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Ars Electronica | Künstliche Intelligenz im Dienst der Menschen
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In »Level of Confidence« von 2024 stellt Rafael Lozano-Hemmer Ähnlichkeiten zwischen den Bildern Verschwundener und den Betrachtenden heraus. Foto: Brian Davies Künstliche Intelligenz macht zurzeit eher Negativschlagzeilen. Dabei kann KI auch den Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht nur als Datenressource, Abo-Zahler und Manipulationsobjekt.
Die selbstlernenden Computerprogramme können zur Verbesserung sozialer und kultureller Beziehungen beitragen. Sprachbots können Behörden- und Juristen-Deutsch in leicht verständliche Sprache transformieren. Die Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung (GSUB) entwickelt etwa eine KI-basierte Plattform, die beim Stellen von Förderanträgen helfen und Behörden auch bei der Antragsprüfung entlasten soll. Das Vorhaben wurde bei den »AI Impact Days«, einem Vernetzungsforum im Bereich künstlicher Intelligenz und sozialer Anliegen, vorgestellt. Ebenfalls dort präsentiert wurde der Youna-Chatbot. Er hilft mit sensibler Sprache Menschen bei der Bewältigung von Rassismuserfahrungen. Und er wird, weil er funktioniert, in Zukunft hoffentlich nicht als Argument für die Kürzung von Fördermitteln für einschlägige Beratungsinstitutionen missbraucht.
Soziale KI ist keinesfalls auf Europa beschränkt. Gerade im Globalen Süden nutzen immer mehr technisch versierte Menschen die Möglichkeiten der neuen Technologien für die Behebung ganz spezifischer lokaler und regionaler Probleme. Sie profitieren dabei auch von den derzeit noch vergleichsweise barrierearmen Zugängen zu Sprachmodellen und KI-Agenten.
In Kenia etwa entwickelte die IT-Ingenieurin Esther Kimani eine KI-gestützte App, die Bauern hilft, rechtzeitig Schädlinge auf ihren Feldern zu identifizieren, sie frühzeitiger zu bekämpfen und damit sowohl Lebensmittel für die unmittelbare Umgebung als auch Einnahmen für die Landwirte zu sichern.
Kimani stammt selbst aus einem bäuerlichen Umfeld. »Ich bin die älteste von vier Töchtern, und als Erstgeborene bekommt man schnell mit, wann eine gute Ernte kommt und wann eine schlechte«, erzählte sie bei der Vorstellung ihrer Landwirtschafts-KI »Farmer Lifeline« auf dem Festival »Ars Electronica« in Linz. Kimani war zugleich die erste junge Frau aus ihrem Dorf, die in die Stadt zum Studium gehen konnte. »Ich wusste damals, dass ich mein Zuhause verlasse, um wiederzukommen und es zu verändern«, bekräftigte sie. Motor für die Veränderung war einerseits ihr Wissen um die Ernteverluste durch Schädlinge. »Jedes Jahr verloren meine Eltern etwa ein Drittel der Ernte. Und sie waren nicht die einzigen. Den anderen Kleinbauern ging es ähnlich«, betonte sie. Beim Studium lernte sie andererseits die Fortschritte der Erkennung von Schädlingen durch maschinelles Lernen kennen. Beides brachte sie vor vier Jahren schließlich zusammen.
Das System besteht aus einer Kamera, die fest auf dem Feld installiert ist und ununterbrochen Bilder macht. Die Energiezufuhr erfolgt über Solarzellen. Die Bilder werden zu einem speziell trainierten KI-Agenten übertragen und dort ausgewertet. »Die Bauern bekommen dann einen Warnhinweis in ihrer Sprache als SMS auf ihr Smartphone. Verbunden damit sind Vorschläge, was gegen den Schädling oder die Krankheit zu tun ist. Dabei empfehlen wir die finanziell günstigsten, lokal erhältlichen und umweltfreundlichsten Lösungen inklusive der Dosierungen«, erklärte Kimani. Inwieweit traditionelles Wissen der Bauern vor Ort in die Empfehlungen eingeschlossen ist, inwieweit die KI auch in dieser Hinsicht trainiert ist, ließ Kimani offen.
Sie verwies bei der Präsentation in Linz immerhin darauf, dass durch den gezielten Einsatz von Schädlingsbekämpfungsmitteln mithilfe der KI der Gesamteinsatz dieser Mittel drastisch reduziert werden konnte, bei Pestiziden etwa um 40 Prozent. Auch 35 Prozent weniger Dünger wurden eingesetzt. Insgesamt führten diese Einsparungen seit Einführung des Systems auch zu einem um 100.000 Tonnen reduzierten Kohlendioxidausstoß, der andernfalls bei Produktion und Transport angefallen wäre.
Derzeit wird das System auf 5900 Farmen eingesetzt. Die monatliche Leasinggebühr liegt bei drei US-Dollar. Das macht das Angebot auch für Kleinbauern erschwinglich. »Andere Anbieter offerieren Drohnenüberflüge. Da kostet die Stunde aber 100 Dollar«, meinte sie.
»Jedes Jahr verloren meine Eltern etwa ein Drittel der Ernte. Und sie waren nicht die einzigen.«
Soziale Auswirkungen hat das Projekt ebenfalls. Bauernfamilien haben mehr Geld, können es in Bildung investieren. »65 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft in unserer Region sind Frauen. Sie werden dadurch gestärkt.«
Kimani hat ehrgeizige Ziele, will das Projekt auch auf die Nachbarländer ausweiten, bis 2030 eine Million kleinbäuerliche Betriebe in Afrika erreichen und durch geringeren Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden auch für eine merklich bessere Klimabilanz sorgen. Sie sammelte für ihr Projekt auch zahlreiche Preise ein, etwa den Africa Prize for Engineering Innovation 2024.
Für gänzlich andere Zwecke setzt der mexikanische Künstler und gelernte Chemiker Rafael Lozano-Hemmer die von ihm entwickelten Gesichtserkennungs-KI »Level of Confidence« und »Global Level of Confidence« ein. »Level of Confidence« entstand bereits 2015.
Die Installation besteht aus einer Kamera, die das Bild von Menschen aufzeichnet, die in die Kamera schauen. Im Hintergrund vergleicht eine Gesichtserkennungssoftware, wie sie sonst vor allem von Polizei und Sicherheitskräften benutzt wird, Parameter des Gesichts mit Bildern jener 43 mexikanischen Lehramtsstudenten aus Ayotzinapa, die im September 2014 erst von der Polizei verhaftet und dann von Auftragskillern der Drogenkartelle umgebracht wurden, wobei der genaue Tathergang bis heute nicht aufgeklärt ist und die sterblichen Überreste der Studenten nicht gefunden wurden. Die Software filtert unter den Bildern der Studenten jenen heraus, der den Besuchenden der Installation am ähnlichsten sieht. In Prozentzahlen wird auch die Ähnlichkeit angegeben.
Lozano-Hemmer kehrt damit die übliche und vielfach kritisierte Praxis der Gesichtserkennungssysteme um. Gewöhnlich setzen Sicherheitskräfte sie ein, um Verdächtige herauszufiltern, was oft mit rassistischen Voreinstellungen verbunden ist. In den USA etwa verbrachte Christopher Gatlin 16 Monate im Gefängnis, bevor erwiesen war, dass eine Gesichtserkennungssoftware ihn fälschlicherweise als Täter bei einem Überfall auf Sicherheitskräfte identifiziert hatte. Acht ähnliche Fälle wurden mittlerweile in den USA bekannt, in der Mehrzahl handelte es sich bei den fälschlicherweise Verdächtigten um People of Colour.
»Level of Confidence« indes gerät zu einem Erinnerungsprojekt an die verschwundenen und vor vier Jahren offiziell für tot erklärten Studenten. Zugleich wird das Ausmaß an Korruption und möglicher Tatbeteiligung der mexikanischen Behörden, des Militärs und von Politikern ins Bewusstsein gerufen, das im Kontext der Massenentführung und der versuchten Vertuschung des Verbrechens offenbar geworden war. Lozano-Hemmer stellt die Software für das Projekt als Open Source zur Verfügung und regt die Nachnutzung für andere Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens an, etwa von indigenen Frauen in Kanada, dem Land, in dem er jetzt lebt.
»Global Level of Confidence« ist eine eigene Weiterentwicklung des Künstlers. Datengrundlage sind hier sowohl Daten von Argentiniens Nationaler Gendatenbank als auch ein Archiv von etwa 10.000 Bildern von Menschen, die während der argentinischen Militärdiktatur entführt wurden und nicht wieder auftauchten. Von etwa 30.000 Verschwundenen allein in den Jahren von 1976 bis 1983 wird ausgegangen. Die aktuellen Kamerabilder werden bei »Global Level of Confidence« mit diesen Daten abgeglichen. Die 15 bis 30 ähnlichsten Treffer werden dann auf einem Monitor angezeigt, mit der Möglichkeit, weitere Informationen über dieses Opfer der Militärdiktatur zu erfahren. Es ist ein sehr individuelles Erinnern.
Der visuelle Abgleich birgt außerdem politische und soziale Sprengkraft. Denn nicht selten entzog das Militär den verhafteten Eltern die Kinder und gab sie zur Adoption an regimetreue Paare ab. Von 500 entführten und neuen Familien zugeführten Babys und Kleinkindern geht die Bewegung der Großmütter der Plaza de Mayo aus. Die Installation könnte, so die Hoffnung von Lozano-Hemmer, den mittlerweile längst Erwachsenen helfen, die auf der Suche nach ihren biologischen Eltern und deren Schicksal sind. Denn Teil der Installation ist auch die Möglichkeit eines Abgleichs der eigenen DNA mit den Beständen der nationalen Gendatenbank Argentiniens.
Die Daten, die in Interaktion mit der Kamera entstehen, werden nicht gespeichert, betont Lozano-Hemmer. Der Server für das Projekt befindet sich geschützt in Island.
Und natürlich bieten sich andere Fälle von massenhaft Verschwundenen und zum Verschwinden gebrachten Menschen an, bei denen Varianten des Projekts hilfreich sein könnten.
Lozano-Hemmers Doppelprojekt »Level of Confidence« und »Global Level of Confidence« zeichnet sich dadurch aus, nicht wie zahlreiche andere für den sozialen Bereich entwickelte KI Prozesse lediglich zu vereinfachen und Barrieren zu reduzieren. Vielmehr kreieren sie individuelle Zugänge zu Opfern, die meist weit entfernt scheinen und gesichtslos in der Masse anderer Opfer untergehen. Und über den Zugang zur Gendatenbank Argentiniens entsteht für einzelne Opfer sogar die Möglichkeit, die eigenen Familienzusammenhänge zu rekonstruieren.
Wie die Beispiele zeigen, kann KI sozial bewusst eingesetzt mehr sein als ein Effizienzinstrument und mögliches Mittel zur Abschaffung der Menschheit, wie es derzeit oft befürchtet und gerne dämonisiert wird.
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Source: nd