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Denkmal gegen Polizeigewalt | Späte Reue

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Im Winter friert man auf dem eisigen Metall, im Sommer verbrennt man sich daran. Foto: Jens Weyers Am vergangenen Samstagnachmittag wurde in der Bremer Innenstadt ein Denkmal für die Opfer von Brechmittelgabe durch die Polizei eingeweiht. Seit mehr als 20 Jahren hatte eine Bürgerinitiative darum gekämpft. Gleich neben dem Gerhard-Marcks-Haus, dem Museum für Bildhauerei, liegen nun in Edelstahl die zersplitterten Buchstaben des englischen Wortes »Force« – das mit Gewalt, Macht und Polizeieinheit übersetzt werden kann.

Den Entwurf hat die südafrikanische Künstlerin Usha Seejarim erarbeitet. »Death by Drowning« – Tod durch Ertrinken – ist der Titel der Arbeit. Aber von vorn: Am 27. Dezember 2004 hatten Polizeibeamte an der Sielwallkreuzung, unweit des heutigen Gedenkortes, den sierra-leonischen Asylbewerber Laye-Alama Condé aufgegriffen. Er wurde des Handels mit Kokain verdächtigt und auf die Polizeiwache gebracht. Dort wurde er an Händen und Füßen gefesselt. Über eine Nasensonde verabreichte man ihm Brechmittel und Wasser. So sollten möglicherweise verschluckte Kokainkügelchen sichergestellt werden. Condé erbrach sich unter der Aufsicht eines Arztes, der die Prozedur begleitete, mehrfach. Er fiel ins Koma und starb schließlich am 7. Januar des folgenden Jahres.

Bremen war eines der wenigen Bundesländer, in denen dieses Verfahren angewandt wurde, ebenso in Hamburg. 2001 kam der aus Nigeria stammende Asylbewerber Achidi John dabei zu Tode. Nach ihm benannten Aktivist*innen eigenmächtig den Platz vor der »Roten Flora« im Schanzenviertel. In Bremen, das zu dieser Zeit von einer Großen Koalition regiert wurde, versuchten die Grünen in der Bürgerschaft vergeblich, den Einsatz zu stoppen.

Insgesamt wurden in Bremen seit 1991 in mehr als 1000 Fällen Brechmittel verabreicht. Ausschließlich an Menschen mit dunkler Hautfarbe. Erst nachdem Condé auf diese Weise ums Leben gekommen war, wurde auch hier die Brechmittelvergabe eingestellt. Hamburg folgte mit der Verurteilung der Praxis als Folter durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte 2006.

In Bremen geschah dann etwas, was im politischen Alltag der Bundesrepublik nur selten geschieht: Nicht ein pragmatisches, sondern ein allgemeines Umdenken in der Sache setzte ein. In den Jahren nach Condés Tod begannen die politisch und polizeilich Verantwortlichen, die Praxis der Brechmittelvergabe öffentlich zu bedauern. 2013 erhielt Condés Familie eine Entschädigungszahlung in Höhe von 20.000 Euro.

In Bremen geschah dann etwas, was im politischen Alltag der Bundesrepublik nur selten geschieht: Nicht ein pragmatisches, sondern ein allgemeines Umdenken in der Sache setzte ein.

In ihrer Rede zur Einweihung des Denkmals entschuldigte sich die Bremer Innensenatorin Eva Högl (SPD) abermals für die menschenunwürdige Praxis. Polizeipräsident Dirk Fasse betonte die Notwendigkeit einer Ausbildung zu kritischen Beamt*innen, die sich im Zweifel stets für Menschlichkeit entscheiden sollten. Beide wandten sich in ihren Ansprachen immer wieder an den aus Sierra-Leone angereisten Bruder des Opfers, Bangaly Condé.

Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses, lobte in seiner Rede die Aufmüpfigkeit der Bremer Zivilgesellschaft. Über viele Jahre trugen Engagierte aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen den Skandal um den Brechmittelmord in die Öffentlichkeit. An Häuserwänden las man »Alama-Laye Condé lebt!«, jährlich zum Todestag zog eine Demonstration durch die Stadt und hinterließ am Ort der Verhaftung einen temporären Gedenkort mit Blumen, Kerzen und einem Foto Condés.

Seit 2018 wanderte ein mobiles Denkmal durch die Stadt. Gebaut nach einer Idee der Bremer Künstlerinnen Doris Weinberger und Jule Körperich – eine Hörstation aus Holz, die in Deutsch, Englisch und Französisch die Geschichte der Brechmittelfolter erzählte. 2020 stimmte die Bremische Bürgerschaft für die internationale Ausschreibung eines bleibenden Denkmals – das schließlich Usha Seejarim gewann.

Ihre Arbeit ist sperrig, das Wort »Force« erkennt man nicht gleich. Das Schriftbild ist verzerrt, wie ein in die dritte Dimension gezogenes Graffiti. Einige Teile der Buchstaben sehen gefährlich spitz und scharfkantig aus, andere scheinen im Boden zu versinken. Manche der Buchstabenbalken wirken, als könnte man es sich auf ihnen bequem machen. Das C erinnert an eine Strandkoje, in der man geschützt vor Sonne und Regen herumliegen kann. Blickt man nach oben, sieht man über sich den Titel »Death by Drowning«.

Wirklich bequem werden die Buchstaben nie. Zu sehr stören beim Darauf-Sitzen die Höhenunterschiede, außerdem schneiden die Kanten in die Kniekehlen. Im Winter friert man auf dem eisigen Metall, im Sommer verbrennt man sich daran.

Vom Denkmal aus sieht man das Polizeikommissariat Mitte, das in einem historistischen Ziegelbau untergebracht ist. Mit seinen Türmen und Toren erinnert es an eine Burg. Gleich gegenüber steht ein klassizistisches Torhaus, in dem heute das Wilhelm-Wagenfeld-Haus, ein Museum für Design, untergebracht ist. Es diente ursprünglich als Gefängnis. Im Keller befindet sich heute eine Dokumentationsstätte, die sich mit der Zeit des Gebäudes als zentraler Gestapo-Knast beschäftigt. Noch von 1970 bis 1996 war darin ein Abschiebegefängnis untergebracht. So ergibt sich noch vom Denkmal aus, in all der Reflexion, ein fürchterliches Panorama.

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Source: nd