Faultline Faultline Kommando 161

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Die gute Kolumne | Wrrooouumm – Doom Metal lügt nicht!

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Bellen und Grummeln austarieren, Welt­ekel und Aggres­sion einpendeln: Bobby Liebling, Sänger von Pentagramm, bei einer Livevorführung. Foto: Image/Gonzales Photo Brumm, rumms, schrruuumm, wrrooouumm, thumpp! Es ist ein rundum befriedigender, massiger Sound, der da aus den Lautsprechern suppt. Und er ist laut. Für ungeschulte Zuhörer mag das klingen, als würde die Summe der Geräusche, die ein schwerer Auffahrunfall auf der Autobahn produziert, liebevoll geordnet, mit Feingefühl rhythmisiert und dann in Zeitlupe abgespielt werden. Und so wird dazu gesungen: Groll, grunz, grummel, ghuorrgll, urrggghh! Der oder die auf der Bühne für den Gesang Zuständige muss hier Virtuose/Virtuosin sein, wenngleich es vielleicht nicht immer gelingt, den Liedtext hundertprozentig klar zu akzentuieren.

Die dargebotenen Songs drehen sich im Wesentlichen um die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten roher Gewalt, um Rache, Krieg, Apokalypse, Weltuntergang, verstehen sich also sozusagen hauptsächlich als Bestandsaufnahmen des gegenwärtigen Weltgeschehens. Da muss nicht zwingend, wie im Theater, von der singenden Person jedes »fear«, jedes »violent« und jedes »blood« ausbuchstabiert werden. Dass es um Angst, Gewalt und Blut geht, vermittelt sich dem Publikum vor allem dank der gutturalen Gesangstechnik und des stimmlichen Ausdrucks: Der/die Singende muss die Worte förmlich unter großer Anstrengung aus sich herauspressen.

Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute

Man muss sich das so vorstellen: Die Worte kommen ganz so aus dem Mund, als ob ununterbrochen der Brechreflex ausgelöst werden würde (ganz ohne dass man sich zuvor den Finger in den Rachen stecken muss): Zwerchfell und die Bauchmuskeln des Sängers ziehen sich ruckartig zusammen und der Mund öffnet sich. Nur dass – statt des Mageninhalts, wie üblich – Wörter nach draußen befördert werden. Das geschieht meist in Form einer Mischung aus Bellen und Grunzen, aber auch das richtige Maß an Knurren und Grummeln muss hier fein austariert sein. Der Gesang muss sich sozusagen auf einem sehr schmalen Grat zwischen Weltekel und Aggression einpendeln. Dann klingt er genau richtig.

Doom Metal lügt nicht. Er konfrontiert einen mit der deprimierenden Wirklichkeit: Geburt, Arbeit, Elend, Krankheit, Schmerzen, Tod.

Wer bis hierher gelesen hat, merkt: Ich war vor ein paar Tagen nicht das erste Mal auf einem Doom-Metal-Konzert. Mein Gehör ist geschult. Doom-Metal-Konzerte entspannen mich, sorgen dafür, dass meine innere Unruhe nachlässt. Andere greifen angesichts der derzeitigen Weltlage nach dem morgendlichen Aufstehen oder nach Feierabend zum Bier, zum Joint, zur Valiumschachtel, zu Süßigkeiten oder zu ihren Baldriantropfen, um sich zu beruhigen. Mich hingegen besänftigt der dumpfe, schwere Schlag der Bassdrum, der sich anfühlt wie der langsamer werdende Herzschlag der Welt, mit der es allmählich zu Ende geht, und der nach und nach im Nichts verklingende Gitarrenakkord, der, wenn man so will, das gemächliche Absterben des eigenen alternden Körpers akustisch nachahmt.

Doom Metal lügt nicht. Er konfrontiert einen mit der deprimierenden Wirklichkeit: Geburt, Arbeit, Elend, Krankheit, Schmerzen, Tod. Wem das Glück hold ist, der muss im Lauf seines Daseins auf Erden keine allzu argen Gewalttaten und keinen Krieg erleben. Der Grund dafür, dass diese Musik eine so nervenberuhigende Wirkung hat, ist dieser: Wer schlau genug ist, bereits jetzt das Schlimmste zu antizipieren, kann vom künftig eintretenden Grauen nicht mehr überrumpelt und geschockt werden.

Doom Metal kann daher als die musikalische Antithese zur allzu kompromisslos lebensbejahenden Unterhaltungs-, Schlager- und Bierzeltmusik gelten, die bei ihren Hörern nicht nur Verzückung, sondern vor allem Zustimmung und Einverständnis mit dem bestehenden Grauen (Arbeit, Elend, Krankheit, Schmerzen, Ulf Poschardt) produziert: Einverstandensein bis zum bitteren Ende. Zustimmung zu dieser Sorte Leben, selbst wenn das Leben gar nicht lebt. Mit dem Gute-Laune-Partyhütchen direkt polonaisetanzend in die Apokalypse. Herr Ober, bitte vor Weltkriegsbeginn noch zweimal Bier mit Bratwurst, aber pronto!

Wenn man sich dem zu entziehen sucht, steht man zwangsläufig irgendwann regelmäßig bei Doom-Metal-Konzerten im Publikum. Nur: In diesem Fall überkommt einen früher oder später das dringende Bedürfnis, sich den Oberkörper mit Totenköpfen und Sensenmanngestalten volltätowieren zu lassen und Band-T-Shirts mit unleserlichen Schriftzügen zu tragen, die sich rhizomartig über die gesamte Vorderseite des Shirts ausbreiten. Oder sich schlimmstenfalls einen dieser mittelalterlich anmutenden, mit Haargummis zusammengehaltenen albernen Zopfbärte (Bartzöpfe?) wachsen zu lassen. Oder man entwickelt plötzlich eine fragwürdige Vorliebe für ärmellose Jeansjacken.

Aber so ist das nun mal: Alles Aufrichtige, Befreiende und Entspannende hat am Ende auch Nachteile, zumindest solche ästhetischer Art. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob in einer besseren Zukunft nicht der Besuch von Doom-Metal-Konzerten für alle Bürgerinnen und Bürger dieses Landes verpflichtend sein sollte.

Sicher ist jedenfalls: Eine wissenschaftliche Studie der Universität Queensland aus dem Jahr 2015 zeigte, dass Doom Metal – entgegen landläufiger Vorurteile – die Hörerinnen und Hörer nicht aggressiver macht, sondern oft beruhigt und ihren Puls sowie ihre Herzfrequenz stabilisiert, also dieselbe Wirkung hat wie eine liebevolle Umarmung.

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Source: nd