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Bürgerbeteiligung | Rückenwind für freies Tempelhofer Feld

Eine Randbebauung des alten Flughafens inmitten Berlins schließen Linke, Grüne und SPD aus. Die Feldkoordination erhielt derweil den Hans-Sauer-Preis.

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Freizeit auf dem Tempelhofer Feld verbringen, das lieben die Anwohner und auch Menschen, die von weiter weg extra herkommen. Foto: dpa/Sebastian Gollnow Drachen steigen lassen, Dauerlauf, Rollschuh- oder Radfahren, grillen und chillen. Das alles und noch viel mehr ist auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof mitten in der Stadt möglich – nicht aber, Wohnungen und dergleichen zu bauen. Das haben die Berliner bei einem Volksentscheid im Mai 2014 so entschieden. 64,3 Prozent der Wähler stimmten dem Ansinnen der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld zu.

Seit 2016 begleitet eine Feldkoordination die Nachnutzung des Geländes für Freizeit und Kultur und kümmert sich auch um den Naturschutz. Denn das Areal ist Lebensraum für zahlreiche geschützte Tier- und Pflanzenarten. Gebildet ist die Feldkoordination aus Vertretern der Senatsumweltverwaltung, der landeseigenen Grün Berlin GmbH und gewählten Ehrenamtlichen. Diese Woche bekam die Feldkoordination in München bei der Verleihung des Hans-Sauer-Preises einen der Sonderpreise. Geehrt wurden dieses Jahr Initiativen, die sich Räume gemeinsinnorientiert aneignen, sie umdeuten und gestalten. 334 Vorschläge sind eingereicht worden. Eine Jury unter Leitung von Architekturprofessorin Gabu Heindl erkannte fünf Preise und fünf Sonderpreise zu.

Geehrt wurden beispielsweise Spotlight Gelsenkirchen, das erste Redaktionscafé von Correctiv, das Haus der Demokratie im hessischen Landkreis Kassel und die Vollgut-Genossenschaft, die den Keller und die Fahrzeughalle der alten Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln reaktiviert. Aber auch ein selbstorganisiertes Wohn- und Kulturprojekt im brandenburgischen Fürstenwalde und eben die Tempelhofer Feldkoordination.

»Diese Auszeichnung bestätigt, was wir seit Jahren sagen: Das Tempelhofer Feld ist nicht nur eine Freifläche, es ist ein Ort, an dem die Menschen aus Berlin gemeinsam darüber entscheiden, wie ihre Stadt aussieht«, sagt Mareike Witt von der Initiative 100 Prozent Tempelhofer Feld. Die Feldkoordination zeige, »dass echte Mitbestimmung kein Hindernis für Stadtentwicklung ist, sondern ihr Kern«.

»Nach Jahren, in denen um das Tempelhofer Feld hart gerungen wurde, ist diese Anerkennung ein starkes Signal.«

Die gewählte Feldkoordinatorin Josefine Fokdal ergänzt: »Nach Jahren, in denen um das Tempelhofer Feld hart gerungen wurde, ist diese Anerkennung ein starkes Signal. Jetzt ist die Chance da, die Feldkoordination zu stärken und weiterzuentwickeln, statt sie immer wieder verteidigen zu müssen.« Die Auszeichnung gelte allen, die sich für das Tempelhofer Feld engagierten. Der Sonderpreis zeige auch, dass dieses Areal »den Menschen gehört, die es nutzen und gestalten«.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und seine am 20. September abgewählte Koalition mit der SPD hatten ungeachtet des gegenteiligen Volksentscheids versucht, doch zu einer Randbebauung der Freifläche zu gelangen.

Die Koalitionsverhandlungen von Die Linke, Grünen und SPD haben nun noch gar nicht begonnen. Zwar haben der SPD-Landesvorstand und der Landesausschuss der Grünen die Aufnahme von Verhandlungen bereits beschlossen. Noch fehlt dafür aber der Segen eines Landesparteitags der Linken. Der Parteitag findet erst am 31. Oktober statt. Doch bereits bei ihren Sondierungsgesprächen haben sich die drei Parteien auf die Formulierung geeinigt: »Wir halten am Charakter des Tempelhofer Feldes fest und schließen eine Randbebauung aus.«

Der Flughafen war im Oktober 2008 geschlossen worden. Der Bau des neuen Hauptstadtflughafens BER in Schönefeld hatte bereits 2006 begonnen. Seine Eröffnung verschob sich dann vom ursprünglich geplanten Termin im Jahr 2011 bis Ende Oktober 2020. Als letzter Düsenjet war am 30. Oktober 2008 um 22:12 Uhr eine Boeing 737 der Fluggesellschaft Air Berlin in Tempelhof abgeflogen. Sie landete 22 Minuten später in Berlin-Tegel. Als letzter Linienflug startete um 22:17 Uhr eine Propellermaschine vom Typ Dornier 328 nach Mannheim. Schließlich hoben um 23.55 Uhr parallel von beiden Startbahnen eine DC-3 und eine Ju-52 ab.

Maschinen vom Typ DC-3 sind als sogenannte Rosinenbomber bekanntgeworden, weil sie von Juni 1948 bis September 1949 Westberlin aus der Luft versorgt hatten, als sowjetische Truppen die Landwege blockierten. Daran erinnert am alten Flughafen Tempelhof das 1951 eingeweihte Luftbrückendenkmal. Mit dem Start der DC-3 und der Ju-52 am 30. Oktober 2008 sollte die Geschichte der Luftfahrt in Tempelhof eigentlich enden. Doch im Juni 2010 gab es noch die Notlandung eines Piloten, der bei einem Rundflug über Berlin mit einem Leistungsabfall des Triebwerks zu kämpfen hatte.

Der Hans-Sauer-Preis wird von der Stiftung des 1996 verstorbenen Erfinders Hans Sauer vergeben. Der 1923 geborene Sohn eines Landwirts hatte 1950 als Ingenieur bei Siemens begonnen, Relais zu entwickeln. Seine erste Patentanmeldung war eine elektronische Uhr mit einer Anzeige aus Neonröhren. Auf Sauer gehen weltweit mehr als 300 Patente für Relais zurück, die bedeutend kleiner und effizienter und in der Herstellung kostengünstiger waren. 1962 machte er sich mit der Firma SDS Elektro selbstständig. 1989 verkaufte Hans Sauer sein Unternehmen an den Matsushita-Konzern und gründete die Hans-Sauer-Stiftung mit dem Zweck, Kreativität und Innovation zu fördern.

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