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Essay | Kulturleute aufgepasst: Eure Überproduktion ist unsexy

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Wer kann heute noch Windspiele oder Schritte im Sand hören? Brian Wilson konnte es, 1970. Foto: IMAGO/mptv Ich höre ein fertig produziertes Hörspiel über Brian Wilson, den Mastermind der Beach Boys, ab. Nachdem mein Kollaborateur bei dieser freien Produktion die letzten Schnitte angelegt hat, erreicht mich die fünfte Endfassung. Wir haben es geschafft, es gibt nichts zu meckern. Nur das Windspiel am Anfang, das sich mit den Schritten von kalifornischen Badetouristen im Sand vermischt, stört mich. Da ist ein Knistern, denke ich. Und halte mein Ohr zum 20. Mal dicht an den Lautsprecher, einen Hörsturz riskierend. Ich höre weiße Mäuse, sagt mein Kollaborateur. Da ist nichts, kein Knistern, kein Rauschen, nur das Windspiel.

Goethe sagt: »Das Höchste zu begreifen wäre, dass alles Faktische schon Theorie ist.« Recht hat er. Von meinen weißen Mäusen kann mich niemand erlösen. Ich muss praktisch darüber nachdenken, warum Kunstwerke heute auf den Punkt produziert sein müssen. Eine Theorie der Überproduktion ist gefragt – und warum sie unsexy ist und Hörstürze riskiert, damit ich unsere freie Produktion über Brian Wilson abnehmen kann. Ein besonders schillerndes Beispiel der Überproduktion fällt mir ein. Das Riesenrundbild des Künstlers Yadegar Asisi, das vor Jahren den Amazonas auf einer Leinwand in einem Leipziger Gasometer zeigte und 900.000 Besucher anlockte. Unmittelbar danach wollte Yadegar Asisi sein Riesenrundbild im Amazonas aufhängen, meldete damals »Bild«. Und damit fängt die Überproduktion, meine ich, an.

Waren schon die Hetären, jene allseits gebildeten Geliebten bedeutender Männer im alten Griechenland, Meisterinnen der Überproduktion? Und wurde der Hang zur Überproduktion, also zum Überschuss formaler vor inhaltlicher Mittel, von den überschminkten Kurtisanen am Hof des französischen Sonnenkönigs weitergereicht? Was heute an mein Ohr dringt, ist vielleicht schon seit vielen 1000 Jahren abendländische Praxis. Zwei weitere Kollaborateure der Überproduktion fallen mir ein. Friedrich Nietzsche erhob das Dionysische zum Urprinzip der Kunst, und der von ihm zeitweise verehrte Richard Wagner inszenierte seine Opern auf dem Grünen Hügel in Bayreuth als auf den Punkt oder satt darüber produzierte Gesamtkunstwerke.

Heute ist jeder Kommentar auf X, vormals Twitter, oder Facebook oder Instagram Teil einer ähnlich raffinierten Inszenierung aus Schauder und Verblüffung, die nur verbergen muss, dass hinter der Bühne nicht immer viel Neues geschieht. Wir begreifen uns allesamt als Kulturproduzenten, was eine Überproduktion schon durch die schiere Menge an Playern nahelegt. Das Riesenrundbild reicht nicht aus, es muss zum Ort seiner Herkunft zurückkehren, um als eine relevante Produktion wahrgenommen zu werden. Falls ein brasilianischer Urwaldbewohner den westlichen Fetisch beherzt mit seiner Machete durchtrennen sollte, mag das immerhin noch einen Post wert sein.

Heute ist jeder Post Teil einer Inszenierung aus Schauder und Verblüffung, die verbergen soll, dass hinter der Bühne nicht immer viel Neues geschieht.

Natürlich ist meine Strategie durchschaubar. Ich schlage kulturpessimistische Töne an, um davon abzulenken, dass ich unser Hörspiel über Brian Wilson nicht abnehmen kann. Ich höre dieses Knistern am Anfang. Aber vielleicht kommt es gar nicht aus dem Lautsprecher, sondern liegt über unserer gesamten Kultur. Weiße Mäuse eben. Wie schön waren die Zeiten, als sich Brian Wilson als einziger Überproduzent unter kalifornischen Hippies die Nächte um die Ohren schlug, jedes Geräusch aus dem Lautsprecher manisch prüfend. Keine Tweets oder Facebook-Kommentare mussten abgegeben werden, die Kinokritiken forderten nicht nachdrücklich auf: »Angucken! Kultfilm! Ein Muss!« Dagegen geht es uns heute wie den Hetären und Kurtisanen, die jederzeit nachströmende Konkurrenz aus den ländlichen Teilen des alten Griechenland oder Frankreichs fürchten mussten. Wer zu spät schminkt, den bestraft das Leben.

Mein Kollaborateur und ich stellen uns außerhalb dieser absolutistischen Paläste auf. Das ist eine Frage der Integrität, unsere freie Produktion über Brian Wilson beweist es. In den Medienanstalten grassiert die Überproduktion als Hochglanzfotostrecke, Expertenrunde, Krimi mit Starbesetzung. Der Feierabend lässt uns weiße Mäuse sehen, aufpolierte Produktionen, die sich mehr und mehr um einen lächerlichen Anlass drehen: Das Riesenrundbild wird von Leipzig in den Amazonas transportiert. Wir sind live dabei und haben das gute Gefühl, im medialen Dauereinsatz zu stehen. So ziehen jene berühmten 15 Minuten Ruhm, von denen Andy Warhol sprach, bestimmt nicht an uns vorüber. Wer nicht mitspielt in dieser Dauerlotterie, kann ohnehin nicht gewinnen.

Ich erinnere mich an eine Mitschülerin, deren Familie keinen Fernseher hatte. Das war bereits in den 1990er Jahren ein schwerer Verstoß gegen das mediale Hetärentum, die Hänseleien blieben nicht aus. Dabei halte ich sie heute für tapfer. Was haben mir die Medien in den letzten Jahren gebracht? Die Schlagzeile vom Amazonas-Riesenrundbild im Amazonas. Deutschlands ersten Wassersommelier. Diverse Experten für bewusstes Gehen und Fahrtüchtigkeit im fortgeschrittenen Alter. Ich hätte mir das alles auch selbst denken können. Das Knistern des Windspiels, das ich am Anfang unseres Hörspiels über Brian Wilson höre, ist meine kulturelle Unfähigkeit, Feierabend zu machen.

An dieser Stelle ein Lob auf B-Movies und dänische Dogmafilme. Ein Lob auf den Spaghetti-Western, den Quentin Tarantino zur Reanimierung der Kultur bemüht. Wir hätten unser Hörspiel über Brian Wilson unterproduzieren sollen. Ja, Überproduktion ist unsexy, und sie versauert mir den Feierabend. Jede Kameraeinstellung muss perfekt sein, jeder Ton von kristalliner Schärfe? Quatsch. Da sprechen schon Brecht und der gute Geschmack dagegen. Übrigens auch Aristoteles. Man nehme nur einen harmlosen Satz aus einem fiktiven Drehbuch: »Ich hole Gurken, Schatz.« Natürlich wird er später im Film durch einen opulenten Gurkenmord motiviert gewesen sein.

Die Überproduktion hinterlässt eine geschädigte Kulturlandschaft, denke ich, ähnlich den Monokulturverwüstungen in der Agrarwirtschaft. Interessant sind die unkalkulierbaren Nebeneffekte. In der Agrarwirtschaft führt die Monokultur zum vermehrten Eindringen von Wildtieren in die Städte. Sie finden dort eine breitere Nahrungspalette als in der Natur vor. Was bedeutet das, auf die Kultur übertragen? Beim »Tatort«, dem Flaggschiff der deutschsprachigen Fernsehunterhaltung, erkennt man jedenfalls, dass kein Gras mehr wächst, wo zu oft hingetrampelt wurde. Immer neue Ermittlerteams werden aus dem Boden gestampft, und die Fernsehkommissare gleichen einem Kollektiv von Zwangsgestörten auf der Jagd nach weißen Mäusen.

Wahrscheinlich wären sie bessere Ermittler, wenn man sie nicht so perfekt ausleuchten würde. Ein unterproduzierter »Tatort«, ein »Tatort« von Quentin Tarantino oder Lars von Trier, denke ich, das wäre schön. Nicht ohne Grund sagte Lars von Trier seine Wagner-Produktion bei den Bayreuther Festspielen einst ab. Er dreht wie Quentin Tarantino übrigens am liebsten in Deutschland, das als Land der Mittelmäßigkeit zu erfrischenden Unterproduktionen einlädt, wenn man nur auf die Kulisse schaut. Sicherlich kompensiere ich mit diesen Gedanken das gescheiterte Abhören meines Hörspiels über Brian Wilson, mein Kollaborateur wartet schließlich gespannt auf den Anruf zur Freigabe der Produktion.

Aber ist es nicht verlockend, im gleichen Atemzug die Kultur zu retten? Ich möchte nicht noch einmal in die Falle der Überproduktion tappen. Als Botschaft an alle Kulturschaffenden geht raus: »Wir produzieren unter, Baby!« Einer dringt in das Büro des ARD-Fernsehdirektors ein und hackt mit der Machete eines brasilianischen Ureinwohners das »Tatort«-Konzeptpapier klein, auf dem steht: »›Tatort‹ ist das Flaggschiff der deutschsprachigen Fernsehunterhaltung.« Ein anderer verhindert das Aufhängen des Amazonas-Riesenrundbilds im Amazonas. Damit, werde ich meinem Kollaborateur sagen, ist viel erreicht. Ich werde ihm sagen: Die Produktion ist fertig. Alles andere wären weiße Mäuse. Ein knisterndes Windspiel am Anfang. Na und?

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Source: nd