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Erinnerungspolitik | Heidenau verdrängt NS-Opfer aus Stadtmitte
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Einer der fünf bisher in Heidenau verlegten Stolpersteine erinnert an den früheren Bürgermeister Paul Gröger. Foto: dpa/Robert Michael Die Entscheidung des Stadtrats von Heidenau, keine weiteren Stolpersteine mehr verlegen zu lassen, hat die sächsische Kleinstadt international in die Schlagzeilen gebracht. Nach dem Ende voriger Woche gefassten Beschluss, dem Stadträte von AfD, CDU und der Wählervereinigung BDO zur Mehrheit verhalfen, berichtete der US-amerikanische Nachrichtenkanal CNN von »Empörung« darüber, dass die ostdeutsche Stadt die Holocaust-Stolpersteine »verboten« habe. Auch die britische BBC berichtete.
Organisationen, die die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, äußerten sich entsetzt. Das Internationale Auschwitz-Komitee sieht in der Entscheidung einen »schäbigen Angriff auf die Erinnerung«. Die Organisation International March of the Living, an deren Bildungsprogrammen in Polen und Israel jährlich Tausende Jugendliche und Erwachsene teilnehmen, bezeichnet den Ratsbeschluss als »Weckruf«. Er löse die »verstörende Frage« aus, ob das Gedenken an die NS-Opfer aufgrund politischer Interessen »aus dem öffentlichen Leben verdrängt« werde.
Der Ratsbeschluss sieht vor, dass die Verlegung von Stolpersteinen im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich »künftig abgelehnt« wird. Stattdessen soll auf einem städtischen Friedhof eine »Gedenkfläche« geschaffen werden, auf der unterschiedslos an »die Opfer von Krieg, Terror, Diktatoren, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus« erinnert werden soll. Bürgermeisterin Conny Oertel erklärte später auf Facebook: »Das Entscheidende ist doch nicht, in welcher Form wir erinnern, sondern dass wir erinnern.«
Dem widersprechen Historiker wie Martin Clemens Winkler, der lange in Leipzig zur NS-Zwangsarbeit im Rüstungsunternehmen Hasag geforscht hat und jetzt in der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge in Sachsen-Anhalt tätig ist. Er betont in einem längeren Beitrag im sozialen Netzwerk Bluesky, dass sich die »räumliche Gedenkpraxis« auf das Verständnis über den Nationalsozialismus auswirke. Die Verlagerung des Gedenkens auf zentrale Friedhöfe habe eine »lange Tradition und entlastende Funktion« und sei bereits bei den Opfern der KZ-Todesmärsche zu beobachten gewesen. Mit einem Verbot weiterer Stolpersteine wie in Heidenau solle »verhindert werden, an den Wohnorten der Opfer an konkrete historische Zusammenhänge zu erinnern und damit auch die gesellschaftliche Dimension der NS-Verbrechen zu adressieren«.
Die Initiative für das Heidenauer Stolperstein-Verbot kam von der AfD und deren Stadtrat Daniel Barthel, einem Mann, der nach Angaben des Antifa-Rechercheteams Dresden einst »in der Naziszene der Sächsischen Schweiz politisiert« und dem Umfeld der 2001 vom sächsischen Innenminister verbotenen Nazikameradschaft Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) zugerechnet wurde. In seiner Zeit als AfD-Kommunalpolitiker fiel er bereits durch zwei erinnerungspolitische Vorstöße auf. Kurz nach seiner Wahl in den Stadtrat im Jahr 2019 beantragte er die Umbenennung der Ernst-Thälmann-Straße in Heidenau. Der Antrag war die erste nennenswerte Aktivität der AfD, die bei der Kommunalwahl kurz zuvor stärkste Kraft geworden war. Er erhielt zunächst mithilfe von FDP und BDO eine Mehrheit; von den sechs CDU-Abgeordneten enthielten sich drei, drei stimmten dagegen. Nach einem Bürgerbegehren wurde die Entscheidung Anfang 2020 revidiert; die Straße trägt weiterhin den Namen des im KZ ermordeten KPD-Politikers.
»Das würde einen Rückschritt in der Erinnerungskultur bewirken und engagierte erinnerungspolitische Arbeit behindern.«
Schon damals hatte Barthel auch gegen Stolpersteine mobil gemacht und beantragt, statt eines solchen Gedenkzeichens für den früheren Heidenauer Bürgermeister Paul Gröger eine Gedenktafel anzubringen. Der SPD-Politiker wurde von den Nazis im Juni 1933 in dem frühen KZ auf Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz inhaftiert. Zuvor hatte er sich geweigert, am Rathaus die Hakenkreuzfahne zu hissen. In der Haft wurde er schwer misshandelt. Nach der Entlassung nahm er sich im August 1933 das Leben. An ihn erinnert ein 2021 verlegter Stolperstein. Vier weitere wurden in Heidenau im Februar 2023 verlegt. Sie erinnern an den 1943 ins KZ verschleppten und nach dem Krieg in die USA emigrierten Kaufhausbetreiber Maximilian Reiner und seine Familie.
Die Initiative dazu ging von Schülerinnen und Schülern aus. Auch ein neuer Antrag, auf den die Ratsmehrheit von Konservativen und Rechtsextremen jetzt mit dem Stolpersteinverbot reagierte, kaum aus der Zivilgesellschaft. Eine bürgerschaftliche Initiative hatte im Februar 2025 angeregt, Stolpersteine für Martha und Fritz Goldstein zu verlegen. Das Heidenauer Ehepaar war von den Nazis im Februar 1938 enteignet und in die Sowjetunion abgeschoben worden. Die nichtjüdische Ehefrau emigrierte später in die USA. Ihr jüdischer Ehemann kehrte nach Kriegsende nach Heidenau zurück, wurde Standesbeamter, starb aber aufgrund der durchlittenen Strapazen kurz darauf mit nur 50 Jahren. Die Biografie findet sich auf dem Portal gedenkplaetze.info, das seit 2009 vom Pirnaer Verein Akubiz betrieben wird.
Der Verein setzt sich auch für die Verlegung von Stolpersteinen ein und war an der Heidenauer Initiative für das Ehepaar Goldstein maßgeblich beteiligt. Bei dieser Form des Gedenkens »übernehmen Bürger Verantwortung in Form von Patenschaften«, reinigten und pflegten die Stolpersteine regelmäßig »und gedenken so kontinuierlich der Menschen hinter den Namen«, erklärt Anna Nitschke vom Akubiz.
Derlei zivilgesellschaftliches und antifaschistisches Engagement will indes die AfD erklärtermaßen unterbinden, und auch die CDU steht ihm skeptisch bis ablehnend gegenüber, wie ihre Angriffe auf Demokratieprojekte zeigen. Das Vorgehen der Heidenauer Ratsmehrheit stellt daher auch einen Angriff auf die bürgerschaftlich getragene Erinnerungskultur dar. Obwohl der Antrag für die neuen Stolpersteine sogar ein Angebot zur Kostenübernahme für Arbeiten des städtischen Bauhofs enthalten habe, sei man zunächst monatelang vertröstet worden, kritisiert das Akubiz. Nun kam die grundsätzliche Absage. Der Beschluss werde »einen Rückschritt in der Erinnerungskultur bewirken und engagierte erinnerungspolitische Arbeit behindern«, kritisiert der Verein. Zudem werde das Gedenken auf die lange Bank geschoben, weil es vermutlich Jahre dauern werde, bis ein Konzept für den geplanten Gedenkort auf dem Friedhof von Heidenau erstellt sei. Und dessen Widmung für die »Opfer von Krieg und Diktaturen, insbesondere des Nationalsozialismus« berge die Gefahr, durch »Gleichsetzung eine Relativierung des Nationalsozialismus voranzutreiben«.
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Source: nd