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Ausstellung »Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960« | Ewiges Ankommen
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Vlassis Caniaris, Kind, 1980 Foto: © Nachlass Vlassis Caniaris, Foto: Sebastian Schaub Auf einem Feld von fünf mal sechs Metern stehen diverse kopflose, Menschen nachempfundene, Figuren mit Koffern um ein auf dem Boden mit Kreide aufgezeichnetes Kinderspiel »Himmel und Hölle«. Die Felder des Hüpfspiels sind mit Begriffen wie »Ausländergesetzgebung«, »Desorientierung«, »Ausländerpolizei« und ähnlichem beschriftet. Es symbolisiert die Hürden und Barrieren, denen die Arbeiterinnen und Arbeiter, angeheuert aus diversen Ländern, vor allem aus der Türkei, in der Bundesrepublik und in West-Berlin der 1960er Jahre ausgesetzt waren.
Die raumgreifende Skulptur stammt von dem griechischen Künstler Vlassis Caniaris (1928–2011) und ist jetzt in der von Gürsoy Doğtaş und Patrizia Dander konzipierten Ausstellung »Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960« im Berliner Gropius Bau zu sehen. Mit seiner als »Konkreter Realismus« definierten Skulptur widmete sich Canaris in Berlin dem Leben der Arbeitsmigranten, die damals »Ausländer«, »Fremdarbeiter« und »Gastarbeiter« mit männlichem Generikum genannt wurden. Eigentlich dachten die Behörden, würden die Migranten und Migrantinnen irgendwann in ihre jeweiligen Länder zurückkehren, ohne es für möglich zu halten, dass sie hier Wurzeln schlagen.
Die Ausstellung widmet sich ausdrücklich nicht dem hippen Bohème- und punkaffinen Kreuzberg, sondern wirft das Licht auf die Arbeitsmigrant*innen in Kreuzberg und deren Perspektive auf die West-Berliner Verhältnisse. »Rund 130 Arbeiten greifen zentrale Erfahrungen der sogenannten Gastarbeiter*innen und nachfolgender Generationen auf (…) Sie erzählen von Migration und Exil, Wohnungsnot, Rassismus und Ausgrenzung, aber auch von Widerstand und Selbstermächtigung, Solidarität und Gemeinschaft«, wie der Online-Einleitungstext verlautbart.
Die Ausstellung widmet sich ausdrücklich nicht dem hippen Bohème- und punkaffinen Kreuzberg, sondern wirft das Licht auf die Arbeitsmigrant*innen.
Freilich waren die Gründe für die Immigration sehr verschieden. Vlassis Caniaris war wegen der Diktatur aus Griechenland ins Exil gegangen und lebte in den 1970er Jahren aufgrund eines Stipendiums in West-Berlin. Dennoch begriff er mit offenen Augen und dem geteilten Schicksal der Fremdheit die Situation der Arbeiter und Arbeiterinnen.
Seine gesichtslosen Figuren der Migranten verweisen auf die Ignoranz der deutschen Gesellschaft und ihrer Behörden, in denen die Menschen keine individuellen Gesichter und Persönlichkeit besaßen. Sie waren angeheuert worden zum Arbeiten und wurden schnell zum »Ausländerproblem« und störten. Wenn »Gastarbeiter« und »Gastarbeiterinnen« sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzten und »aufmüpfig« streikten, wie 1973 in Köln bei den Ford-Werken wurden schlagartig andere Saiten angeschlagen. Die Bild-Zeitung textete: »Gastarbeiter, dieses Wort kommt von Gast. Ein Gast, der sich nicht so beträgt, gehört vor die Tür gesetzt!«
Die Videoarbeit »Aufstellung« (2005) von Harun Farocki (1944–2014) zeigt Schaubilder aus Zeitungen, wie die stilisierten Darstellungen von Menschen in Piktogrammen »stereotypen, rassistischen Gehalt« transportieren und »zu wirtschaftlichen Faktoren ins Verhältnis gesetzt werden.« Heute ist neoliberal und zynisch von Humankapital die Rede. Die Behörden der deutschen Verwaltung, insbesondere die Ausländerpolizei, machten ihnen oftmals das Leben schwer. In Jannis Psychopedis’ (*1945 in Athen) beeindruckender und hyperrealistischer Zeichnung stehen angeworbene Arbeiter mit detailgenauen Gesichtern und in Anzüge gekleidet in der Schlange einer Behörde. Über ihnen hat der Künstler die Zeichnung einer Skulptur des Apolls eingefügt, der als illusionäres Idealbild des männlichen Körpers provokant und kontrastierend der in Schlange stehenden Individuen entgegensetzt wird.
Hanefi (*1947) und Serpil (*1956) Yeter, beide aus der Türkei stammend, verbrachten die 1970er Jahren in Kreuzberg und leben heute wieder in der Türkei. Von beiden sind zahlreiche Gemälde zu sehen, die sowohl die bittere Realität der Immigranten behandeln als auch ihre Versuche darstellen, ihre Kultur zu leben. Auf einem Gemälde von Hanefi Yeter von 1979 blicken die Bewohner eines Hauses mit abbröckelndem Putz aus den Fenstern in der Adalbertstraße. Im Parterre ist der typische Obst- und Gemüseladen, mit dem sich viele Türkinnen und Türken eine Existenz aufbauten, zu sehen. Plakate in türkischer Sprache kleben an der Hauswand und verweisen auf das eigene politisch-kulturelle Leben der türkischsprachigen Bevölkerung.
Die Ausstellung präsentiert auch Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus Südkorea und Chile mit ihrer Sicht auf das Leben in West-Berlin. Wie aktuell die Themen dieser historischen Ausstellung sind, wird vielfach deutlich. Es mangelte an spezifischen Sprachkursen und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte damals bereits vergeblich stärkere gezielte Sprachförderung für die Kinder ebenso wie für die Erwachsenen.
Hyun-Sook Song (*1952) war 1972 als eine von 11.000 Krankenpflegerinnen aus Süd-Korea gekommen, die zwischen 1966 und 1977 von der BRD angeworben wurden. Von 1976 bis 1982 studierte sie Malerei in Hamburg, wo sie heute noch lebt. Ihre Gemälde in der Ausstellung zeigen unter anderem Krankenschwestern bei der Lektüre der sehnlichst erwarteten Briefe aus der Heimat.
Ein ähnliches Motiv mit einer Frau, die einen Brief in den Händen hält, prägt auch ein Gemälde der chilenischen Künstlerin Cecilia Boisier (*1943). Ihr damaliger Ehemann und Romancier Antonio Skármeta (1940–2024) hielt sich für ein Projekt mit dem Filmemacher Peter Lilienthal bereits in West-Berlin auf, während Boisier aufgrund des von den USA unterstützten Putsches durch General Pinochet gegen Salvador Allende über Argentinien nach West-Berlin geflohen war.
In die Ausstellung wurden von Gürsoy Doğtaş und Patrizia Dander auch Werke linker deutscher Künstlerinnen und Künstler wie Evelyn Kuwertz (*1945), Monika Sieveking (*1944) und Sarah Haffner (1940–2018) integriert, die von der Außerparlamentarischen Opposition und der Studentenbewegung 1967/68 geprägt waren. Internationalistisch orientiert, widmeten sie ihre Aufmerksamkeit auch der migrantischen Bevölkerung, die hier einerseits Ausbeutung und andererseits rassistischer Anfeindung ausgesetzt war. Von Sarah Haffner stammt das bitterböse Gemälde mit zwei Parkbänken, die eine mit dem Aufdruck »Nur für Arier« und die andere mit der Kritzelei »Türken raus«. Ein deutlicher Hinweis darauf, wie der Rassismus den Faschismus überlebt hat und gegen die türkische Bevölkerung gerichtet wurde.
Wohltuend anders als manch andere Kurator*innen, die meinen, sie würden zum ersten Mal ein Thema behandeln, würdigen Gürsoy Doğtaş und Patrizia Dander ausdrücklich die frühen Bemühungen von Institutionen wie dem Kunstamt Kreuzberg und auch der Berliner Festspiele. Denn bereits 1975 war in Kooperation beider Institutionen unter der Leitung von Dieter Ruckhaberle und mit Beteiligung türkischer Menschen die legendäre Ausstellung »Mehmet Berlin’de. Mehmet kam aus Anatolien« in Kreuzberg zu sehen. 1981 folgte dann unter der Leitung von Krista Tebbe im Kunstamt Kreuzberg die Foto-Ausstellung mit Katalog: »morgens Deutschland – abends Türkei«.
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Source: nd