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DOK Leipzig 2026 | Hinter den Kulissen des Kapitalismus
Die Kinos sehr gut besucht, das Programm mitreißend: DOK Leipzig ging am Sonntag zu Ende. Ein Bericht
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Das Highlight des Festivals: Andrei Kutsilas »Letters From The Silenced Country« Foto: Dok Leipzig Endgültig passé ist es mit dem Dokumentarfilmstil der 80er und 90er. Wer sich beim gerade zu Ende gegangenen Leipziger Dokumentarfilmfestival (DOK Leipzig) in der Hoffnung in ein Kino begeben hat, ein paar interessante Informationen mit hübscher Bebilderung und Voiceover im Heinz-Sielmann-Modus zu erhalten, dürfte einigermaßen enttäuscht gewesen sein: Dokumentarfilme im Jahr 2026 sind längst zu einer Kunstform geworden.
Zunehmend spielen Musik, Bilder, Animationen eine Rolle, die Filme haben Narrative, Rhythmen, folgen oft auch einer formalen Logik. Das führt gelegentlich zu Übertreibungen, wie etwa in dem durchaus schönen »Holy Wood Dust« von Victor Kossakovsky, der unter anderem Produktionsabläufe der Weihnachtsbaumindustrie zeigt und damit einen beeindruckenden Einblick hinter die Kulissen des Kapitalismus gibt, dessen Bilder aber in erster Linie Illustration der orchestralen Musik sind. Und so überlagert die künstlerische Form hier den Inhalt derart, dass der Film phasenweise wie ein 110-minütiger Musikclip mit Bäumen wirkt.
Andernorts führt die Artifizialisierung zu grandiosen Ergebnissen, wie etwa in Andrei Kutsilas »Letters From The Silenced Country«, vielleicht dem Highlight des Festivals. Kutsila erzählt seine Geschichte belarussischer Dissidenz und der brutalen Repression dagegen anhand mehrerer Einzelschicksale, verbindet diese mit einer düsteren Animation, die an Dark Fantasy und Graphic Novels erinnert, und schafft so eine Inszenierung, die das Grauen nicht nur erzählt, sondern auch angemessen drastisch ästhetisiert. Der Film gewann sowohl den MDR-Filmpreis als auch die mit 10.000 Euro ausgeschriebene Goldene Taube Langfilm international, also einen der beiden Hauptpreise.
Neben den sich stark verändernden, an fiktionalen Inszenierungen orientierten Erzählweisen fällt die allgegenwärtige Darstellung des endgültig krisenhaften Weltkapitalismus ins Auge. Egal, wo und wer eine Kamera auf dieser Welt aufbaut, so der Eindruck, kann nur noch die Verheerungen von jahrzehntelangem Wertverwertungsregime und Patriarchat einfangen, die alles und jeden zur Ware gemacht haben und insbesondere den weiblichen Teil der Weltbevölkerung in Depression und Angst vor dem Existenzverlust halten.
Das gilt auch für die Filme Helena Třeštíkovás, auch wenn die Grand Dame des Langzeitporträts deutlich konservativeren Erzählstrukturen vertraut als etwa Kutsila. Třeštíková begleitete mehrere Menschen aus ihrer tschechischen Heimat über Jahrzehnte hinweg, wobei erneut beeindruckende filmische Lebensläufe entstanden sind.
Die Porträts der tschechischen Rocksängerin Bára Basiková (»Bára – Diary of a Rockstar«) und eines Prager Ehepaars (»A Marriage Story«) zeigen in erster Linie das Zerbrechen von Beziehungen an den Verhältnissen. Insbesondere Basiková kämpft zeit ihres Lebens gleichzeitig um das Auskommen in wechselnden Familienkonstellationen, in denen sie mit ihren drei Ehegatten gelebt hat, wie auch mit den Befindlichkeiten ihrer männlichen Partner, die es auf unterschiedliche Weise nicht aushalten, im Schatten einer berühmten Frau Verantwortung für gemeinsames Leben und den Alltag zu übernehmen.
Überhaupt wimmeln die Festivalfilme, die sich mit Lebensläufen beschäftigen, von problematischen Männern und toxischen Beziehungen, und so ist einer der emotionalsten Momente des Festivals vielleicht die große Ausnahme, in der eine 80-jährige Frau ihrem jahrzehntelangen, deutlich jüngeren Partner ein selten großes Kompliment macht: Sie sei nicht nur wegen ihrer starken Kondition so alt geworden, sondern auch, »weil du mich so gut behandelt hast«.
Überhaupt wimmeln die Festivalfilme, die sich mit Lebensläufen beschäftigen, von problematischen Männern und toxischen Beziehungen.
Die Szene stammt aus Ina Borrmanns »Guten Abend, du Schöne«, der das Festival eröffnete und für den Borrmann Protagonistinnen aus dem 1977 in der DDR erschienenen Buch »Guten Morgen, du Schöne« von Maxie Wander ausfindig gemacht hat und in dem sie deren Lebensgeschichte gleichsam zu Ende erzählt. Wanders Buch war damals ein großer Erfolg, und gleiches wünscht man dem mit großem Einfühlungsvermögen und sehr klug erzählten Film.
Mit »Übergang« von Peter Badel und Chris Wright gewann ein weiterer Porträtfilm den zweiten Hauptpreis, die Goldene Taube Deutscher Dokumentarfilm. Porträtiert wird darin der 2024 verstorbene, überaus kontroverse Filmemacher Thomas Heise, dessen Lebensgeschichte auch durch die Geschichte Deutschlands führt.
Etwas roher und jugendlicher geht es in »Free Zone« zu, der den Verdi-Preis für Solidarität erhielt. Hier zeigt sich auch der besondere Wert des Festivals: Die Kinos waren fast durchgehend sehr gut besucht, und so bekommen Filme wie »Free Zone« ein Publikum, das sie in den sonst üblichen Nachmittagsvorstellungen in kleinen Arthousekinos kaum bekämen. In »Free Zone« wird ein junger Flüchtling aus dem Iran gezeigt, der nicht nur mit seiner Heimatlosigkeit hadert, sondern auch im Athener Hausbesetzerviertel Exarchia seine Einstellung zu gewaltsamen Aktionen reflektieren muss.
Auch »A Fire There« steht beispielhaft für diesen Umstand. Hier sehen wir Jugendliche aus Georgien, wie sie über ihre Zukunft nachdenken und sich im Laufe des Erwachsenwerdens politisieren. Es wächst auch in der kapitalistischen Peripherie, das zeigt der Film anschaulich, eine Generation heran, die politisch bestens informiert ist. Und die jungen Leute ziehen ihre Schlüsse aus der extremen Ungleichverteilung von Lebenschancen und Reichtum und der ihnen zugedachten Rolle darin: Der derzeitige Aufstand der Jugend dürfte nicht der letzte bleiben.
Besonders deutlich wird der Publikumseffekt auch hinsichtlich der vielen Kurzfilme, die im Programm liefen. So bekamen großartige kleine (und vor allem kurze) Meisterwerke eine große Bühne. »Patronymic« zum Beispiel, in dem eine Ukrainerin pointiert erklärt, warum sie ihren Namenszusatz auf der Flucht gegen ihren Willen ablegen musste, oder »They’re Here«, der die Goldene Taube für den besten internationalen Doku-Kurzfilm gewann und die Gegenwehr der Bevölkerung von Minneapolis gegen die gewaltsamen Angriffe der berüchtigten ICE (Immigration and Customs Enforcement) auf Migranten dokumentiert.
So ging das DOK Leipzig am Sonntag zu Ende. Kritisch darf angemerkt werden, dass die Mehrzahl der Filme auf Englisch oder mit ausschließlich englischen Untertiteln gezeigt wurde, was einen Teil der älteren oder weniger gebildeten Bevölkerung ausschließt, oder dass die vorherrschende Perspektive trotz einiger Ausnahmen doch sehr weiß und eurozentristisch war.
Das ändert nichts daran, dass die Verantwortlichen ein bemerkenswert kluges und teilweise mitreißendes Programm zusammengestellt und ein sehr angenehm organisiertes Festival auf die Beine gestellt haben.
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