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Deutsches Schauspielhaus Hamburg | »Fremde Sonne«: Spiel der Gewalt
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Foto: Monika Rittershaus Ein erstaunliches Interesse für die Göttergeschichten der antiken Welt begleitet die Menschen auch heute noch durch die gottlose Gegenwart. Das schwer durchschaubare Beziehungsgefüge von Göttern und Halbgöttern, Menschen und Gewalten aus dem alten Griechenland scheint heute vielen näher zu sein als die entrückten germanischen Mythenwelten oder gar die verschmähten Bibelgeschichten.
Davon zeugt auch der enorme Erfolg einer doch eher sperrigen bis missglückten Kinoproduktion wie »Die Odyssee« von Christopher Nolan. Die Menschen wollen die alten Geschichten offenbar neu hören, selbst wenn es sich um dramaturgisch gescheiterte Unterfangen handelt.
Was in diesem Jahr auf der Kinoleinwand so effekthascherisch wie grobschlächtig daherkam, das will Karin Beier allerdings auf der Theaterbühne gelingen. Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, das Beier im 14. Jahr leitet, 9000 Kilometer vom reichlich überschätzten Hollywood entfernt, erzählt sie mit Mitteln des Theaters von Iason und seinem Aufstieg, von Medea und ihren zahllosen Demütigungen, vom Goldenen Vlies und seinen Verheißungen.
Roland Schimmelpfennig hat abermals die Textfassungen besorgt. Abermals? Bereits im Herbst 2023 hat das Duo Beier/Schimmelpfennig für die Uraufführung von gleich fünf Stücken aus dem Kosmos der Antike gesorgt. Unter dem Titel »Anthropolis« firmierte das durchaus monumentale, hervorragend besetzte Projekt, das sich dann auch zum Publikums- und Festivalliebling entwickelte. So wurden die thebanischen Legenden um Dionysos, Laios und Iokaste, um Antigone und Ödipus auf ihren modernen Gehalt abgeklopft. Und siehe da – hinter dem antiken Schleier verbergen sich die Abgründe der Zivilisation, gestern wie heute.
»Fremde Sonne« heißt der neue, nicht minder ambitionierte Antikenzyklus aus Hamburg, dieses Mal bestehend aus vier abendfüllenden Inszenierungen. Wer einen einmal errungenen Erfolg mit ähnlichen Mitteln einfach wiederholen will, der sollte das Scheitern nicht fürchten. Hat man die Erwartungen nicht vielleicht selbst so hoch geschraubt, dass Enttäuschungen zwangsläufig folgen müssen? Das Risiko bestand. Aber so ist es nicht gekommen. Das Schauspielhaus hat einen neuen Hit.
»ihr seid nichts / als Ruderer, / aber nur los / und gute Fahrt«, ruft Iason seinen Leuten zu. Foto: Monika Rittershaus Hamburg hat zum Marathon geladen. So nennt das Schauspielhaus jene Wochenenden, an denen alle (bisher aufgeführten) Teile von »Fremde Sonne« zu sehen sind. Drei Spektakel binnen zwei Tagen. Droht hier die Eventisierung des Theaters? Weniger kulturkritisch könnte man sagen: Hier wird an antike Traditionen angeknüpft. Das Theater rückt zum Zwecke der Selbstverständigung in den Mittelpunkt – und mit ihm die Gemeinschaft. Die darstellende Kunst als tagesfüllende Beschäftigung.
Der erste Teil des Spektakelreigens fügt sich selbst aus drei Abschnitten zusammen: »Prolog/Zwischenspiel/Die Argonauten« heißt er spröde. Der Autor Roland Schimmelpfennig ist der Erzähler unter den zeitgenössischen deutschsprachigen Dramatikern. Während andere Theaterautoren das bühnenwirksame Theoretisieren perfektioniert haben oder mit dokumentarischen Mitteln Welterklärer spielen, tischt er am liebsten Geschichten auf. Jede Figur ist bei ihm immer auch Erzähler, jede Szene bewegt sich zwischen Spiel und Erfahrungsbericht.
Also erzählt Schimmelpfennig, wie das war mit dem Goldenen Vlies: Der Meeresgott Poseidon verwandelt die Sternenzeichnerin Theophane in ein Schaf, sich selbst in einen Widder. Aus ihrem Missbrauch entsteht ein goldener Widder, dessen Fell sagenumwoben ist.
Der goldene Widder kehrt zurück. Aber erst, als König Athamos von Iolkos seine Frau Nephele, die Göttin des Nebels, und ihre beiden Kinder hintergeht. Er verliebt sich in Ion und lebt mit ihr. Als die beiden Kinder geopfert werden sollen, um wieder Gerechtigkeit im Land herzustellen, werden sie zunächst errettet vom goldenen Widder, der nach Kolchis fliegt. All das spielt irgendwo zwischen tiefster Vergangenheit und gerade heute, zwischen antikem Reich und Hamburger Hafen, nicht plump aktualisierend, aber auch nicht im verstaubten Gestern verhaftet.
In Iolkos regiert die Krise. Die Fabriken arbeiten unaufhörlich. Aber wie soll es weitergehen? Dann tritt ein Mann im roten Kleid auf, ein Reif hält das lange blonde Haar zurück, er lächelt von der Bühne. Sieht so ein Held aus? Devid Striesow gibt diesen skrupulösen Iason so, dass man an Heroen in mythischer Vergangenheit so wenig glauben mag wie in der Gegenwart.
Doch bevor es aufgeht über das Schwarze Meer, um das Goldene Vlies zurückzuholen nach Griechenland und sich mit den eigenen Herrschaftsansprüchen vorzustellen, erfahren wir die Geschichte von Iason. Mirco Kreibich gibt auf der Bühne einen ungezügelt enervierenden Cheiron, einen Zentaur, halb Mensch, halb Pferd, das weiseste Wesen auf der Erde. Das Königskind Iason ist ihm überlassen. In seiner Höhle wird er sein Lehrer. Doch dieser Weise missbraucht seinen Schützling, leistet Widerstand gegen die Aufklärung und gibt sich dem Alkohol hin. Nur indem er seinen Lehrer überwältigt, kann sich Iason von ihm freimachen.
Und nun will dieser Mann die Argonauten anführen auf dem Weg ins fremde Kolchis. Es ist, so viel wird klar, ein Eroberungsfeldzug. Beier inszeniert die Überfahrt als Groteske. Es ist eine irrwitzige Angelegenheit. Fast zwei Dutzend Ruderer führen in strenger und eindrucksvoller Choreografie übers Meer. Ein fulminanter vierstündiger Auftakt, der doch nur ein Teil des ganzen Kosmos ist, der hier wie mit leichter Hand auf die Bühne gezaubert wird.
Am nächsten Tag wird der Marathon fortgesetzt mit »Medea in Kolchis«. Wie zur Familientherapie sitzen hier vier an der Bühnenrampe: der ungebeten herbei gereiste Iason (Devid Striesow), Aietes, der König von Kolchis (Sebastian Blomberg mit einem Maschinengewehr bewaffnet), und seine Kinder Absyrtos (Kristof Van Boven) und Medea (Lina Beckmann).
Die Fremde – das ist nur eine Fantasie zwischen exotischen Schätzen und unmenschlicher Barbarei. Foto: Monika Rittershaus Was will der Grieche hier? Misstrauisch beäugt Aietes Iason. Der ist in der Tat nicht grundlos hier. Doch worum geht es ihm? Ist es wirklich das Goldene Vlies? Oder ist der Raubzug gen Osten doch nur Mittel zum Zweck? Der Triumph über die »Barbaren« soll zur Garantie für den Erfolg in der Heimat werden. Die Brutalität des Herrschers über Kolchis, die Blomberg äußerst gekonnt ausspielt, ändert nichts an der Infamie von Iasons Treiben. In diesem Machtspiel gibt es keine Guten.
Um zu bekommen, was er will, ist er auf Medea angewiesen. Zusammen sprengen sie ein toxisches Familiengefüge auf: Der gewaltsame Vater wird überlistet, ihr Bruder Absyrtos, den Van Boven als emotional überspannten, höchst sensiblen Jungen spielt, der Medea über die natürlichen Grenzen der Geschwisterliebe verehrt, wird auf der Flucht mitsamt Vlies nach Griechenland geopfert.
Doch auch Medea dient nur als Werkzeug. Beier entwirft ein Panorama der psychischen Gewalt, mit der hier alle Figuren aufeinander einwirken. Es ist ein Spiel, das einen bedrückenden Sog entwickelt.
Auf zwei Stunden antike Tragödie folgen zwei Stunden Pause und abermals eineinhalb Stunden antike Tragödie: »Medea in Korinth«. Wie soll man diese Geschichte heute erzählen? Die Geschichte von Medea, die ewige Fremde, von ihrem Mann benutzt und nun durch eine noch nützlichere Frau ersetzt. Ist sie eine Hysterikerin? Eine Mutter ohne Gefühle? Oder doch ein Symbol des Widerstands? Die Frau, die aufbegehrt mit all dem, was ihr noch bleibt?
Lina Beckmann spielt sie mit einer ungeheuren emotionalen und darstellerischen Vielfalt. Mit verblüffender Ignoranz für ihre Situation behandeln sie die Männer auf der Bühne: Das gilt für den Mann, der sie verstößt, ebenso wie für König Kreon, der sie aus der Stadt vertreiben will, wie für König Aigeus, der, blind für ihre Lage, nur aus Eigennutz helfen kann.
Medea im Kampf gegen die erlittene Schmach mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Foto: Monika Rittershaus Orientiert an Franz Grillparzers letztem Teil seiner Dramentrilogie »Das goldene Vlies«, »Medea«, hat sich Schimmelpfennig an einer Bearbeitung versucht, die eine heutige Sprache findet und eine Reduzierung aufs rein Psychologische verhindert. Ein vielköpfiger Frauenchor, der aus dem Saal heraus mit Schreien, Schlägen und Stampfen agiert, gibt Wut und Entsetzen etwas Unmittelbares.
Es will nicht helfen: Medea tötet ihre Widersacher und opfert, äußerst feinfühlig in Szene gesetzt, ihre beiden Kinder. Nun sind es nur sie zwei: Medea und Iason. Ein unbedingter Kampf um Macht einerseits, der ums Überleben andererseits – und keine Gewinner weit und breit.
Karin Beier und Roland Schimmelpfennig genügen sich nicht in Kanonpflege. Die antiken Stoffe gehen uns heute noch an, weil sie über sich hinausweisen. Am Deutschen Schauspielhaus erzählt man vom imperialen Eroberungswahn und von der zwangsweisen Unterdrückung anderer auf dem Weg nach oben. Ein hellenisches »House of Cards« öffnet die Augen für die immer gleichen Machtspiele derjenigen, die nach Herrschaft streben.
Aber das ist nur ein Etappensieg beim großen »Marathon«. Zu seinem Abschluss kommt der Zyklus erst im Februar nächsten Jahres. Dann feiert mit »Medea in Athen« der letzte Teil Premiere, der uns Medea, abermals aus Machtgier missbraucht, an der Seite von König Aigeus zeigt. Wer so lange nicht warten kann, dem sei das pünktlich zur Spielzeiteröffnung erschienene das Buch, das alle Dramen bündelt, empfohlen.
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Source: nd