt sich sogar ein Magenband einsetzen, um endlich abzunehmen.

Wie Thomass diese lebenslustige Frau verkörpert, die von ihrem Mann erniedrigt, drangsaliert und überwacht wird, geht tief unter die Haut. So filmt Werner sie auch häufig mit einer Super-8-Kamera, durch deren Sucher wir gelegentlich ebenfalls blicken – und lässt dabei abfällige Bemerkungen über ihr Aussehen fallen.

Erinnerungen an Mütter und Großmütter mit Klosterfrau-Melissengeist im hintersten Fach des Küchenschranks, an traurige Blicke, verhärtete Körper, überkommen die Zuschauer*innen – und Wut über all das ungelebte Leben einer ganzen Frauengeneration wird wieder neu entfacht. Dennoch durchströmt den Film gerade in den erschütterndsten Momenten immer wieder ein Hauch warmherziger Komik, wenn Cornelia sich klug gegen ihren tyrannischen Mann wehrt oder in einer sensationellen Szene ihren Gatten vor aller Augen zu einem verführerischen Tanz zwingt, bei dem man kein Kilo ihres Körpers missen möchte.

Die kleine Ela ist hin- und hergerissen zwischen den Anschuldigungen des Vaters, der sie gnadenlos indoktriniert und der Liebe zur Mutter. Zwischenzeitlich bittet sie ihre Mutter sogar selbst, doch endlich abzunehmen. Ihr eigenes Körperbild wird durch diese Prägung Schaden nehmen, wie Dröscher in ihrem autofiktionalen Nachfolgeroman »Junge Frau mit Katze« eindrucksvoll erzählt.

Selbst als Cornelias Mutter ihr ein kleines Vermögen hinterlässt, überlässt sie als Kind ihrer Zeit ihrem Mann das Geld und hofft, dass ein neues Haus, ein neues Auto und andere Prestigeobjekte endlich Frieden in ihrer Beziehung bringen werden. Schließlich erkrankt sie an schmerzhafter Fibromyalgie, die man heute auch als »nach innen geweinte Depression« bezeichnet.

Statt Intervallfasten und Fettwegspritze lohnt sich dieser Blick zurück, denn heute wird der Körper der Frau nicht nur von ihrem Umfeld, sondern sogar millionenfach in den sozialen Medien kommentiert. Body Positivity war gestern. Hinzu kommt der weltweite Backlash rechtsradikaler Kräfte, die seit jeher den weiblichen Körper kontrollieren wollen – dieser Film ist kein Rückblick, sondern ein Weckruf.

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Source: nd