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Edgar Külow | Edgar Külow 101: »Das gibt’s in keinem Russenfilm«
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Gruppenbild Volker Külow, Holger Becker und Edgar Külow (v.l.) 1997 im Treppenhaus vor den Redaktionsräumen der »Jungen Welt« in Berlin, als sich die Zeitung gerade spaltete, aber das ist wieder eine andere Geschichte der Linken in diesem Land nach 1990. Foto: Archiv Holger Becker »Jeder Tag, an dem du nicht auf die Regierung schimpfst, ist ein verlorener Tag. Woll.« In der ND-Kantine, die am frühen Nachmittag recht gut besucht war, drehten sich die Köpfe. Edgars Stimme füllte den nicht eben kleinen Saal ohne Mühe. Er hatte auch hier seine Bühne. Auf den Gesichtern einiger Zuhörer an den Nachbartischen ließ sich lesen: »Den kennste doch …?«
Wann das genau stattfand, konnte ich nicht mehr ermitteln. Aber es muss im Frühjahr 1992 gewesen sein. Die ND-Kantine am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin gab es da noch. Hier waren seit 1972 sowohl die Leute aus Redaktion und Verlag der Zeitung »Neues Deutschland« wie der gleichnamigen, aber als Betrieb selbstständigen Druckerei sehr anständig beköstigt worden. Wir begnügten uns mit Kaffee. Zu Edgars zufälligem Publikum an diesem Tag könnten auch ein paar Herren vom Fachverlag für Hitler-Tagebücher Gruner+Jahr gehört haben, die nun das Druckunternehmen leiteten. Die PDS-Führung hatte es – wie den Berliner Verlag am Alexanderplatz – 1990 an den britischen Großverleger Robert Maxwell verkauft. Doch der verscherbelte flugs die Hälfte an Gruner+Jahr.
Ich erzählte Edgar davon und auch von Gerüchten, Maxwell habe die Zeitung »Neues Deutschland« kaufen wollen. Aber jetzt, nach seinem mysteriösen Tod im November 1991 bei einem Sturz in die ruhige See vor Teneriffa habe sich das ja alles erledigt. Die Druckerei gehöre nun Gruner+Jahr zu 100 Prozent. In den Schränken der ND-Chefredaktion solle aber noch ein Nachruf des Briten, der vom britischen MI 6 wie vom sowjetischen KGB und auch vom israelischen Mossad betreut worden sei, auf Erich Honecker liegen, dessen etwa zur Hälfte von meinem früheren Chef Harald Wessel (1930–2021) geschriebene Autobiografie »Aus meinem Leben« 1980 in Maxwells Verlag »Pergamon Press« erschienen war. »Das gibt’s ja in keinem Russenfilm«, krähte Edgar. »Woll.«
Der Schauspieler, Autor und Kabarettist Edgar Külow wurde im Fernsehen der DDR bekannt. Er arbeitete bis zu seinem Tod 2012, stand auf der Bühne und vor der Kamera, schrieb Bücher und alle zwei Wochen eine Fußballkolumne für die »Junge Welt« unter dem Titel »Eckenbrüller«, in der er aktuelle Ereignisse im Profifußball der Champions League und Bundesliga mit den Spielen von Einheit Pankow in der Berliner Bezirksliga kontrastierte – von der ersten in die siebte Liga und wieder zurück. Im kleinen Stadion von Einheit ist heutzutage eine Kurve nach ihm benannt, so wie auch der alljährlich verliehene Berliner Kabarettpreis »Eddi«. Geboren in der westfälischen Kleinstadt Werdohl, ging Külow nach dem Krieg als KPD-Mitglied von Westen nach Osten, studierte in Leipzig Schauspiel und machte dann an der dortigen »Pfeffermühle« Kabarett, bis er 1964 wegen »ideologischer Diversion« entlassen wurde, obwohl er in früherer Zeit für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet hatte. 1969 zog er mit seiner Familie von Leipzig nach Berlin-Pankow, um beim neugegründeten Zweiten Programm des DDR-Fernsehens zu arbeiten. Anlässlich seines 101. Geburtstags am 10. September veröffentlichen nun sein Sohn, der Linke-Politiker Volker Külow und der Historiker Werner Abel im Verlag 8. Mai »Der rote Blitz« mit Geschichten, Abenteuern und Texten aus dem Leben des Edgar Külow, ergänzt um Erinnerungen von Leuten, die mit Külow zu tun hatten, wie zum Beispiel der Kabarettist Thomas Freitag, der heutige nd- und ehemalige JW-Redakteur Christof Meueler und der ehemalige ND- und JW-Redakteur Holger Becker, dessen Text wir vorabdrucken.
Für das Frühjahr 1992 als Zeitpunkt des Besuches von Edgar bei mir in der ND-Wissenschaftsredaktion spricht auch: Wir unterhielten uns über Wiglaf Droste (1961–2019) und die Sensation seiner Mitarbeit am einstigen Zentralorgan. Wiglaf hatte im Januar auf der von »der Wissenschaft« gestalteten »Forum«-Seite seinen ersten Text im »ND« veröffentlicht: »Klamauk im Hause Gauck«, in dem er sich über die »Schdohsi«-Hysterie lustig machte, die »zur wiehernden Freude der annektierenden Westdeutschen und ihrer Lohnschreiber vom Alzheimer Boten« stattfinde. Die Ur-Schuld an diesem von vielen ND-Lesern bejubelten satirischen Befreiungsschlag trug Edgars Sohn Volker, der den Kontakt zwischen Droste und mir vermittelt hatte.
Nach diesem Erfolg konnte ich die Chefredaktion zur wöchentlich erscheinenden Kolumne »Schlachtenbummler« überreden, die Droste und ich uns ausgedacht hatten. Allerdings bedang man sich aus, als Gegengewicht zu Wiglaf, dem Westler, einen zweiten Mann ins Boot zu nehmen: Mathias Wedel, den Ostler, der wiederum ein guter Bekannter Edgars war. Gemeinsam gestalteten die beiden u. a. satirische Zwischenrufe auf Parteitagen der PDS. Der »Schlachtenbummler« funktionierte ausgezeichnet. Droste und Wedel befeuerten einander zu Höchstleistungen.
Die Texte standen, wie Droste und ich es wollten, nicht im Feuilleton, sondern auf der zweiten Seite der Zeitung, wo sich für gewöhnlich schwerst ernste politische Betrachtungen fanden. Alle Wünsche der Redaktionsobrigkeit, die Kolumnen doch in kursiver Schrift zu setzen und ihnen damit schön sichtbar die Narrenschelle des Schmunzeleckenhumors umzuhängen, wie er regelmäßig auf hinteren Seiten des Blattes stattfand, konnten abgeschmettert werden. Edgar jedenfalls zeigte sich begeistert von Droste, dessen Schaffen er offensichtlich genau verfolgte. »Schön ist die Heimat,/ So man sie hat,/ Schön auch der Hering,/ Besonders der Brat-«, rezitierte er aus voller Brust bei unserem Kantinenbesuch einen Vierzeiler Drostes. Das hatte nicht im »ND« gestanden. Und Edgar schob nach. »Da musste erst mal drauf kommen. Woll.«
Später standen Edgar Külow und Wiglaf Droste des Öfteren zusammen auf einer Bühne. Doch dazu bedurfte es des Zutuns einer dritten Person. Die rief mich im Sommer 1993 in der ND-Redaktion an: »Guten Tag, hier ist Sellhorn von der Zeitschrift ›Horch & Guck‹.« – »Wie bitte?« – »Sellhorn, ›Horch & Guck‹. Wir sind die Zeitschrift der Stasiauflöser vom Komitee 15. Januar.« – »Aber sind Sie nicht der von Jazz, Lyrik, Prosa, die Kuh im Propeller und so?« Er war es, Werner Sellhorn (1930–2009), genannt Josh.
Die größere Überraschung aber kam noch. Sellhorn fragte, ob er in der von ihm redigierten Zeitschrift Drostes »Schlachtenbummler« nachdrucken dürfe, der unter dem Titel »Madonna aus Brandenburg« dem zum Ministerpräsidenten in Potsdam avancierten Kirchenfürsten Manfred Stolpe einen Spitzenplatz »auf der nach oben offenen Weizsäcker-Skala für Silbrigkeit, Jovialität und Bonhomie« zuerkannte. »Ja, ja, den ›Klamauk im Hause Gauck‹ habe ich auch gelesen«, antwortete Sellhorn auf meine Frage. »Ebenfalls sehr schön. Aber das, Sie werden verstehen, geht noch nicht.« Der Stolpe-Text stand dann in der letzten »Horch & Guck«-Ausgabe des Jahres 1992.
1994 flog Josh bei den Stasi-Auflösern raus. Wolf Biermann hatte den Akten entnommen, jener Sellhorn, der ihm in den 1960er Jahren bei »Jazz, Lyrik, Prosa« Auftrittsmöglichkeiten und Popularität verschafft hatte, sei der IM »Zirkel« gewesen. Auch Joshs liberale Geisteshaltung gab Grund für Vorwürfe ab. Insbesondere die Übernahme von Texten aus dem »ND« passte dem Oberauflöser – sein Name war Schwenke – nicht, obwohl der selbst 1990 die Zeitung mit maßlosen Textkonvoluten bombardiert hatte. Aber wenn laut Karl Valentin bei jedem Schaden auch ein Nutzen ist, so war der Nutzen in diesem Falle beträchtlich. Werner Sellhorn, von Manfred Krug als Verwalter seiner Mietwohnungen abgelehnt (»Josh, ich brauche dafür ein Schwein, Du bist ein Mensch.«), kam wieder auf die Füße, indem er »Jazz, Lyrik, Prosa« zu einem zweiten Leben verhalf und Leute wie Edgar, Wiglaf und die begnadete Uschi Brüning in gut gefüllten Sälen auftreten ließ.
Ob ich bedauern soll, nie Edgars persönlicher Redakteur gewesen zu sein, weiß ich nicht. Vielleicht war es gut so. Denn die Spannung beruflichen Zusammenarbeitens kann sich doof aufs Private auswirken. Das erlebte ich Ende der 1990er Jahre, als meine Freundschaft mit Wiglaf zerbrach. Da war ich schon Chefredakteur der »Jungen Welt«. Zweieinhalb Jahre, bevor ich mich auch dort verabschieden musste, weil meine Vorstellungen von Journalismus in einem bald darauf Jürgen Elsässer wieder beschäftigenden Haus nicht gefragt waren, vereinbarte ich mit Edgar eine Fußball-Kolumne. Für sie dachte ich mir den Titel »Der Eckenbrüller« aus. Der war allerdings geklaut aus einem Redaktionshandbuch der »FAZ«. Als »Eckenbrüller« bezeichnen sie dort einen einspaltigen Nachrichtentext links oben auf Seite 1. Diese Kolumne – die erste erschien am 16. August 1997, von da an betreut von Christof Meueler und Arnold Schölzel – schrieb er bis kurz vor seinem Tod 2012 und machte sie zur Legende. Die Bundeszentrale für politische Bildung – und die muss es ja wissen – zitiert »Edgar Külow, Fußballkolumnist des ›Eckenbrüllers‹, Junge Welt«, sogar als zeitgenössische Stimme zu den Zuständen im DDR-Fußball. So als hätte es den »Eckenbrüller« schon immer gegeben. Mehr kannste nicht erreichen, Edgar. Woll.
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