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Edinburgh Fringe Festival | Der Witz mit den Schulden

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Ein Genie! Oder doch nur prekär lebender Lohnsklave? Foto: Promo Was wäre Vincent van Gogh im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts? Ein Uber-Fahrer: prekär und ständig pleite. Mit diesem Gedankenexperiment beginnt Donna Oblongatas Drag-Clown-Show »The van Gogh Shogh«. Diese war im August im Rahmen des Edinburgh Fringe Festivals in Schottland zu sehen. Das Festival ist das weltweit größte für die performativen Künste. Alle nur denkbaren Formen von Theater, Tanz und Oper bis hin zu Comedy, Zirkus und Straßentheater ziehen jährlich ein Millionenpublikum an.

Dramaturgisch gewitzt landet Uber-Fahrer van Gogh zufällig in einem zeitgenössischen Vermarktungsspektakel namens »The van Gogh Experience« im Theaterraum. Van Gogh mit gräulichen Zähnen, kaputter Jacke und – natürlich – blutigem Ohr bekommt große Augen, als er durch das Publikum erfährt, dass mit seinen Bildern mittlerweile Millionen verdient werden. Er selbst zieht unterdessen zwei Bierdosen aus seiner schmuddeligen Transportbox. Eine für sich, die andere verkauft er pfiffig für sechs Pfund an einen Zuschauer. Er müsse schließlich auch von etwas leben, halte ihn doch seine einzig wahre Leidenschaft, das Malen, in lebenslanger Armut. Sie zieht sich durch das ganze Stück und wird von Oblongata überraschend und abwechslungsreich in Szene gesetzt. Mal animiert er drei Zuschauer*innen, live auf der Bühne nach seinen Anweisungen ein Bild zu malen, mal verzweifelt er am offensichtlich stumpfsinnigen Farbverständnis des Publikums. Am Ende singt er Karaoke zu »I’d do anything for love« von Meat Loaf.

Auch wenn sich Oblongata mit ihrer Überzeichnung des männlichen, verkannten Künstler-Genies durchaus über den Maler lustig macht, nimmt sie in ihrem eindringlichen, körperlichen Spiel ihre Figur doch auch ernst als jemanden, der Kunst machen muss, weil er nicht anders kann. Damit schlägt die aus den USA stammende, vielfach ausgezeichnete Performerin und Clownin eine Brücke zum Fringe Festival: Jedes Jahr werfen hier tausende Kunstschaffende Kreativität, Zeit, Geld und ihren unbedingten Drang, auf der Bühne zu stehen, in den Ring. Profit daraus schlagen mehrheitlich andere.

Zwar sind die künstlerischen Zugangskriterien zum Edinburgh Fringe Festival niedrigschwellig. Hohe Hürden bestehen allerdings in finanzieller Hinsicht. Das Fringe Festival vergibt keinerlei Förderung und die wenigsten der überwiegend aus dem englischsprachigen Raum stammenden Produktionen werden durch regionale Gastspielstipendien unterstützt. Allein von einem Spielort angenommen zu werden und im offiziellen Programm zu erscheinen, kostet 700 Pfund. Hinzu kommen Kosten für Spielort, Personal, Werbung, Unterkunft und Anreise. Je nach Größe und Bekanntheit des Spielorts lägen die Kosten zwischen 10 000 und 70 000 Pfund, schätzt Marc Ashmore von der Produktionsfirma Future Artists. Dazu kommt, dass Spielorte 30 bis 50 Prozent der Ticketeinnahmen behalten.

»Künstler*innen aus der Arbeiterklasse kommen nur einmal zum Fringe. Ein zweites Mal können sie es sich nicht leisten«, kommentiert Loreen Hoodlees, Stand-up-Comedian und Halbfinalistin des Wettbewerbs »British Comedian of the Year 2021«. Prith Khalsa aus Denver fasst nüchtern zusammen: »Alle Künstler*innen verlieren Geld auf dem Fringe Festival.« Trotzdem wollte er dort in diesem Jahr mit seiner absurden Clown-liebt-Banane-Show »Gulp!« unbedingt sein Debüt geben. Denn das Fringe Festival biete eine große Chance, von Agenturen oder anderen Festivalbetreibern gesehen und unter Vertrag genommen zu werden.

Doch auch dieses »Gesehen-Werden« wird angesichts eines Überangebots von 4000 Shows zur Herausforderung. Wer durch die überfüllten Straßen Edinburghs läuft, wird am Ende einen Stapel Werbeflyer für Shows in der Hand halten, die Künstler*innen oder bezahlte Helfer*innen mit nachdrücklichen Worten verteilen. An einer Ecke bietet ein Mann gar kostenlose Komplimente an, um im nächsten Moment den Flyer für seine Show zu zücken.

Das Ringen um Aufmerksamkeit ist verständlich, sind doch Ticketverkäufe die einzige Möglichkeit, zumindest einen Teil der Ausgaben wieder hereinzubekommen. Nichtsdestoweniger ist es gerade für kleine und eher unbekannte Acts keine Seltenheit, dass sie lediglich vor einer Handvoll Zuschauer*innen spielen oder die Vorstellung mangels Publikum gar ausfällt.

Die finanziellen Gewinner*innen des Festivals sind vor allem die Veranstaltungsorte, die ab Mittag bis tief in die Nacht bis zu sieben Shows am Tag zeigen und zudem Getränke und Essen zu horrenden Preisen verkaufen. Auch für Zuschauer*innen ist das Festival teuer: Der Normalpreis für eine Eintrittskarte beträgt circa 14 Pfund, Mengenrabatt oder andere Vergünstigungen gibt es nicht.

Traditionell sehr stark auf dem Fringe Festival vertreten ist der Comedy-Bereich. »Comedy« wird im englischsprachigen Raum viel weiter gefasst als in Deutschland. Während der Begriff hierzulande vorrangig Bilder von einem stehenden Menschen hinterm Mikrofon und nur manchmal gelungenen Pointen wachruft, umfasst das englische Verständnis darüber hinaus Clown (häufig ohne rote Nase), Drag, Physical Theatre, Storytelling, Improvisationstheater, Kabarett, Varieté, Burlesque oder auch Zirkus.

Das Fringe Festival ist dafür bekannt, diese Formen an aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse anzupassen und sie fröhlich und ungeniert miteinander zu kombinieren. Neben einem Karaoke singenden van Gogh war solch kreative Experimentierfreude in diesem Jahr etwa in der Clownshow »&taxes« vorzufinden, in der ein Geist versucht, Stand-up-Comedian zu werden. In »Don’t kill daisy« ist das Publikum aufgefordert, das ahnungslose Techno-Girl Daisy wie in einem Computerspiel mehrfach vor dem plötzlichen Tod zu bewahren. Und »Stamptown« ist ein aufgepeitschter Varieté-Fiebertraum, dem jüngst durch ein eigenes Netflix-Special ein globaler kommerzieller Erfolg beschert wurde und dessen Originalität unübersehbar ist.

Bei aller Unterschiedlichkeit haben die meisten Comedy-Produktionen auf dem Edinburgh Fringe Festival eines gemeinsam: die Interaktion mit dem Publikum. Dies steht im Gegensatz zur bürgerlichen Theatertradition, die seit dem 18. Jahrhundert eine unsichtbare und dennoch trennende vierte Wand zwischen Bühnengeschehen und Publikum behauptet. Gerade auf dem Fringe Festival, wo Publikum und Spieler*innen meist in eher kleinen Räumen beengt beieinander sind, geht man nicht gerade zimperlich miteinander um. So bringt Prinz Wilfred in Lil Wenkers brillianter Oligarchensatire »BOYKING« einige Zuschauer*innen dazu, sich ihrer Uhren, Handtaschen oder sogar des eigenen T-Shirts zu entledigen, sind diese Gegenstände doch zufälligerweise genau die Geschenke, die er sich zu seinem achten Geburtstag gewünscht hat.

Diese Art der Interaktion ermöglicht es Spieler*innen, das Tagesgeschehen oder Politisches zu thematisieren, auch den materiellen Druck, dem sie auf dem Festival ausgesetzt sind. Besonders drastisch klingt das in der queer-feministischen Show »#hysterical«. Sie habe vor Kurzem ihren Job als Biologielehrerin verloren, nachdem herausgekommen sei, dass sie als Burlesque- und Dragkünstlerin arbeite, so Performerin Sierra Callaghan aus Wales. Jetzt habe sie Panik vor den ungedeckten Ausgaben des Festivals.

Nicht selten erscheint die Schilderung der eigenen materiellen Situation aber auch als Pointe im eigenen Comedy-Programm. Zum Beispiel, wenn John-Luke Roberts, von der britischen Zeitung »Daily Telegraph« zu einem der 50 besten Comedians des 21. Jahrhunderts gekürt, die Anekdote erzählt, wie er einmal Equity, der Gewerkschaft für Theaterschaffende, seine schlechte Bezahlung durch einen Veranstalter gemeldet habe. Zurückgekommen sei ein langer Brief, dass man den Vorfall zutiefst bedaure.

Gerade weil die prekäre Situation Kunstschaffender auf dem Edinburgh Fringe Festival so allgegenwärtig ist, droht sie insgesamt zur Floskel (»Bitte empfehlt meine Show weiter!«), zur Pointe oder gar zum Festivalkolorit zu gerinnen, ohne jegliche Folgen. Doch eines sind die materiellen Verhältnisse ja nun wirklich nicht: ein Witz.

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Source: nd