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Debatte: Neue Rechte | Der völkisch-nationalistische Dreiklang

Auch in der Mitte finden rechtsextreme Parolen immer mehr Zuspruch. Im Zentrum stehen »Austausch«, »Remigration« und »Rückeroberung«.

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Der französische Schriftsteller Renaud Camus wurde mit seiner Verschwörungserzählung vom »großen Bevölkerungsaustausch« zum Stichwortgeber der europäischen Rechten. Foto: imago/NTB Es war einmal ein Verlag in Amsterdam: Castrum Peregrini, benannt nach einem Zufluchtsort für jüdische Jugendliche und Künstler während der NS-Besatzung der Niederlande. Benannt wurde das Versteck nach der gleichnamigen uneinnehmbaren Kreuzfahrerfestung.

Soweit der erste Teil der Geschichte. Doch Castrum Peregrini lebte nach der NS-Zeit weiter. Der Schriftsteller Wolfgang Frommel, wesentlicher Organisator der Zuflucht, führte den Namen weiter, nunmehr als Bezeichnung eines Geheimbunds, der sich am historischen George-Kreis orientierte, einem literarischen Treff der sogenannten Konservativen Revolution der 1920er Jahre. Wie es einst beim George-Kreis der Fall gewesen war, scharte Frommel eine elitäre, hierarchisch strukturierte Gemeinschaft junger, ausschließlich männlicher Intellektueller um sich. Die sie bindende Religion waren Kunst und Dichtung. Daraus entstanden Zeitschrift und Verlag Castrum Peregrini, die bis 2007 existierten.

Nach den Berlin-Wahlen gab es in der deut­schen Medien­land­schaft einen regel­rechten »Melt­down«. Auch ver­meint­lich liberale Zeitun­gen und TV-Formate beteilig­ten sich an einer abstrusen Panik­mache gegen Linke, Migrant*in­nen und protes­tie­rende Jugend­liche. Feder­führend dabei Jour­na­listen wie Welt-Heraus­geber Ulf Poschardt oder Springer-Kolum­nist Harald Marten­stein. Doch wie kommt es eigent­lich, dass sich die ver­meint­liche Mitte so rasant nach rechts radikalisiert? Der Rechtsextremismusexperte Volkmar Wölk blickt auf die ideo­lo­gi­schen Ver­bindungs­linien zwischen kon­ser­va­tiver und rechts­extremer Szene in Frankreich.

Damit könnte die Geschichte beendet sein. Doch 2020 startete in Wien ein weiterer Verlag. Peregrini war im Namen weggefallen, geblieben war Castrum. Wie der Amsterdamer Verlag sieht sich der Betrieb in Wien in der Tradition des »ästhetischen Fundamentalismus« (Stefan Breuer) des George-Kreises.

Verleger Ledio Albani und sein Umfeld gelten als Teil der Neuen Rechten. Im Verlag erschienen unter anderem Bände des AfD-Ideologen Hans-Thomas Tillschneider und des AfD-Abgeordneten Maximilian Krah. Die vereinbarte enge Kooperation mit der neoreaktionären Zeitschrift »Tumult« (Dresden) um Frank Böckelmann scheiterte nach wenigen Monaten. Stattdessen gibt Castrum jetzt – wie der Vorgängerverlag – eine eigene Zeitschrift heraus, benannt nach Fiume, der 1919 durch den nationalistischen Schriftsteller Gabriele d’Annunzio und dessen Gefolge besetzten Stadt, die bis heute in der extremen Rechten Kultstatus hat, da der Handstreich d’Annunzios und die Zeit danach in diesen Kreisen als erfolgreiche Umsetzung einer »Revolution von rechts« gelten.

Wenn also ein sich als liberal verstehender bekannter Journalist wie Ulf Poschardt auf der Frankfurter Buchmesse 2026 nicht nur ein Streitgespräch mit der neurechten Ideologin Ellen Kositza (Edition Antaios) führt, sondern sich auch am Stand von Castrum, von zwei Mitarbeitern des Verlags flankiert und mit dem Magazin »Fiume« in der Hand, präsentiert, auf dem unvermeidlichen Social-Media-Foto mit einem nur als Werbung zu verstehenden Text, dann handelt es sich eben nicht nur um ein Foto, nicht nur um einen Teil der auf Konfrontation angelegten Aktivitäten auf X, sondern dann steckt hinter diesem Bild eine lange Geschichte. Eine Geschichte mit unübersehbaren ideologischen Implikationen.

Es ist dies nicht nur die Geschichte des Abdriftens eines »Ex-Marxisten« (Poschardt über Poschardt) und Theoretikers der Popkultur ins Lager der extremen Rechten. Das Foto ist vielmehr Sinnbild einer neuen Distanzlosigkeit, einer Distanzlosigkeit zwischen Liberalen/Konservativen und der extremen Rechten, eine Distanzlosigkeit, für die sich die Protagonisten nicht mehr meinen rechtfertigen zu müssen. Hier wird mit einem Tabubruch kokettiert, der keiner mehr ist und auch keiner mehr sein soll.

Wie in Frankreich ist eine Verschmelzung innerhalb der extremen Rechten zu beobachten.

Das Bild wird zum Sinnbild für den Zustand des Landes. Während in Sachsen-Anhalt eine immer offener faschistisch agierende AfD vor der Regierungsübernahme steht, glorifizieren angesehene Medienvertreter wie der ehemalige »Welt«-Herausgeber Ulf Poschardt die historischen Wegbereiter des Faschismus. Während demokratische Politiker*innen noch darüber debattieren, was die AfD denn von ihrem Wahlprogramm tatsächlich auf Landesebene durchsetzen könne, richtet der österreichische Identitäre Martin Sellner in Magdeburg bereits sein »Institut für Remigration« ein. Während demokratische Politiker*innen sich noch damit beruhigen, dass die Landtagspräsidentschaft ja ein weitgehend repräsentatives Amt ohne wirkliche Vollmachten sei, beweist der Landtagsvizepräsident der AfD bereits das Gegenteil, indem er bei der Gedenkfeier für die Opfer des antisemitischen Anschlags in Halle provoziert. Und der CDU-Staatsrechtler Ulrich Vosgerau leistet dem AfD-Mann mit den Worten Schützenhilfe: »Andererseits lassen sich auch gute Gründe finden, warum es wirklich schade ist, dass diese hergelaufenen und selbst ernannten Synagogen-Quexe von Halle nicht mit dem Polizeiknüppel durch die Straßen gejagt worden sind.«

Natürlich ist es illusorisch zu glauben, die AfD werde sich in der Regierungsverantwortung entradikalisieren. Doch das erwarte deren Wählerschaft gar nicht, wendet der Sozialwissenschaftler David Begrich ein, einer der besten Kenner der Materie. »Die Kernwählerschaft der AfD will unterhalten werden. Die wollen dabei zusehen, wie Demokraten gedemütigt werden. Die Partei wurde nicht dafür gewählt, sich an die Benimmregeln zu halten, sondern dafür, sie zu brechen.« Insofern entsprach die offene Drohung von Ulrich Siegmund gegen einen Journalisten der »Heute-Show« haargenau der Erwartung seiner Gefolgschaft.

Da kann sich Götz Kubitschek, Stratege der Neuen Rechten sowie strategischer Berater und Weggefährte der AfD, zufrieden zurücklehnen und für eine Taktik des Abwartens ohne Kompromisse plädieren. Die AfD sei inzwischen zur »Volkspartei« geworden, müsse sich aber weiter nach rechts öffnen und dürfe nicht in »parlamentarische Illusionen« verfallen. Die Absicherung der Erfolge durch ein »metapolitisches Fundament« außerhalb der Parlamente bleibe unverzichtbar.

Längst hat sich nach dem Vorbild Frankreichs innerhalb der extremen Rechten eine Verschmelzung herausgebildet, die die Politikwissenschaftlerin Marion Jacquet-Vaillant und der Historiker Nicolas Lebourg als »National-Synkretismus« bezeichnen. Die unterschiedlichen, bisher strikt voneinander getrennten Strömungen der extremen Rechten finden zusammen und agieren zusammen, bilden eine gemeinsame Ideologie heraus. Wenn zurzeit die Jungen Nationalisten, die Jugendorganisation der »Heimat« (früher NPD), die Doppelmitgliedschaft in der Generation Deutschland, der Jugendorganisation der AfD, ermöglichen, ist das ein Beispiel für diesen National-Synkretismus.

In Frankreich, so stellen Jacquet-Vaillant und Lebourg fest, ist diese Entwicklung bereits weiter gediehen und tiefgreifender als in Deutschland. War die dortige Nouvelle Droite früher für ihr fast schon sektiererhaftes Neuheidentum bekannt, so entstanden in den vergangenen Jahren immer mehr personelle und ideologische Verbindungen besonders zum fundamentalistischen Katholizismus. Ein ehemaliger neuheidnischer Evola-Anhänger und Autor der Magazine der Nouvelle Droite ist inzwischen russisch-orthodoxer Priester.

Jüngst wurde Jean-Eudes Gannat als neuer Mitarbeiter der »Éléments«, der wichtigsten Zeitschrift der französischen Nouvelle Droite, vorgestellt. Gannat kommt ursprünglich aus der Jugendorganisation des damaligen Front National, bewegte sich dann in der berüchtigten, militanten Studentenorganisation Groupe Union Défense und gründete schließlich 2017 die lokale identitäre und katholisch-traditionalistische Gruppe Alvarium. Nachdem diese wegen gewaltsamer Aktionen und rassistischer Kampagnen im Herbst 2021 verboten worden war, tauchte er als einer der Köpfe der Academia Christiana auf, eines identitären und katholischen Thinktanks, der inzwischen eng mit der Nouvelle Droite verbunden ist. Auf der Liste, für die Gannat im Gemeinderat sitzt, kandidierten auch Kader der rechtsextremen Partei Rassemblement National. Was früher strikt getrennt war, ist inzwischen zu einer Einheit verschmolzen. Das metapolitische Fundament für einen Wahlerfolg von Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2027 ist vorbereitet.

Mit Genugtuung können die derzeitigen Kader der Nouvelle Droite beobachten, dass die seit den frühen 60er Jahren durch ihre Strömung geleisteten Vorarbeiten heutzutage Früchte tragen und es die extreme Rechte in Frankreich aus der Bedeutungslosigkeit bis an die Schwelle der Regierungsmacht geschafft hat.

Entscheidend für diese Entwicklung ist die Schaffung eines Dreiklangs, des »Dreiklangs der drei großen R«: Remplacement (Austausch), Remigration und Réconquista (Rückeroberung). Sie beschreiben das Problem (ein angeblich stattfindender Bevölkerungsaustausch), zeigen den Lösungsweg (Remigration) und benennen das anzustrebende Ziel (Réconquista), das notfalls auch über einen Bürgerkrieg erreicht werden müsse. In ihren Augen befindet sich Frankreich in einem Vorbürgerkrieg.

Populär geworden ist der Begriff des »Großen Austauschs« (der Ersetzung des Volkes durch ein anderes, wie sie von den politischen und ökonomischen Eliten, den sogenannten Globalisten, geplant und vorangetrieben worden sein soll) vor allem seit dem Erscheinen des Buches »Le Grand Remplacement« des Schriftstellers Renaud Camus im Jahr 2011, das von der extremen Rechten in Deutschland sehr schnell übersetzt und aufgegriffen wurde. Nun sind die Gedanken von Camus keineswegs originell. Pierre-André Taguieff verweist in seiner Studie »Le Grand Remplacement ou la politique du mythe« darauf, dass der Kern dieser Ideologie bereits vor mehr als 100 Jahren durch Maurice Barrès entwickelt wurde, der eine »Invasion« Frankreichs zu erkennen glaubte und behauptete, dass eingewanderte Arbeitskräfte und insbesondere Juden das »wahre französische Volk« verdrängen würden. Was im französischen Kontext »Großer Austausch« heißt, wurde in Deutschland zur »Umvolkung«.

Neu an diesem Dreiklang ist eigentlich nur, dass er inzwischen von der extremen Rechten auf europäischer Ebene gemeinsam gespielt wird. Als Jean-Yves Le Gallou, der greise Doyen der Nouvelle Droite, am 31. Oktober seinen letztlich verbotenen »Remigrationsgipfel« durchführen wollte, sollte dort neben ranghohen ehemaligen französischen Beamten und Diplomaten auch der AfD-Abgeordnete Torben Braga auftreten, die Stimme Höckes im Bundestag. Es wächst zusammen.

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