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Erdbeben in Venezuela | Venezuela: Der posttraumatische Stress ist spürbar

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Das Erdbeben hinterließ ein Trümmerfeld in La Guaira und die Region leidet weiter unter den Folgen. Foto: Andrés Rodríguez Am 2. Oktober sind es 100 Tage seit den Erdbeben in Venezuela. Einige Notunterkünfte für die Erdbebenopfer wurden am 30. September aufgelöst. Was bedeutet das für die obdachlos gewordenen Menschen?

Viele dieser Menschen wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Der Staat konnte den immensen Bedarf an Wohnraum bisher noch nicht decken, da es sich um eine viel zu große Zahl von Betroffenen handelt, darunter jene, die ohnehin schon in prekären Verhältnissen lebten. Es gab keine Zeit, Pläne zu entwickeln. Einigen Menschen gelang es, Unterkünfte zu finden, doch die große Mehrheit steht vor dem Nichts.

Bei den beiden Erdbeben am 24. Juni zunächst in San Felipe, im Bundesstaat Yaracuy, und nur 39 Sekunden später in den Küstenregionen um Catia La Mar und La Guaira gab es schätzungsweise über 6300 Tote und mehr als 70.000 Verwundete. Der Bundesstaat La Guaira ist jene Region, die bereits am 3. Januar aufgrund des völkerrechtswidrigen US-amerikanischen Angriffs tragische Verluste und Zerstörungen erlitten hatte. Nach den Erdbeben soll es einige Tage gedauert haben, bis die venezolanische Regierung aktiv wurde. Richtig?

Die Katastrophe kam überraschend und war verheerend. Niemand konnte auf eine solche Situation vorbereitet sein. Der Staat verfügte über keinen angemessenen Notfallplan. Die Menschen aus den betroffenen Gemeinden beteiligten sich sofort an der Rettung von Opfern. Es bestand eine unglaubliche Solidarität. In dieser Phase entstanden zunächst spontane Notunterkünfte. So kam es, dass sowohl der Staat als auch die organisierte Zivilgesellschaft, die Behörden und Ministerien einsahen, dass wir zusammenarbeiten mussten. Der Staat schaffte es nicht alleine, und auch wir NGOs konnten nicht handeln, ohne die staatlichen Kontrollmechanismen zu berücksichtigen. In Zusammenarbeit mit Rettungskräften aus aller Welt und zivilgesellschaftlichen Organisationen wurden medizinisch und psychosozial betreute Lager eingerichtet, an deren Funktionalität sich alle NGOs, die wie wir im Land tätig sind, beteiligten.

Helen Ruiz ist Präsidentin der unabhängigen Stiftung »Luz y Vida« in Venezuela und als klinische Psychologin dort tätig. Die Stiftung wurde 1994 gegründet und hat ihren Sitz in Petare, einem der größten Stadtviertel in Caracas. Als religiöse NGO kooperieren sie mit den Vereinten Nationen, dem Flüchtlingswerk UNHCR und der Unicef. Das Gespräch entstand im Rahmen der »Benefiz Venezuela Filmveranstaltung«, von der Festivalgruppe ViF in Frankfurt organisiert.

Als Präsidentin von der unabhängigen Stiftung Luz y Vida sind Sie vor allem als klinische Psychologin tätig. Wie nehmen Sie die Lage wahr?

Als NGO mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in der Gemeindearbeit war es bisher immer so, dass wir jedes Mal, wenn wir eine Maßnahme durchführen wollten, eine Genehmigung beantragen und über die Ergebnisse Bericht erstatten mussten. Unsere Unterstützung und die anderer Organisationen wird indes jetzt aktiv für den Bereich der psychosozialen Betreuung gesucht. Wir mussten mehr als 40 Psychologen in die Stiftung aufnehmen, damit sie an verschiedenen Orten eingesetzt werden können.

Wir sehen, dass die betroffenen Menschen sich jetzt nicht mehr in der Phase des akuten Stresses befinden. Die Trauerphase hat bei vielen eingesetzt und es treten immer häufiger posttraumatischer Stress sowie emotionale Störungen auf. Es kommt zu Depressionen und die Zahl der Selbstmorde steigt. Wenn Sie davon reden, die Hoffnung nicht aufzugeben, muss ich dagegen halten, dass man für Hoffnung auch einen sicheren Ausweg in Sicht haben muss. Das ist aber bei vielen nicht der Fall. Es herrscht eine große Ungewissheit unter den Menschen: Wie und wo werden sie nun leben?

Direkt in den Gemeinden. In aktiver Betreuung wollen wir weiterhin die Fähigkeiten der Menschen stärken, ihr Leben zu meistern, friedlich zusammenzuleben und seelische Erkrankungen, die zu Selbstmord führen können, sowie Situationen wie Kinderhandel, sexuellen Missbrauch und geschlechtsspezifische Gewalt verhindern.

Dazu gehört sicherlich auch Aufklärung?

Jüngst gab es in Caracas eine Pressekonferenz von PANA, eine unabhängige Nachrichtenagentur, die sich Kindern und Jugendlichen widmet und seit den Erdbeben auch gezielt über die Folgen wie Kinderhandel oder Missbrauch aufklärt. Diese gibt einen geschätzten Mindestwert von 3267 Kindern und jungen Erwachsenen an, die nun in prekären Verhältnissen leben. Eigentlich verfügen wir in Venezuela über eines der fortschrittlichsten Gesetze zum Schutz von Minderjährigen, das seinen Ursprung in der Internationalen Konvention über die Rechte des Kindes hat. Aber wir können selbstverständlich damit nicht verhindern, dass es Kinder gibt, die ihre Eltern verloren haben, oder Eltern, die ihre Kinder verloren haben. Wir müssen dazu beitragen, dass sie nicht in der Obdachlosigkeit enden. Es muss sichergestellt werden, dass die Vorschriften ordnungsgemäß umgesetzt werden und dass ihre Menschenrechte gewahrt bleiben.

Die politische Situation ist im Moment nicht sehr hilfreich. Wie sehen Sie das?

Wir Venezolaner haben eine Widerstandsfähigkeit entwickelt, Schwierigkeiten zu bewältigen und uns nicht manipulieren zu lassen. Auch wenn wir allein nicht die Macht haben, einen Wandel herbeizuführen, verstehen viele die Situation und sehen sie mit kritischem Blick. Ich bin qua Amt verpflichtet, neutral zu bleiben, da wir Menschen aller politischen Richtungen und aus allen Lebenssituationen betreuen; das heißt, ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, alle Menschen einzubeziehen, die in unseren Kompetenzbereichen Hilfe benötigen.

Die Versorgungsengpässe halten auch nach der »Lockerung« der US-Blockade an, oder?

Ja. Viele Nichtregierungsorganisationen in Venezuela arbeiten seit Beginn der komplexen humanitären Notlage, das heißt, seit etwa 2015, als Partnerorganisationen der Vereinten Nationen. Und wenn Sie mich nach den Sanktionen der USA fragen: Ja, es herrschte ein schrecklicher Mangel an den grundlegendsten Lebensmitteln, an Medikamenten ... Diese Situation hat sich insofern geändert, als nun Lebensmittel und Medikamente ins Land gelangen, doch hat sich die Kaufkraft der Menschen nicht verbessert! Seit geraumer Zeit herrscht eine De-facto-Dollarisierung und es gibt Menschen, die keinen Zugang zu Devisen haben. So beträgt beispielsweise die Rente für Senioren 130 Bolívar, was etwa 10 Cent entspricht. Das verdeutlicht, wie gefährdet diejenigen sind, die keinen Zugang zu menschenwürdiger Arbeit mit einem angemessenen Lohn haben – insbesondere ältere Menschen –, ganz zu schweigen von den am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen. Der Zugang zu Lebensmitteln im Land mag sich verbessern, aber wenn diese nicht bei der Bevölkerung ankommen, die nicht über die nötigen Mittel verfügt, hat das keinen Sinn. Wenn sie ins Krankenhaus gehen und ein Medikament benötigen, müssen sie es kaufen, und wenn sie dazu nicht in der Lage sind, ist eine Behandlung nicht möglich.

In bestimmten Teilen der internationalen Presse wird darauf hingewiesen, dass die USA sowohl in La Guaira selbst als auch sogar am Flughafen die Kontrolle ausüben und manche Personen durchlassen, andere hingegen nicht. Können Sie das bestätigen?

Ich persönlich habe das nicht miterlebt. Wir haben gesehen, dass der Staat mit seinen Polizeikräften die Zufahrten nach La Guaira und zu Orten wie dem Flughafen Maiquetía kontrollierte. Es gibt tatsächlich eine Kontrolle – ob die Menschen das nun akzeptieren oder nicht, aber diese Kontrolle ist mit dem Staat und den Behörden, der amtierenden Präsidentin, vereinbart. Die US-Botschaft hat wieder geöffnet. Es gibt eine Vereinbarung – warum und wozu, wissen wir nicht! Vielleicht gibt es eine US-amerikanische Präsenz in Bundesstaaten, in denen es Ölraffinerien gibt, vielleicht, aber man sieht es nicht, denn es ist etwas, das nicht sichtbar ist. Es wirkt, wie eine, sagen wir, diplomatische Beziehung – etwas, das damals akzeptiert wurde.

Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass es eine sehr große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung gibt. Man weiß nicht, ob es Wahlen geben wird oder nicht. Man weiß gar nichts. Die sich seit Jahren verschärfende extreme Armut, die Pandemie, der jüngste Bombenangriff der USA vom 3. Januar und nun die Erdbeben – all das hat die Schwächsten am ärgsten getroffen.

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Source: nd