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Energiewende | Balkonkraftwerke am Kotti: Cent-Sammler auf dem Geländer
Kleine Solarmodule am Balkon spielen für die Energiewende nur eine untergeordnete Rolle, füllen aber insbesondere schmale Geldbeutel.
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Am Geländer mit einem Solarmodul: Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann, Plan-B-2030-Chefin Lu Yen Roloff, Gewobag-Chef Markus Terboven (hinten) und Mieterrat Abdul Kadir Aktürk Foto: nd/Christian Lelek Glänzen soll er, der Kotti. Möglich machen soll das eine anderthalb Quadratmeter große, matte schwarze Platte, zumindest wenn die Sonne scheint. Sogenannte Balkonkraftwerke werden neben den bereits zahlreich vorhandenen Satellitenschüsseln künftig die Fassade des »Zentrum Kreuzberg« zieren und die Haushalte der Mieter*innen mit Solarstrom versorgen.
60 ausgewählte Mieter*innen bekommen ein solches Steckersolargerät gratis, wie die Mini-Photovoltaikanlage eigentlich heißt. Das Projekt stellten Berlins scheidende Senatorin für Wirtschaft und Betriebe Franziska Giffey (SPD), Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann (Grüne) und Gewobag-Vorstand Markus Terboven am Mittwoch vor. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag hat die 295 Wohnungen und 90 Gewerbeeinheiten am »Zentrum Kreuzberg« 2017 für 56,5 Millionen Euro gekauft.
Die 60 Haushalte wurden einerseits aufgrund der Lage ihrer Balkone ausgewählt. Nach Süden ausgerichtete Balkone ohne Verschattung nutzen das Sonnenlicht am besten aus. Zugleich war der Mieterrat des »Zentrum Kreuzberg« in die Auswahl eingebunden. »Alle Mieter wollen ein Balkonkraftwerk haben, wir brauchen eigentlich jetzt schon Nachschub«, sagt Mieterrat Abdul Kadir Aktürk zu »nd«. Aufgrund der großen Nachfrage habe der Mieterrat darauf geachtet, dass bei der Auswahl soziale Kriterien berücksichtigt worden seien.
Eine Person in einem Singlehaushalt etwa, die tagsüber, wenn die Sonne scheine, auf der Arbeit sei und die Energie so nicht nutzen könne, sei nicht berücksichtigt worden, sagt Aktürk. Es gebe alte Menschen, die Probleme mit der Stromrechnung hätten, und Alleinerziehende, die mit ihren Familien viel zu Hause seien, die habe man bevorzugt. »Es soll wirklich sozial sein«, sagt Kadir.
Der Mann vom Mieterbeirat schaut sich die Konstruktion des Solarpanels an. »Schick und robust, ohne die Fassade zu beschädigen«, sagt Kadir. Es könnten auch zwei bis drei nebeneinander hängen, »hier gibt es Zehn-Meter-Balkone«, sagt Lu Yen Roloff, Geschäftsführerin des Vereins Plan B 2030. Er will Projekte zur Klimaneutralität anschieben helfen.
Roloff spricht von einem Schneeballeffekt, den die 60 Anlagen am Kotti auslösen könnten. »Seitdem ich mein eigenes Solarkraftwerk auf dem Balkon habe, wurden in meinem Umfeld zehn neue Kraftwerke geboren«, berichtet sie.
»Das Balkonkraftwerk bringt einen deutlich besseren Return of Investment als das Sparbuch.«
Doch es ist nicht das einzige Projekt, das an diesem Vormittag präsentiert wird und an dem Roloffs Verein beteiligt ist. Viele Mieter*innen in Berlin würden sich gerne eine eigene Solaranlage auf dem Balkon installieren, scheiterten aber an Zweifeln oder Auflagen der Vermieter, auch bei den Wohnungsbaugesellschaften des Landes. In den Jahren 2024 und 2025 genehmigten die Landeseigenen bei einem Bestand von 360.000 Wohnungen 98 Balkonkraftwerke. Für eine Genehmigung der Degewo war dafür eine selbst bezahlte Tauglichkeitsprüfung durch eine Elektrofachfirma nötig.
Diese Kluft will Plan B 2030 mit dem »Berliner Lösungsbaukasten Balkonkraftwerke« überwinden. Dafür schaut sich der Verein bisherige Genehmigungsverfahren, Modelle von Balkonen und Solarmodulen, aber auch die neue Gesetzeslage an. Bewährte Vorgehensweisen sollen dabei aufbereitet werden. »Öffentlich zugängliche Musteranschreiben, Checklisten und weitere Vorlagen sollen insbesondere Vermietenden die Zustimmung zur Installation erleichtern und so die Nutzung von Balkonkraftwerken in ganz Berlin voranbringen«, heißt es in einer Pressemitteilung vom Mittwoch.
Eine einzelne Platte wartet noch auf Verstärkung. Foto: nd/Christian Lelek Das Projekt wird von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und Betriebe gefördert. Laut Senatorin Giffey gibt es 27.200 Solaranlagen an Berliner Balkonen. Giffey zufolge liegt die Bedeutung der kleinen Anlagen vor allem in ihrer integrativen Wirkung. »Berlin ist eine Mieterstadt. Ohne das Konzept der Balkonkraftwerke kann der Teil der Berliner, der kein Eigenheim hat, nicht an der Energiewende teilnehmen.«
Für den Beitrag zur Klimaneutralität sieht der Senat aber nicht genug Potenzial in den privaten Solaranlagen. »Deswegen ist der ganz klare Fokus: Das Geld, das wir haben, wird eingesetzt für Solaranlagen, die tatsächlich was schaffen«, erklärte die Senatorin Ende 2025 zur Beendigung des Förderprogramms. 19.000 Balkonkraftwerke seien damit gefördert worden. Nun soll das Geld großflächigen Modulen auf den Dächern vorbehalten sein.
Bis 2035 soll Solarstrom 25 Prozent der Energieversorgung abdecken. Das entspricht einer Gesamtleistung von 4400 Megawatt. Laut Senatsangaben verfügte die Hauptstadt zum 6. Oktober über 69.000 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von rund 583 Megawatt, das entspricht 7,3 Prozent der Gesamtleistung. Im Vergleich zum Vorjahr kamen etwa 16.000 Anlagen mit einer Leistung von 124 Megawatt hinzu. »Wir liegen im Plan«, sagte Giffey. Es müssten aber jährlich weitere zwei Prozent hinzukommen.
Mittlerweile seien die Geräte für 400 bis 500 Euro im Baumarkt zu bekommen. Der Wert der jährlichen Stromersparnis liege bei reizvollen 200 bis 250 Euro. »Das Balkonkraftwerk bringt einen deutlich besseren Return of Investment als das Sparbuch«, sagt Roloff vom Verein Plan B 2030. Mitte 2024 wurde die Grenze der Einspeiseleistung pro Modul von 600 auf 800 Watt erhöht. Pro Balkon dürfen maximal 2000 Watt in den eigenen Stromkreis geleitet werden. Andernfalls droht eine Überlastung des Heimstromkreises.
Gewobag-Chef Terboven zufolge dürfte der Reiz der Balkonkraftwerke noch zunehmen. »Die Teile werden preiswerter und der Strom nicht billiger«, sagt er mit Blick auf den zu erwartenden weiter wachsenden Strombedarf in Berlin. »Wir brauchen die Defossilisierung nicht nur wegen des Klimaschutzes, sondern wegen mehr Sicherheit und mehr Planbarkeit«, sagt Terboven. Angesichts zunehmender Versorgungsunsicherheit mit fossilen Energien aus dem Ausland wirbt er für die Erneuerbaren auch im Sinne einer »Energieautonomie«.
»Die Sonne scheint für jeden von uns«, sagt Terboven, »also sollte jeder von uns von der Sonne etwas haben.« Bis dahin könnte es aber noch dauern. Bisher hängt am Kotti nur die eine einsame Solarplatte. Auch der Gewobag-Vorstand kündigt gründliche Prüfungen der einzelnen Anbauten an. »Bei uns geht Sicherheit noch vor«, sagt Terboven.
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