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Deutsch-Türkisches Anwerbeabkommen | Anwerbeabkommen: Kartoffel. Ich liebe dich?
Das BRD-Abkommen mit der Türkei wird 65 Jahre alt. Auch die DDR begrüßte »Vertragsarbeiter«. Wie steht es heute um das Einwanderungsland Deutschland?
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367.000 der sogenannten Gastarbeiter blieben in Deutschland. Richtig willkommen fühlen sich viele bis heute nicht. Foto: Pixabay »Kartoffel. Ich liebe dich!« Diese Worte stehen auf einer Gedenktafel am Münchner Hauptbahnhof. So soll Sümer Hanım geantwortet haben, als sie nach einer 50-stündigen Zugfahrt von Istanbul nach München ausstieg und gefragt wurde, ob sie Deutsch spreche. Die einzigen deutschen Worte, die die damals 30-Jährige geschiedene Schneiderin und Mutter zweier Töchter gekannt haben soll.
Sümer Hanım war eine sogenannte Gastarbeiterin aus der Türkei. Vor 65 Jahren, am 30. Oktober 1961, unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Viele Türk*innen brauchten Arbeit. Die deutsche Wirtschaft brauchte Arbeiter*innen. Bis zur Anwerbesperre 1973 kamen rund 867.000 sogenannte Gastarbeiter*innen aus der Türkei nach Deutschland, von denen rund 500.000 zurückkehrten.
2023 hatten laut Bundeszentrale für politische Bildung rund 30 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. »Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland« stand dagegen 1982 im Koalitionsvertrag von Union und FDP. Ein Satz, der Verschiedenes bedeuten kann. Im Jahr 2026 mögen viele damit meinen, Deutschland müsse deutsch bleiben. Es gebe inzwischen zu viele Ausländer*innen. Eine Erzählung, die an die rechtsextreme Verschwörungspropaganda des Großen Austauschs anknüpft.
Der Journalist Nikolaus Blome schrieb 2023 eine Kolumne im »Spiegel«. Der ursprüngliche Titel: »Deutschland ist kein Einwanderungsland«. Stattdessen sei Deutschland »ein Fluchtland«. Den Satz »Deutschland ist ein Einwanderungsland«, bezeichnete er als ein politisches Buß-Ritual, dem sich vor allem Konservative regelmäßig unterzogen hätten.
Womit Blome bei seiner Analyse richtig liegt: Von Flucht abgesehen hat Einwanderung natürlich wirtschaftliche Motive. Für die Einwandernden wie für das Einwanderungsland. Das ist auch kein rein kapitalistisches Phänomen. Von 1963 an unterzeichnete die Deutsche Demokratische Republik ebenfalls Anwerbeabkommen mit anderen Ländern. Nur eben mit vorwiegend sozialistischen Staaten.
Die »Gastarbeiter«-Politik der BRD hatte die SED zunächst verurteilt und als Fortsetzung der Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter*innen durch das NS-Regime bezeichnet. Ihre eigene Anwerbepolitik, die »Vertragsarbeiter«-Politik, bewarb die SED später hingegen im Kontext von Freundschaft und Entwicklungshilfe. Bis 1990 kamen mehr als 200.000 Vertragsarbeiter*innen in die DDR.
Beide Länder begrüßten ihre ausländischen Gäste, weil ihre Arbeitskraft gesehen und gebraucht wurde. Man könnte sagen, der wirtschaftliche Wert der Migrant*innen wurde gesehen, nicht ihr menschlicher.
Es gibt auch eine andere Auslegung des Satzes »Deutschland ist kein Einwanderungsland«. Einige Menschen, vor allem jene mit Migrationshintergrund, könnten diesen Satz ohne zu zögern unterschreiben. Denn sie haben das Gefühl, dass Politik und Mehrheitsgesellschaft bis heute nicht verstanden haben, dass Deutschland eigentlich ein Einwanderungsland ist.
2017 veröffentlichte die Bertelsmann-Stiftung ein Papier mit dem Titel: »Willkommenskultur in Deutschland – mehr als nur ein Modewort?« Der Begriff sei in der öffentlichen Debatte unscharf geblieben, so die Kritik der Studie. »Willkommenskultur ist mehr als nur die Forderung nach Integration«, heißt es darin. Integration, wenn man bei dem streitbaren Begriff bleiben möchte, ist keine Einbahnstraße. Die Mehrheitsgesellschaft ist hier ebenfalls in der Pflicht, sie zu fördern, auf Eingewanderte zuzugehen.
Die Bertelsmann-Stiftung kam zu dem Schluss: »Vielfalt wird nicht aktiv im Namen der Gesamtbevölkerung gestaltet, sondern dort, wo sie auftritt, lösungsorientiert ›gemanagt‹.« Das passt. Wo in erster Linie die Arbeitskraft von Menschen wahrgenommen wird, statt die Menschen selbst, wird gemanagt, um den kapitalistischen Frieden nicht zu gefährden.
Im Oktober 1985 erschien das Buch des Enthüllungsjournalisten Günter Wallraff »Ganz unten«. Wallraff hatte sich als Ali ausgegeben, einen türkischen Gastarbeiter. Er arbeitete in diversen Jobs, die Deutsche in der Regel Migrant*innen überließen.
Ali wischte bei McDonald’s Tische mit einem Klolappen. Für die Pharmaindustrie spielte er Versuchskaninchen. Als Leiharbeiter schob er bei Thyssen 16- bis 24-Stunden-Schichten, ohne Helm und Atemschutz. Auch mal ohne Papiere. Das Buch verkaufte sich auf Deutsch mehr als fünf Millionen Mal, wurde in mehrere Sprachen übersetzt.
Manche mögen Wallraffs Vorgehen heute vielleicht unter liberal-identitätspolitischen Gesichtspunkten kritisieren. Doch er zeigte der Mehrheitsgesellschaft, was sie nicht sah oder nicht sehen wollte: wie ein vorgebliches Einwanderungsland seine Gäste behandelt. Am Ende kam es zu einer Welle von Razzien und Prozessen, teils mit Millionenstrafen für Konzerne und Dienstleister. McDonald’s hatte danach sogar Betriebsräte.
Rund 500.000 der durch das Anwerbeabkommen eingewanderten Türk*innen kehrten schlussendlich in die Türkei zurück. 367.000 blieben. Bauten sich in Deutschland ein Leben auf, holten ihre Familie nach oder gründeten eine. Schufen neue Arbeitsplätze. Der Kapitalismus hatte für manche in der BRD sein Wohlstandsversprechen erfüllt. Richtig willkommen fühlen sich trotzdem nicht alle, wie verschiedene Studien der vergangenen Jahre zeigen. Daran sollte Deutschland arbeiten.
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