Germany nd
»Die Säulen des Meeres« von Sylvain Tesson | Phallisch geformte Dinge
Naturbetrachtung, Ekstase und Pathos: Der Ernst-Jünger-Imitator Sylvain Tesson erklettert gerne Felsen im Meer und schreibt dann Extremkitsch darüber.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Ganz schön potent, diese Natur Foto: imago/blickwinkel Eine der großen Leidenschaften des französischen »Abenteurers« (Selbstbezeichnung) Sylvain Tesson scheint das Erklettern von phallisch geformten Dingen zu sein. Die Zeitschrift »Cicero« wusste über den Mann schon vor zwei Jahren zu berichten: »Mit Vorliebe hat er Kirchtürme erklommen, einmal auch den Kölner Dom …« Wenn er aber turmartig in die Höhe ragende Felsformationen erblickt, gerät er ganz aus dem Häuschen. Alles Zepterförmige fasziniert ihn: Steilfelsen, Felsnadeln, pfahl- und pfostenförmige Felsen, Säulen, Pfeiler. Sogenannte Brandungspfeiler, die in Küstennähe aus dem Meer ragen und die Tesson »Meeressäulen« nennt, scheinen es ihm besonders angetan zu haben: »Jedes Mal, wenn ich auf dem Riff des Brandungspfeilers Fuß fasse, denke ich an Botticelli.«
Brandungspfeiler sind sein Ein und Alles: »Wir irren von einem Brandungspfeiler zum nächsten. Was sie alle eint? Sie stinken nach dem salzigen Tod, sie lodern im Meer, verkörpern die Freiheit.« Er sucht diese Pfeiler auf, in der ganzen Welt, und erklettert sie, bis er schließlich jeweils oben ankommt, wo er die »ernste, feierliche Atmosphäre« genießt und sich einem anscheinend von einem körpereigenen Hormoncocktail ausgelösten Rauschzustand hingibt: »Himmelwärts, an der äußersten Spitze, wo der Augenblick mit dem Raum verschmilzt, wirkt der Zauber … Auf dem Brandungspfeiler gibt es nichts Hässliches.«
»Meine Besteigungen sind Gebete.« Es sind aber auch Handlungen, die in Teilen einer erotischen Obsession zu entspringen scheinen. So eine Besteigung eines aus dem Meer ragenden Felsens sei, so Tesson, »fast wie die Liebe: lächerliche Bewegungen, flüchtige Befriedigung«.
Das soeben auf Deutsch erschienene Buch des Reiseschriftstellers hinterlässt einen starken Eindruck: Tonnenschweres Pathos, großzügig dosiert, ist das von ihm bevorzugte Stilmittel. Man hat bei der Lektüre das Gefühl, Ernst Jünger, Karl May und Rüdiger Nehberg hätten gemeinsam einen menschlichen Schreibautomaten gezeugt. Was mitunter zu unfreiwilliger Komik führt: »Vorbei an desolaten Einkaufszonen und apokalyptischen Autobahnkreuzen nähern wir uns den Brandungspfeilern wie heißblütige Liebende.«
»Meine Besteigungen sind Gebete.«
Wenn er sagen will, dass er kreuz und quer durch die Gegend reisen möchte, schreibt Tesson nicht, er wolle kreuz und quer durch die Gegend reisen. Sondern er schreibt, dass er seinen »Schatten auf den Pfaden der Welt hinterlassen« wolle. Wenn er sagen will, dass er ein Schlauchboot aufgepumpt hat, schreibt er nicht, er habe ein Schlauchboot aufgepumpt, sondern: »Oft haben wir auf den Kieseln unser Boot … in dem Gefühl aufgeblasen, mit unserer Pumpbewegung das Rad des Schicksals im Takt eines Countdowns in Gang zu setzen.« Wenn er sagen will, dass es in der Antarktis Eis gibt, schreibt er nicht, dass es dort Eis gibt, sondern: »Die Antarktis gebiert ihr Eis.«
Das Meer ist nicht einfach blau, sondern es »blutet blau«. Die Zeit vergeht nicht etwa, sondern »die Stunden zerstäuben«. Das Leben ist eine »Schichttorte aus Erinnerungen und Träumen«. Asseln, die auf dem Gipfel eines Brandungspfeilers umherkrabbeln, sind die »Hüter des vergessenen Turms«. Die Sonne scheint nicht morgens auf die Berge, sondern sie »weckt die Gipfel mit einem goldenen Streicheln«. Es ist, als wolle der Autor jeden seiner Sätze mit zentimeterdickem Zuckerguss überziehen.
Es gibt lange Passagen, die aus schwülstigen Naturbeschreibungen bestehen: »beseelte« und geheimnisvoll »flüsternde« Winde, »aufreißender« Nebel, »schluchzende« Weite, »aufschluchzende« Landschaften, »hervorquellendes« Sonnenlicht, hoch aufragende Felsen (phallische Dinge!). Wiederholt taucht die Lieblingszwangsvorstellung des Autors auf: dass er mit der ihn umgebenden Natur verschmilzt.
Tessons »literarischer Zugang zur Natur« sei »durch die deutsche Romantik inspiriert«, weiß der Deutschlandfunk und lobt ihn als »undogmatischen Zivilisationskritiker«. Dass es sich bei dem angeblichen Kritiker tatsächlich um einen Naturkitsch-Superspreader handelt, scheint bislang kaum jemandem aufgefallen zu sein. Immer wieder auch das »ächzende«, »aufgewühlte«, »entfesselte«, »wogende« oder still daliegende Meer! »Eine Welle der Liebe überflutet mich, für das Meer, für das Leben und für die Möwen.« »Manchmal lässt ein Sonnenstrahl das Meer glitzern, manchmal versetzt der Regen der Welt eine Ohrfeige.« »Das Unveränderliche ist weniger gefährlich als das Fließende.« Wer Klaus Theweleits Studie »Männerphantasien« gelesen hat, für den gibt es in diesem Buch einiges zu interpretieren.
Möglicherweise sieht sich Tesson nicht nur als Reiseschriftsteller, Bezwinger phallisch geformter Naturphänomene und Herr über formlos Wogendes, sondern auch als expressionistischen Dichter: »Baumstämme brechen hervor, wie ein heller Schrei.« »Der Himmel zittert in den Flammen.« August Stramm is in da House. Manchmal schreibt er auch Sätze, die sich wie Botho-Strauß-Aphorismen lesen und schlicht hell strahlender Quatsch sind: »Die Säule ist weniger ein Zufluchtsort als ein Knotenpunkt, in dem die Fäden der Fortdauer zusammenlaufen.«
Tesson schreibe »mitunter sehr tiefgründige Sätze«, so attestierte ihm der Sender Deutschlandfunk Kultur vor ein paar Jahren. In Wirklichkeit haben wir es mit einem so gut wie gedankenfreien Raunen und Beschwören zu tun, das teils als zum Fließtext umgearbeitete Abiturientenlyrik daherkommt, teils als breitbeinig-selbstgefälliger Manspreading-Journalismus: »Wir haben die Säulen der Freiheit erklommen, unter dem weitesten Himmel, in dessen Licht wir je gebadet haben, in der ursprünglichsten Landschaft, die sich je auf uns übertragen hat.«
Ständig muss der Autor, der sich als »Waldgänger« im Sinne Ernst Jüngers, als »Lone Wolf« und als wilder Freiheits- und Gefahrensucher inszeniert, sich der eigenen Männlichkeit versichern und dazu seine reduzierten Vorstellungen von Maskulinität ausbreiten: Der Männerkörper muss abgehärtet und gestählt werden, atavistische Männerrituale werden verherrlicht. Der Mann soll eindringen, erobern, besteigen, in Besitz nehmen, Unberührtes erschließen, furchtlos sein, Abenteuer erleben, Heldentaten vollbringen. Bei drohender Gefahr verspürt der wahre Mann einen vitalistischen Schub. Angst und Schmerzen haben bei ihm »reinigende« Wirkung.
Was außerdem nervt, ist die angeberhafte sprachliche Überhöhung und Aufblähung noch der kleinsten Banalität, die Angewohnheit, fortwährend Sprachgirlanden anzubringen. Auch prätentiöse Vergleiche, deren Lächerlichkeit offen zutage liegt, findet man reihenweise: »Auf der Klippe trocknen sich die Kormorane knapp über dem Wasser. Wie Priester, die gerade gebadet haben.« Ein Schiffskapitän ist ein »Sokrates im Ölzeug«. Und strahlt »die Überlegenheit eines Eisbergs« aus. Und hat »zwei wässrige Augen, um das Eis zu betrachten«. Auf seinen Reisen und Ausflügen trifft der Autor aber auch noch auf einige weitere von der Natur gestählte Männer. Etwa einen, der ein »Adlergesicht«, einen »eindringlichen Blick« und »Haut wie Leder« hat. Und auf einen, dessen »Blick zornige Blitze in die Nacht zu schleudern scheint«.
Angereichert ist die selbstverliebte Groschenheftprosa mit allerlei ranzigen kulturpessimistischen Schlaumeiereien (»Auf dem Gipfel der Warengesellschaft nistet kein einziger Vogel«), unlustigen Witzen (»Wenn man von einem Brandungspfeiler stürzt, steht wenigstens schon die Gedenksäule«) und naturromantisch aufgeladenem, pseudophilosophischem Esoterik-Blabla: »Beim Betreten unberührten Bodens überkommt uns ein gespaltenes Gefühl … mystisch, weil damit eine urzeitliche Verbundenheit besiegelt wird: das auf den ersten Fußabdruck im Lehm zurückgehende Bündnis des Menschen mit dem Boden.«
In Frankreich werfen viele Intellektuelle dem Autor vor, für die »Banalisierung und Normalisierung des Rechtsextremismus« mitverantwortlich zu sein. Einige hätten sich zu fragen begonnen, ob »seine Bücher (…) in Wahrheit nicht diskrete, faschistoide Brandschriften« seien. So jedenfalls hat es das französische Wochenmagazin »Le Nouvel Obs« (bis 2024 »L’Obs«) formuliert.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.