Germany · nd · · 1d
Berlin-Neukölln | Vergewaltigung im Jugendzentrum nicht bewusst vertuscht
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Stadträtin Sarah Nagel (l.) und die Kommissionsvorsitzende Elke Nowotny stellen den Bericht der Untersuchungskommission vor. Foto: dpa/Jens Kalaene Ein Aushang davor informiert: »Das Jugendzentrum Wutzkyallee bleibt leider bis auf Weiteres geschlossen.« Angegeben werden die Adressen und Öffnungszeiten von drei anderen Jugendklubs in der Nähe sowie des Mädchentreffs »Rosa Minta« genau hier in der Wutzkyallee. Die Zufahrt zu dem 6000 Quadratmeter großen Gelände im Berliner Bezirk Neukölln ist mit Mülltonnen und Absperrband verstellt.
Ende 2025 soll hier eine Gruppe von Jugendlichen eine 16-Jährige vergewaltigt haben, diese soll später noch einmal bedrängt worden sein. Das Opfer offenbarte sich im Mädchentreff. Er kümmerte sich um die Heranwachsende und meldete den Fall dem Jugendamt. Das habe dann zwar über die Vorkommnisse gesprochen, jedoch »zu wenig« gehandelt, sagt Kerstin Stappenbeck. Sie leitet die Abteilung Jugend und Kinderschutz in der Senatsbildungsverwaltung und gehörte der unabhängigen Kommission an, die mögliche Versäumnisse seit April untersuchte.
Am Freitag stellt die Kommission ihren Bericht im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt vor – nur eine U-Bahnstation von der Wutzkyallee entfernt. Die sechs Expertinnen der Kommission haben mancherlei Erfahrungen gesammelt, die ihnen hier helfen konnten. Sie haben beispielsweise schon andere schwerwiegende Fälle untersucht, sogar welche mit Todesfolge, wie die Kommissionsvorsitzende Elke Nowotny erklärt.
Als die Vergewaltigungsvorwürfe 2026 öffentlich bekannt wurden, erregte dies große Aufmerksamkeit – vor allem auch wegen der damit verbundenen Anschuldigung, die Täter seien nicht gleich bei der Polizei angezeigt worden, um muslimische Jugendliche wegen ihrer Herkunft und Religion nicht insgesamt zu stigmatisieren.
»Es gibt keine Anhaltspunkte für bewusste Vertuschung. Das geben die Anhörungen nicht her, das geben die Akten nicht her.«
Dazu stellt Stappenbeck nun aber klar: »Es gibt keine Anhaltspunkte für bewusste Vertuschung. Das geben die Anhörungen nicht her, das geben die Akten nicht her.« Das Jugendamt von Neukölln sei jedoch der irrigen Ansicht gewesen, der Mädchentreff kümmere sich ja schon. Dabei wäre das Amt verpflichtet gewesen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und beispielsweise zu klären, ob es tatsächlich ein Video von der Vergewaltigung gibt, mit dem auch noch versucht worden sein soll, das Mädchen und seine Schwester zu erpressen.
Die Kommission konnte mit Personal des Jugendzentrums und des Mädchentreffs sprechen, mit ein paar Jugendlichen und dem Mädchen. Jugendzentrum und Mädchentreff machten der Kommission zufolge teils einander widersprechende Angaben. Es gab aber offensichtlich sehr dominante Gruppen von männlichen Besuchern des Jugendzentrums, die Mädchen »Hure« oder »Schlampe« nannten, einfach auf ihren Schoß zogen oder gegen deren Willen den Arm um die Schulter legten. Das sagen nicht allein die Mädchen.
Fakt ist offenbar auch, dass die Teams von Jugendzentrum und Mädchentreff unterschiedliche pädagogische Ansätze verfolgten, nicht miteinander klarkamen und teils auch gar nichts mehr miteinander zu tun haben wollten. So gehe es natürlich nicht, ist die Expertinnenkommission überzeugt. Es müsste regelmäßige gemeinsame Besprechungen und ein Schutzkonzept für das Jugendzentrum geben, so wie es für das Mädchenzentrum vorliegt.
Im Jugendamt seien auf allen Ebenen Fehler gemacht worden, bedauert die zuständige Bezirksstadträtin Sarah Nagel (Linke) am Freitag. »Aus den Fehlern kann man lernen und muss man lernen«, findet sie. Den Betroffenen sagt sie: »Was euch passiert ist, ist schrecklich. Ihr seid vom Jugendamt nicht ausreichend gehört worden – und das hätte nicht passieren dürfen.«
Das Jugendzentrum solle – »sobald es möglich ist« – wieder geöffnet werden. Es werde gebraucht an der Wutzkyallee. Es gab in dem Zentrum erhebliche Fluktuation beim Personal. »Das Team wird in der Zusammensetzung dort nicht mehr arbeiten«, versichert Nagel. Dass dieses Jugendzentrum auch seine guten Seiten gehabt haben muss, bestätigt die Aussage eines Jugendlichen gegenüber der Kommission, er habe es mehr als zehn Jahre besucht, die Menschen als seine Familie betrachtet und dort sei ihm geholfen worden, einen Ausbildungsplatz zu finden.
»Der Bericht bestätigt unsere bisherige Einschätzung: Anhaltspunkte für eine bewusste Vertuschung gibt es nicht, gravierende Versäumnisse im Jugendamt aber schon«, reagiert der Bezirksverordnete Tjado Stemmermann (Grüne). »Der Bericht darf nicht zum Schlusspunkt der Aufarbeitung werden«, findet er.
Die Strafverfahren gegen die Täter laufen noch. Gar nicht erst aufgenommen worden sind Ermittlungen gegen Stadträtin Nagel, weil sich schlicht und einfach nach Prüfung durch die Staatsanwaltschaft kein Anfangsverdacht ergab, dass sie persönlich etwas hätte vertuschen wollen. Die CDU hatte sich dennoch bemüht, Nagel abzusägen. Sie selbst nennt es am Freitag »verstörend«, dass Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) und ihr Staatssekretär Falko Liecke mit Schuldzuweisungen die Debatte noch angeheizt hätten. »Jugendarbeit braucht Ressourcen und Rückhalt«, ist Nagel überzeugt. Sie hat mitbekommen, dass die Geschehnisse in Neukölln zu Verunsicherung auch in anderen Bezirken geführt haben.
Die aus Oberhausen stammende Sarah Nagel war 2021 zur ersten Stadträtin der Linken im Bezirksamt Neukölln gewählt worden. Eigentlich wollte und sollte sie noch fünf Jahren dranhängen, hat aber am Donnerstag mitgeteilt: »Nun ist es Zeit für mich, mich beruflich und politisch an anderer Stelle einzubringen. Für die Entscheidung hat auch die Geburt meines dritten Kindes im Juli eine Rolle gespielt.«
Die Linke-Bezirksvorsitzende Jorinde Schulz bedauert Nagels Verzicht. »Sie stellte sich gegen die diskriminierende Praxis der sogenannten Shisha-Bar-Razzien und blieb auch bei starkem Gegenwind von rechts standhaft im Einsatz gegen Rassismus und Ungleichbehandlung«, würdigt Schulz. Da damit zu rechnen ist, dass die Partei bei der Wahl am 20. September so viele Stimmen erhält, dass ihr ein zweiter Stadtratsposten zusteht, soll zeitnah neben dem schon als Stadtrat oder Bezirksbürgermeister vorgesehenen Linksfraktionschef Ahmed Abed noch eine zweite Person nachnominiert werden. Nicht mehr zu ändern ist, dass Sarah Nagel als Spitzenkandidatin der Linken für die Bezirksverordnetenversammlung Neukölln auf den Stimmzetteln stehen wird.
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen
Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source →
Source: nd