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Bücher | Literatur von gestern: Der Sinn der Erdschollen

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Gilt auch heute wieder: » ... als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein.« (Irmgard Keun »Nach Mitternacht«, 1937) Foto: Hansjörg Keller/Unsplash Heute, wo kaum noch jemand sich auf ernstzunehmende Weise mit Literatur beschäftigt und eine durchschnittliche Buchrezension sich liest, als handle es sich bei ihr um den Klappentext des Verlags (»ein atemberaubender Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann«), werden Romane vor allem als Entspannungsmittel oder als eine Art Lebenshilfe empfohlen: Sie leiden unter der sengenden Sonne, Hitze und Trockenheit? Lesen Sie Karen Duves »Regenroman« (1999). An Feuchtigkeit und Nässe herrscht da kein Mangel. Sie tragen sich mit dem Gedanken, demnächst zu heiraten? Lesen Sie Gustave Flauberts »Madame Bovary« (1857). Vielleicht überlegen Sie es sich dann anders. Sie sind ein tatkräftiger, entschlossener, beruflich erfolgreicher Angestellter voller Energie und Entscheidungsfreude? Ein reibungslos funktionierendes Alphamännchen, das seine stupide Arbeit liebt? Lesen Sie Wilhelm Genazinos »Abschaffel«-Trilogie (1977–1979). Oder, noch besser: Herman Melvilles »Bartleby« (1853). Nicht völlig ausgeschlossen, dass Sie hinterher eine ganz neue Sicht auf die Welt entwickeln, sich vielleicht sogar milder Widerstand gegen das Arbeitsregime des Kapitalismus in Ihnen regt.

Ich bin mir nicht sicher, ob diese Art des Umgangs mit Literatur geeignet ist, eine bessere Zukunft hervorzubringen. Sicher ist jedenfalls: Oft hilft Literatur dabei, Phänomene unserer Gegenwart zu verstehen. Selbst dann (oder gerade dann), wenn diese Literatur in der Vergangenheit geschrieben wurde. Autorinnen und Autoren von Romanen, Novellen oder Erzählungen haben Beobachtungen aus ihrer Zeit notiert. Erfahrungen, die sie gemacht haben, Wissen, das sie sich angeeignet haben, und zeitgenössische ästhetische Verfahren, die sie entwickelt haben, haben Eingang in ihre Bücher gefunden. So hat der Leser der Gegenwart die Möglichkeit, einen Eindruck vom tristen Dasein junger Fabrikarbeiterinnen unterm Patriarchat im Österreich der 1960er Jahre zu bekommen (»Die Liebhaberinnen«,1975, Elfriede Jelinek) oder das Leben einer jungen Frau in den USA der 1950er Jahre zu verfolgen, die mehr und mehr in eine tiefe Depression fällt (»Die Glasglocke«, 1963, Sylvia Plath).

Der Leser kann, das entsprechende Buch in Händen, so nicht nur eine ästhetische Erfahrung machen, er kann auch in einen Kosmos blicken, der ihm ansonsten verschlossen geblieben wäre.

Überhaupt stellt heutzutage der eine oder andere Roman aus der Weimarer Republik oder den 1930er Jahren eine Fundgrube dar für Szenen, die sich genau so auch heute in Deutschland abspielen könnten.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben ihre Erlebnisse, Erkenntnisse, Erfahrungen sozusagen in ihre Figuren eingeschrieben (oder schreiben sie ihnen zu)? Und diese geben sie dann aus ihrer Perspektive wieder? Hmm. Zugegeben: Das ist ein auf unverschämte Art vereinfachtes Modell davon, wie Literaturproduktion funktioniert. Jede halbwegs engagierte Literaturwissenschaftsstudentin – »ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen« – würde mir für derlei simplifizierendes Gefasel mit dem Eppelsheimer-Köttelwesch die Schreibhand zertrümmern, und zwar zu Recht. Aber wir sind ja hier nicht im Germanistik-Seminar, sondern in einer Zeitungskolumne.

Tatsächlich wird oft vergessen, dass es der Literatur immer wieder gelungen ist, bestimmte Milieus und deren Tun oder Denken mit knappen Worten so exakt zu beschreiben, dass man als Leser oft die Entstehungszeit des jeweiligen Romans, wenn überhaupt, nur unter Schwierigkeiten bestimmen kann. In »Berlin Alexanderplatz« (1929) hat Alfred Döblin vor 100 Jahren einzelne Figuren aus dem Berliner Proletariat so kenntnisreich dargestellt, dass ich bei seinen Worten heute sofort meinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss vor Augen habe.

Thomas Blum ist grundsätzlich nicht einverstanden mit der herrschenden sogenannten Realität. Vorerst wird er sie nicht ändern können, aber er kann sie zurechtweisen, sie ermahnen oder ihr, wenn es nötig wird, auch mal eins überziehen. Damit das Schlechte den Rückzug antritt. Wir sind mit seinem Kampf gegen die Realität solidarisch. Daher erscheint fortan montags an dieser Stelle »Die gute Kolumne«. Nur die beste Qualität für die besten Leser*innen! Die gesammelten Texte sind zu finden unter: dasnd.de/diegute

Überhaupt stellt heutzutage der eine oder andere Roman aus der Weimarer Republik oder den 1930er Jahren eine Fundgrube dar für Szenen, die sich genau so auch heute in Deutschland abspielen könnten. Werfen wir einen kurzen Blick in »Sodom Berlin« (1929) von Yvan Goll: »Tausend gleiche deutsche Köpfe: tausend Riesenschädel, rosa und durchsichtig wie Talgkugeln, rasiert oder kahl, fest auf gedrungene Nacken gepflanzt, auf drei Speckfalten. Die Gesichter waren ebenso nackt wie die Schädel und aufgeweicht vom Bier. Allein der Mund bildete ein großes Loch, das helle Bier ergoss sich hinein, und heraus tönte dröhnender Gesang.« Beim Wiederlesen dieser Passage musste ich unweigerlich an die Personenschützer und Wahlkämpfer um Ulrich Siegmund (AfD) denken, an deren demonstrative Wehrmachtsfrisuren und ausrasierte Nacken sowie an das mit Bratwurst und Bier kurzzeitig ruhiggestellte Volk, das den rechtsextremen Politiker bei seinen öffentlichen Auftritten grölend umlagerte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Irmgard Keuns satirischer Anti-Nazi-Roman »Nach Mitternacht« (1937), erschienen im niederländischen Exil. Darin macht sich die ein wenig naive Erzählerin und Hauptfigur, Susanne, eine 19-jährige junge Frau, an einer Stelle Gedanken über deutsche Kultur: »Die Dichter schreiben jetzt auch alle, dass man nur die natürliche Heimat seiner Natur lieben muss (…) Der Sinn der Erdschollen besteht darin, dass die Dichter sie besingen müssen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen und nachzudenken, was in den Städten los ist und mit den Menschen. Außerdem braucht man die Schollen für Heimatfilme, aus denen sich das Publikum nichts macht.« Über ihren Halbbruder, der ein erfolgreicher Schriftsteller ist, sagt Susanne, dieser tue jetzt »in seinen Geschichten, als müsse man jedes Häufchen Kuhmist an sein Herz drücken, um ein anständiger Mensch zu sein«. Geschrieben wurde das zwar Mitte der 1930er Jahre. Doch viel klarer und knapper kann man die kulturpolitischen Vorstellungen des Masterminds der sachsen-anhaltischen AfD, Hans-Thomas Tillschneider, wohl nicht umreißen.

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Source: nd