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Covid-19 | Corona war kein großer Gleichmacher

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Kollektive Quarantäne statt guter Gesundheitsversorgung während der Pandemie. Foto: dpa/David Inderlied Dass Menschen in Pandemien je nach sozialer Lage unterschiedlich betroffen sind und vor allem ärmere Menschen größere Infektionsrisiken tragen, schwerer erkranken und öfter versterben, ist keine neue Erkenntnis. Diese Muster wurden bei nahezu allen Infektionsepidemien, zum Beispiel der Grippepandemie von 1918 oder der Aids-Pandemie beobachtet. Dass dieses etablierte Wissen in der Covid-19-Pandemie unbeachtet blieb und nicht zu politischem Gegensteuern führte, ist eines der größten Versäumnisse der deutschen Corona-Politik, so der Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock, der für Die Linke als Sachverständiger in der Corona-Enquete-Kommission des Bundestages sitzt.

Wie Claudia Hövener, Professorin für gesundheitsbezogene Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule, in der September-Anhörung der Kommission zu bedenken gab, traf die Covid-19-Pandemie 2020 auf eine deutsche Bevölkerung, in der Gesundheit bereits ungleich verteilt war. »Armut macht krank. Dass die soziale Lage eng mit Krankheit zusammenhängt, wissen wir für Deutschland seit Langem, es ist gut belegt«, so Hövener. Stress, schlechtere Ernährung und Vorerkrankungen schwächen das Immunsystem. Zudem beeinflussen soziale Faktoren den Zugang zu Gesundheitsversorgung sowie das Ansteckungsrisiko etwa durch Wohnverhältnisse. Vulnerabilität sei daher keine Eigenschaft bestimmter Gruppen, sondern entstehe aus Ausgangslage und Zugang, so Hövener. In der Pandemie standen jedoch vor allem chronisch Kranke und Ältere als »vulnerable Gruppen« im Vordergrund, die durch Maßnahmen geschützt werden sollten. Trotz höheren Infektionsraten ab der zweiten Welle in ärmeren Wohnregionen übersetzte sich das Wissen nicht in politisches Handeln. Ausnahmen bildeten einige wenige Modellprojekte, wie der Einsatz von Impfbussen und speziellen Gesundheitsfachkräften in Bremen. Stattdessen standen in Regionen mit schlechter sozialer Lage sogar im Durchschnitt weniger Test- und Impfangebote zur Verfügung.

»Dass die soziale Lage eng mit Krankheit zusammenhängt, wissen wir für Deutschland seit Langem.«

Es ist nicht das erste Mal, dass Expert*innen im Zuge der Arbeit der Enquete-Kommission auf die Pandemie als Brennglas hinweisen, dass Ungleichheit nicht erzeugte, sondern sie sichtbarer machte und verstärkte. Dieses Muster zeigte sich auch in Bezug auf die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen durch die Lockdowns. In der Juni-Sitzung der Enquete-Kommission gab Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, zu Protokoll, dass sie »niemals von einer Generation Corona« sprechen würde, da die Betroffenheit so unterschiedlich sei. Am 12. Oktober wird die Situation der jüngeren Generation Schwerpunktthema der Enquete-Kommission sein.

Die AfD griff diesem Punkt vor und lud im September den Lehramtsstudenten Filip Dimov, AfD-Ratsmitglied der Stadt Siegburg, in die Anhörung ein. Dieser berichtete, wie ihm als Schüler während der Pandemie die Freiheit genommen worden sei. Die AfD strickte damit weiter an ihrem Narrativ, messbare gesundheitliche Folgen der Pandemie seien allein durch die Maßnahmen erzeugt worden. Der vermeintlich wahrhaftige Zweck der politischen Maßnahmen wird hingegen nicht benannt; es bleibt bei spekulativen Andeutungen. Der AfD-Sachverständige, Stefan Homburg, ein bekannter Verbreiter von Corona-Falschinformationen, fragte Dimov beispielsweise, ob er glaube, ein Opfer von »Psyop« (kurz für »psychological operations«), also psychologischer Kriegsführung, gewesen zu sein. Das Thema soziale Ungleichheit interessierte die AfD-Mitglieder dagegen erwartbar nicht.

Doch nicht nur von der extremen Rechten kommen wissenschaftsverleugnende politische Reaktionen auf die Pandemie. Auch die Sparpolitik der Bundesregierung läuft allen Erkenntnissen aus der Enquete-Kommission entgegen. Die GKV-Sparreform und Kürzungen im sozialen Bereich werden die gesellschaftliche Resilienz für die nächste Krise eher schwächen als sie zu erhöhen.

Kollektive Quarantäne statt guter Gesundheitsversorgung während der Pandemie. Foto: dpa/David Inderlied  

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Source: nd