Egon Erwin Kisch | Von Kriegern und Kühen
Warum Egon Erwin Kischs Reportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg heute noch lesenswert sind
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Egon Erwin Kisch, der volksnahe Reporter mit rundlichem Bauch und verschwitztem Kinn. Foto: Archiv Wie kein anderer hat Egon Erwin Kisch den Reisejournalismus des 20. Jahrhunderts geprägt. In einer deutschsprachigen jüdischen Familie während der K.-u.-k.-Zeit in Prag zur Welt gekommen, machte er sich bei österreichischen, tschechischen und deutschen Lesern als »rasender Reporter« einen Namen. Von Sommer 1937 bis Frühjahr 1938 bereiste Kisch auch das Hinterland und das Kriegsgebiet der infolge eines rechten Militärputsches bedrohten Zweiten Spanischen Republik mit seiner Schreibmaschine.
Ein im Wiener Verlag Atelier anlässlich des 90. Jahrestages des Spanischen Bürgerkriegs erschienener Band bietet nun die bislang umfassendste Sammlung seiner Veröffentlichungen aus dieser Zeit. Es handelt sich um Reportagen und Erzählungen, aber auch um Interviews und Briefe von (oder über) Kisch, teilweise auch um spätere Erinnerungen. Die gesammelten Texte wurden mit quellenkritischen Anmerkungen versehen und durch ein Vorwort, ein Nachwort sowie eine editorische Nachbemerkung ergänzt.
Die meisten dieser Texte waren in Madrid in einem zeitgenössischen Verlag der Internationalen Brigaden (deren Freiwillige Kisch aufgesucht und befragt hatte) oder aber im Ausland in der deutschen Exilpresse veröffentlicht worden. Ankündigungen und Hinweise auf Kischs Berichterstattung, die in der damaligen spanischen oder ausländischen Presse erschienen, finden sich in Form von Ausschnitten zwischen den einzelnen Texten dokumentarisch eingefügt.
Mit Blick auf das reichhaltige Fotomaterial sind bislang unveröffentlichte Motive des Fotografen Walter Reuter hervorzuheben. Die eindrucksvollen Bilder zeigen Kisch im Umfeld der Teilnehmer des Zweiten Internationalen Schriftstellerkongresses zur Verteidigung der Kultur, der im Juli 1937 in Madrid, Valencia und Barcelona stattfand.
Die Herausgeber sind beide Kenner der Materie. Georg Pichler, Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universidad de Alcalá, tat sich schon früh als Experte für den Spanischen Bürgerkrieg im deutschsprachigen Roman hervor. Zusammen mit Erich Hackl hat er auch auf historiografischem Gebiet wesentlich zur Erforschung der prorepublikanischen Spanien-Freiwilligen aus Österreich beigetragen. Zuletzt hat er, im selben Verlag, den Bürgerkriegsroman »Telefónica« von Ilse Barea-Kulcsar herausgegeben.
Für den vorliegenden Band zeichnet er neben dem Nachwort auch für die deutschen Übersetzungen aus dem Spanischen, Katalanischen und Französischen verantwortlich. Joachim Gatterer, der an der Universität Innsbruck lehrt und sich dort mit der Sozial- und Kulturgeschichte der internationalen Arbeiterbewegung befasst, hat Kischs bekannteste Spanien-Reportage, auf die noch zurückzukommen sein wird, bereits einzeln in kommentierter Fassung neu herausgegeben.
Leser, die auf dem Themengebiet des Spanischen Bürgerkriegs wenig bewandert sind, wären gut beraten, im Anschluss an das Vorwort direkt das Nachwort zu lesen, da es über die zentralen biografischen Aspekte hinaus gleichzeitig eine gelungene Kontextualisierung des historischen Rahmens bietet und den Inhalt der knapp 300 Seiten vorentlastet.
Im Vordergrund seiner Reportagen stehen stets die Menschen, nie die Kriegsereignisse an sich.
Aus der Sammlung ragen drei Texte hervor. Zu nennen wären zunächst die »Soldaten am Meeresstrand«, eine kuriose Schilderung des markant antifaschistischen Patientenmilieus in einem Erholungsheim der Internationalen Brigaden an der Mittelmeerküste im Badeort Benicasim (das zeitweise von Kischs Bruder ärztlich geleitet wurde), wo damals verwundete Kriegsfreiwillige am Strand entlanghumpelten. Sie ist gleichzeitig der längste Beitrag des Bandes.
Den höchsten Bekanntheitsgrad dürfte hingegen Kischs Erzählung »Die drei Kühe« haben, eine wahre Geschichte, die sich um einen verarmten Bauern aus Tirol mit Sinn für Gerechtigkeit in der Welt dreht, der aus Idealismus sein Vieh verkaufte, um sich und drei Gesinnungsgenossen als zivile Kriegsfreiwillige die beschwerliche Reise nach Spanien zu ermöglichen. Beide Texte stehen exemplarisch für den volksnahen Reporter mit rundlichem Bauch und verschwitztem Kinn, der sich bei einem Frontbesuch vor Madrid um ein Haar auf eine Kiste Handgranaten gesetzt hätte.
Ein starker Kontrast zu dem drolligen Gesamteindruck entsteht, sprachlich wie thematisch, in Kischs weniger bekanntem Artikel »Im ausgeräumten Prado«. Hier wird in nachdenklich bis düsterem Ton eine Parallele gezogen zwischen aktuellen Bombeneinschlägen in der Hauptgalerie des gleichnamigen Madrider Kunstmuseums und bekannten Schreckensszenen aus der neueren spanischen Geschichte (dargestellt in Goyas Gemälden »El 3 de mayo en Madrid«, die aus Sicherheitsgründen aus dem Museum evakuiert worden waren).
Um es kurz zu machen: Kisch war als Augenzeuge nicht unparteiisch. Seine Texte sind, wie Georg Pichler im Nachwort erläutert, der »affirmativen Literatur« zuzuordnen. Als überzeugter Kommunist, der 1918 in Wien die »Rote Garde« angeführt hatte, hinterfragte Kisch das eigene Lager nie grundsätzlich. In diesem Sinne waren seine Spanien-Reportagen ganz der Verteidigung der Spanischen Republik dienlich.
Er war ein »Tendenzschriftsteller«, aber kein Parteisoldat. Dies äußert sich im Wortlaut der Texte auch darin, dass der Konflikt in Spanien schlicht als Bürgerkrieg erscheint, Kisch nie der von Palmiro Togliatti für die Komintern verbindlich geprägten hölzernen Terminologie vom »national-revolutionären Befreiungskampf« gefolgt ist. Und er war alles andere als ein Stalinist. Kisch zeigte früh Skepsis gegenüber den Moskauer Prozessen und pflegte in Spanien Kontakt zu Bekannten, die später den »Säuberungen« zum Opfer fielen, wie etwa Maria Osten, wodurch er zeitweise selbst ins Visier geriet.
Dass Kischs Spanien-Texte auch im 21. Jahrhundert noch gewinnbringend zu lesen sind, liegt schlussendlich aber darin begründet, dass im Vordergrund seiner Reportagen stets die Menschen, nie die Kriegsereignisse an sich stehen. Insgesamt leistet die auch äußerlich ansprechend gestaltete Textsammlung einen interessanten Beitrag zur literarisch-journalistischen Resonanz, die der Spanische Bürgerkrieg in seinem internationalen Kontext hinterließ.
Aufgrund ihrer sorgfältigen und fundierten Überlieferung schließt die Sammlung gleichzeitig eine Lücke innerhalb der biografischen Kisch-Forschung, zumal in der jüngsten Biografie von Christian Buckard der Spanische Bürgerkrieg keine besondere Erhellung erfährt, der Biograf für seine Recherche ohne Kischs Kaderakte aus dem ehemaligen Komintern-Archiv in Moskau (heute: Russisches Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte) auskam, die von den beiden Herausgebern für diese Edition herangezogen wurde.
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