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Bildungspolitik | Pisa-Studie: Neues »Bildungsarmutszeugnis« für Deutschland

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Bei der Pisa-Studie wurde im vergangenen Jahr der Leistungsstand von Jugendlichen in 91 Ländern und Wirtschaftszonen untersucht. Foto: dpa/Wolfram Kastl »Wir haben uns zu spät auf eine immer heterogener werdende Schülerschaft eingestellt«, gab Bundesbildungsministerin Karin Prien zu. Daraus könne man zu großen Teilen das erneut schlechtere Abschneiden Deutschlands bei der Pisa-Studie erklären, sagte die Christdemokratin am Dienstag bei der Vorstellung der internationalen Bildungserhebung in Berlin. Im vergangenen Jahr nahmen rund 6700 Schüler*innen aus Deutschland daran teil.

Die Kompetenzen beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften haben sich bei den 15-Jährigen in Deutschland nach einem deutlichen Einbruch während der Corona-Pandemie weiter verschlechtert. Aus den Ergebnissen der OECD-Untersuchung in 91 Ländern und Wirtschaftsregionen geht auch hervor, dass immer mehr Schüler*innen nicht einmal grundlegende Anforderungen bewältigen können. Beim Lesen und Rechnen ist es ungefähr ein Drittel, in den Naturwissenschaften etwa ein Viertel der Jugendlichen. Deutschland liegt damit im Durchschnitt der OECD-Staaten. Auch andere westliche Länder haben Rückgänge zu verzeichnen, während viele ostasiatische Länder deutlich besser abschnitten.

Prien findet es »außerordentlich beunruhigend«, dass die »soziale Schere« zwischen den Schüler*innen immer weiter aufgehe. Die Kompetenzunterschiede zwischen sozioökonomisch benachteiligten Jugendlichen und denen aus privilegierten Familien seien nicht mehr hinnehmbar. Nur fünf der 90 erfassten Länder haben bei der Bildungsgerechtigkeit noch schlechter abgeschnitten.

Die Studie zeigt große Unterschiede zwischen den Schulformen. Während an den Gymnasien die meisten Schüler*innen die Basiskompetenzen erreichen, ist die Not an den anderen Schulen groß: In Mathematik erreichen dort 47 Prozent nicht einmal die grundlegenden Kenntnisse, beim Lesen sind es 43 Prozent und in den Naturwissenschaften 37 Prozent. Auffallend ist auch, dass Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte deutlich schlechter abschneiden. Insbesondere jene, die erst seit einigen Jahren in Deutschland leben, fallen deutlich zurück. Die Zuwanderung sei jedoch nicht der Hauptgrund für die zunehmende Bildungsungleichheit, betonte der Studienleiter Samuel Graff. »Die Trennlinie läuft nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund, sondern zwischen Jugendlichen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien«, sagte der Experte. Viele Staaten schafften es besser als Deutschland, im Bildungswesen »unterschiedliche Voraussetzungen in eine Stärke der Vielfalt umzuwandeln«.

Überraschend ist der Befund nicht, das gibt Prien zu. Als im Jahr 2000 erstmals die internationale Vergleichsstudie präsentiert wurde, sei das ein Schock gewesen. Jetzt dagegen sehe man einen Trend, der sich verfestige. Viele Jugendliche könnten ihr Potenzial an den Schulen nicht ausschöpfen.

Um die Bildungseinrichtungen besser aufzustellen, sieht Graff nicht nur eine einzige Handlungsoption, um das Schulsystem zu reformieren. Notwendig sei vielmehr ein Bündel von Maßnahmen. Schon früh müsse die Lernentwicklung erfasst werden, und Kinder müssten schnell Unterstützung bekommen, wenn sie diese benötigten. Diese müsse gezielt dort erfolgen, wo der Bedarf am größten sei. Auch das Monitoring der Bildungsmaßnahmen müsse weiterentwickelt werden. Neu seien die Erkenntnisse nicht, gibt Graff zu, aber die notwendigen Schritte müssten konsequent eingeleitet werden.

Anna Stolz (Freie Wähler), Bildungsministerin in Bayern und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, teilt die Handlungsempfehlungen der OECD. »Wir fangen mit unseren Anstrengungen nicht bei null an«, versicherte sie bei der Präsentation der Studie. Zusammen mit Karin Prien betonte sie, dass nach Weckrufen durch andere Bildungsstudien bereits gegengesteuert werde.

Vor Jahren schon habe man begonnen, die Kita auch als Bildungseinrichtung zu verstehen, erläuterte Prien. Dort werde jetzt eine Sprachstandserhebung erfolgen, und wenn Kinder Nachholbedarf hätten, solle gezielt gefördert werden. An den Schulen würden die begrenzten Ressourcen mit dem Startchancenprogramm gezielt dort eingesetzt, wo sie am dringendsten benötigt würden. Bund und Länder investierten seit 2024 gemeinsam rund 20 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren, um rund 4000 Schulen in herausfordernden Lagen zu unterstützen. Zudem werde der Ganztag in den Grundschulen ausgebaut, wo es nicht nur um eine Betreuung der Kinder gehe, sondern um gezielte Förderung.

Prien spricht sich dafür aus, dass sich die Kitas und Schulen stetig weiterentwickeln und verbessern müssten. Außerdem brauche es eine bessere Zusammenarbeit von Schulen, Eltern und Hilfeeinrichtungen. »Wir wissen, wo wir ansetzen müssen«, erklärte die Bundesministerin. Sie sieht sich auf dem richtigen Weg, auch wenn bislang offenbar noch keine Erfolge sichtbar sind.

Grundlegende Einschnitte in das Bildungssystem will sie aber nicht vornehmen, etwa ein längeres gemeinsames Lernen, wozu Graff angeregt hat. In anderen Ländern habe dies zu besseren Ergebnissen geführt, erklärte der Bildungsexperte. In Deutschland erfolgt der Übergang auf weiterführende Schulen in den meisten Bundesländern bereits nach der vierten Klasse. Viele Wissenschaftler*innen halten das für verfrüht.

Eine vernichtende Kritik an der Bildungspolitik äußerte Anja Bensinger-Stolze, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW. »Ein Vierteljahrhundert Pisa-Maßnahmen haben unterm Strich nichts gebracht.« Nach 25 Jahren hänge der Bildungserfolg in Deutschland immer noch so stark vom Elternhaus ab wie in kaum einem anderen Land, erklärte die Schulexpertin. »Allen Erhebungen und dem Herumdoktern der Politik zum Trotz trägt das Schulsystem quasi nichts dazu bei, die starke Verknüpfung von Bildung und sozialem Hintergrund abzumildern. Im Gegenteil: Es zementiert und verstärkt sie sogar.« Sie fordert, dass nach diesem »Bildungsarmutszeugnis« das gesamte Schulwesen auf den Prüfstand gehört.

Die SPD-Bundestagsfraktion fordert nach der Veröffentlichung der Pisa-Studie ein Krisentreffen auf Bundesebene. »Nach diesen Ergebnissen können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen«, sagte die stellvertretende Fraktionschefin Dagmar Schmidt der Deutschen Presse-Agentur. Von Prien erwartet sie, dass sie jetzt die Initiative ergreift. »Deutschland braucht einen Bildungsgipfel von Bund, Ländern und Kommunen.« Bei einem solchen Treffen müssten konkrete gemeinsame Konsequenzen aus den Ergebnissen gezogen werden. In Deutschland sind die Bundesländer für Bildung zuständig. Ein gemeinsames Vorgehen ist deshalb stets ein langwieriger Aushandlungsprozess.

»Wenn Deutschland bei der Bildung weiter zurückfällt und die soziale Herkunft immer stärker über den Bildungserfolg entscheidet, ist das ein Alarmsignal, das niemand überhören darf«, sagte Schmidt.

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Source: nd