Germany · nd · · 1h
Brechts »Kinderhymne« | Wie ein andres gutes Land
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Wer hat denn da aus Johannes’ Hymnen-Becherchen getrunken? Bertolt Brecht (l.), kein Staatsdichter, und Johannes R. Becher, Kulturminister der DDR Foto: dpa; IMAGO/TT »fertige in kleinen büscheln kinderlieder für eisler an. silberschmiedekunst«, trug Brecht lakonisch am 10. Juni 1950 in sein Journal ein. Zu diesen Kinderliedern gehörte, neben dem »Mailied« und der »Pappel vom Karlsplatz«, auch die »Kinderhymne«, die mit den Versen beginnt: »Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Daß ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land.«
Im Brecht-Archiv der Akademie der Künste zu Berlin findet sich ein Typoskript, das noch den Titel »Hymne« trägt und eine bemerkenswerte Korrektur zeigt. Die erste Zeile lautete nämlich zunächst: »Arbeit sparet nicht noch Mühe«. Aber das Wort »Arbeit« hat Brecht durchgestrichen und mit roter Tinte durch »Anmut« ersetzt. So wurde aus einem Propaganda-Vers Poesie.
Wie kam es dazu, dass Brecht in seine »Kinderlieder« eine Hymne aufnahm? Schon vor der Gründung der DDR beauftragte das Politbüro der SED im September 1949 seinen Kandidaten Anton Ackermann, mit Johannes R. Becher und Hanns Eisler über eine zukünftige Nationalhymne zu sprechen. Nach der Gründung der DDR am 7. Oktober schrieb Wilhelm Pieck als Staatspräsident einen Brief an Becher und machte ihm Vorschläge für den Inhalt des Textes.
Ende Oktober fuhr Becher gemeinsam mit Eisler zu einer Goethe-Feier nach Warschau und zeigte dem Komponisten dort seinen ersten Entwurf. Bei einem Besuch in Chopins Geburtshaus in Żelazowa Wola setzte sich Eisler an dessen Flügel und spielte Becher seine gerade entstandene Komposition vor. Auf Bechers Verblüffung antwortete Eisler lapidar: »Solche Sachen kann man nur sehr rasch machen oder gar nicht.«
Schon am 5. November 1949 entschied der Ministerrat nach einem Vorspiel vor Wilhelm Pieck und dem versammelten Politbüro, dieses Werk als »Deutsche Nationalhymne« anzunehmen. In der Bundesrepublik wollte man am »Lied der Deutschen« festhalten, das Reichspräsident Friedrich Ebert im August 1922 zur Hymne der Weimarer Republik erklärt hatte. Deren Text stammte von Hoffmann von Fallersleben, der ihn im Jahr 1841 auf Helgoland zur Melodie von Joseph Haydns Kaiserhymne »Gott erhalte Franz den Kaiser« geschrieben hatte.
Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde nur die erste Strophe, »Deutschland, Deutschland über alles«, gesungen und Fallerslebens Lob auf »deutsche Frauen, deutschen Wein und deutschen Sang« unterschlagen.
Nach der Gründung der BRD hatte deren erster Präsident Theodor Heuss zwar auch eine neue Hymne gewünscht, was aber von Bundeskanzler Konrad Adenauer abgelehnt wurde. Der entschied 1952, dass zukünftig nur noch die dritte Strophe gesungen werden sollte: »Einigkeit und Recht und Freiheit«. Brecht fand diese Hymne, auf die im »Dritten Reich« stets das »Horst-Wessel-Lied« gefolgt war, unerträglich. Aber auch der neuen Hymne der DDR mit ihrem Pathos und der Sonne, die »schön wie nie über Deutschland« scheinen sollte, konnte er wenig abgewinnen.
So kann seine »Hymne« als ein Gegenentwurf angesehen werden, den er listigerweise ebenfalls auf die Melodie von Haydn geschrieben hatte. Aber statt der damals noch von der SED-Führung propagierten »Deutschen Einheit«, die Becher mit »Deutschland, einig Vaterland« unterstrichen hatte, ging es Brecht vor allem um Versöhnung und Verständigung mit den Nachbarstaaten: »Daß die Völker nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin / Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern Völkern hin.«
Während Adenauer sich nicht darum scherte, dass die alten NSDAP-Mitglieder in Staat, Justiz, Militär und Wirtschaft im Geist weiter »Deutschland, Deutschland über alles« singen konnten, setzte Brecht dieser verhängnisvollen Kontinuität eine andere Perspektive entgegen: »Und nicht über und nicht unter / Andern Völkern wolln wir sein / Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein.« In der Ablehnung dieser Verse waren sich die Kalten Krieger auf beiden Seiten der Staatsgrenze bis zu deren Öffnung einig. Und als während der Verhandlungen zum Einigungsvertrag 1990 von mehreren Bürgerinitiativen der Vorschlag gemacht wurde, das »Lied der Deutschen« durch Brechts »Kinderhymne« zu ersetzen, wurde diese Idee ebenso ignoriert wie der Vorschlag, eine neue gesamtdeutsche Verfassung auszuarbeiten.
Mit der bis heute üblichen Arroganz verwies die westdeutsche Politik darauf, dass sich Hymne und Verfassung der Bundesrepublik in den vergangenen vierzig Jahren glänzend bewährt hatten und keiner Neuerungen bedurften. Dagegen hatte der Politikwissenschaftler Iring Fetscher schon 1977 über Brechts »Kinderhymne« geschrieben: »Es gibt wohl keine Hymne, die die Liebe zum eigenen Land so schön, so rational, so kritisch begründet und keine, die mit so versöhnlichen Zeilen endet.« An rationaler Kritik waren die neuen Sieger der Geschichte schon damals nicht interessiert, von Anmut ganz zu schweigen.
Das Deutschland, für das Brecht diese Hymne geschrieben hatte und für das er und viele seiner Freunde und Mitarbeiter aus dem Exil in die sowjetische Besatzungszone gekommen waren, ein demokratisches und sozialistisches Deutschland, in dem es weder Ausbeutung noch staatliche Willkür geben sollte, dieses Deutschland hat es nach 1945 nicht gegeben. Für eine kurze Zeit haben viele Menschen in der DDR noch 1989 darauf gehofft, doch die Chance dafür war in den vierzig Jahren davor vertan worden.
Aber dass es einmal eine deutsche Hymne voller Poesie und Hoffnung gegeben hat, daran soll angesichts der neuen Sängerkriege und der Hasskampagnen gegen alles, was es bis heute an sozialistischen Ideen gibt, doch einmal erinnert werden.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd