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»Bad Apples« im Kino | Sie nerven!
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Die Lehrerin Maria wird von Saoirse Ronan, die sonst immer positiv besetzte Rollen spielt, schlicht großartig verkörpert. Foto: Pulse Films Eigentlich will Maria Spencer (Saoirse Ronan) eine gute Lehrerin sein. Aber Danny (Edie Waller), ein Schüler in der fünften Klasse, die sie unterrichtet, ist gewalttätig, stört immerzu den Unterricht und entzieht sich jeglicher Kontrolle. Als sie eines Abends den verständnisvollen, aber völlig überforderten alleinerziehenden Vater aufsucht, der als maximal gestresster Paketfahrer arbeitet, erwischt sie auf dem Nachhauseweg Danny, der mit einer Eisenstange gerade ihr Auto demoliert. Sie hält ihn fest, sie ringen miteinander, er wird plötzlich ohnmächtig, sie bringt ihn zu sich nach Hause, es kommt zu einer weiteren körperlichen Auseinandersetzung. Danny rennt davon und landet eher zufällig im Keller, dessen Tür die brave Lehrerin einfach zusperrt. Jonathan Etzlers Film »Bad Apples« ist harte Kost. Denn Maria, die Lehrerin, lässt Danny monatelang im Keller eingesperrt, während eine Suchaktion nach dem vermissten Kind startet, an der sie sich sogar beteiligt. Die Arbeit in der Schule, die zuvor gar nicht funktionieren wollte, ist plötzlich kein Problem mehr. Die Klasse blüht auf, ebenso die Lehrerin, denn es ist ja kein störender Danny mehr da. Der zockt derweil angebunden im Keller von Maria Videospiele, bekommt Nachhilfeunterricht, freundet sich ganz Stockholm-Syndrom-mäßig sogar ein wenig mit seiner Entführerin an und muss aber seine Notdurft in einem Eimer verrichten.
Filme über das Verhältnis von Lehrern und Schülern sind selten realitätsnah. Das gilt etwa auch für İlker Çataks Erfolgsfilm »Das Lehrerzimmer«, der ein völlig absurdes Schulleben in Szene setzt, das mit der Realität nichts zu tun hat. Genauso ist das auch mit »Bad Apples«, wo die arme Lehrerin Maria mit dem renitenten und absolut gewalttätigen Schüler völlig allein gelassen wird. Die Direktorin erklärt ihr, das sei ihr Job. Nur genauso funktioniert Schule nicht. Weder schreien alle Eltern beim Elternabend wie aufgescheuchte Hühner durcheinander, noch gibt es Klassen, in denen alle konstruktiv am paradiesischen sozialen Miteinander arbeiten wie in »Bad Apples«, sobald der eine störende Schüler weg ist. Das beschreibt kein soziales Verhältnis, was Schule vor allem auch ist, sondern stammt aus der Werkzeugkiste der billigen sozialpolitischen Vorurteile, wie sie gerne von Populisten und rechten Demagogen genutzt werden. Nun ließe sich natürlich postulieren, dass »Bad Apples« als bitterböse Allegorie auf ein Bildungssystem zu verstehen ist, das Schüler*innen wie die Titel gebenden Äpfel in einer riesigen Maschine sortiert, auspresst und daraus ein Destillat gewinnt – wie es auch zu Beginn des Films zu sehen ist.
Filme über das Verhältnis von Lehrern und Schülern sind selten realitätsnah.
Nur ist das ein wenig dünn für diese Art von Kinofilm, der den Eindruck erweckt, als könnte er sich nicht so richtig entscheiden, ob er etwas Kritisches formulieren oder in erster Linie mit einem politisch unkorrekten Augenzwinkern unterhalten will. Lehrerin Maria wird natürlich vom schlechten Gewissen gequält, merkt aber, dass es ihr und allen anderen so viel besser geht. Also einfach weiter so! Bis die ziemlich anstrengende Schülerin Pauline (Nia Brown) Maria stalkt, hinter ihr Geheimnis kommt und sie fortan erpresst. Alle Kinder in diesem Film, der manchmal in seiner absurden Machart ein wenig an Wes Anderson erinnert, sind wie aus den Vorurteilen Erwachsener zurechtgeschnitzt. Und sie nerven vor allem. Das ist dann auch der Unterschied zu Wes Andersons »Moonrise Kingdom«, wo die Kids zwar auf sehr bizarre Weise für ihre Rechte kämpfen, dabei aber ungemein empowernd werden. In »Bad Apples« folgt eher ein Schenkelklopfer auf den anderen, bei dem jedes Mal suggeriert wird, dass es eigentlich gar nicht so schlecht ist, Kinder auch mal wegzusperren. Und das sehen die Elternvertreter in Marias Schule genauso. Denn der spannendste Moment des Films ist, als die nervige Pauline beim Elternabend einen Song spielt, der allen von Dannys Schicksal erzählt.
Die Reaktion der Eltern? Nichts überstürzen, den Störenfried eingesperrt lassen, wo er ist, keine Polizei verständigen und den prekär arbeitenden, Pakete ausfahrenden Proletenvater von Danny, der am Verschwinden seines Sohnes verzweifelt und dann sogar von der Polizei verdächtigt wird, einfach im eigenen Saft schmoren lassen. Spätestens da ist es mit den Sympathien für Maria vorbei. Die wird von Saoirse Ronan, die sonst immer positiv besetzte Rollen spielt, schlicht großartig verkörpert. Aber die kollektive Bereitschaft, Kinderrechte auszusetzen, um den eigenen Nachwuchs maximal zu fördern, verweist auf ein ganz grundsätzliches Problem in unserem Bildungssystem, das auch in anderen Ländern vorherrscht. Die klassistische und (und zumeist vor allem) rassistische Segregation im Bildungsbereich, die auch schon in Grundschulen an der Tagesordnung ist, soll hier karikiert werden. Nur, wer die dort herrschenden Mechanismen kennt, mit denen sich bildungsbürgerliche weiße Eltern in ihrer Blase einigeln, dem dürfte das Lachen im Halse stecken bleiben. Ganz zum Schluss gibt es dann noch eine Wendung, die erahnen lässt, dass den selbstzufriedenen autoritären Erwachsenen, die natürlich nur im Notfall Kinder wegsperren, das Ganze auf die Füße fällt. Wenigstens das!
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Source: nd