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Arbeitskampf | Zwickauer VW-Werker wehren sich gegen Schließungspläne
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Neben den VW-Werkern in Zwickau protestierten auch ihre Kollegen in Chemnitz gegen die Pläne der Konzernspitze Foto: dpa/Hendrik Schmidt Die Azubis von VW in Zwickau sind umfassend gebildet. Neben den Handgriffen bei der Montage moderner E-Autos beherrschen zumindest einige von ihnen auch die Klassiker der Gesellschaftstheorie. Henry Kahle jedenfalls zitiert Karl Marx: Gewinne in kapitalistischen Unternehmen würden privatisiert, Verluste dagegen sozialisiert. »Die Aktionäre von VW wollen nichts abdrücken«, ruft Kahle seinen Kollegen auf dem Zwickauer Hauptmarkt zu, »und dabei nehmen sie in Kauf, dass eine ganze Region vor die Hunde geht!«
Die VW-Beschäftigten in Zwickau wollen nicht hinnehmen, dass ihr Werk und damit die Region »vor die Hunde geht«. Sie beteiligten sich an diesem Montag mit einer Kundgebung am bundesweiten Aktionstag der IG Metall. Der westsächsische Standort ist einer von vier, die das VW-Management im Rahmen eines drastischen Sparprogramms zur Disposition stellt. Schon längere Zeit läuft ein schleichender Stellenabbau. Proteste dagegen hätten bisher meist vor den Toren des Werks stattgefunden, der in den 1990er Jahren einige Kilometer außerhalb der Stadt errichtet wurde. Jetzt wolle man den Unmut in die Innenstadt und die Bürgerschaft tragen, heißt es bei der Zwickauer IG Metall. »Es geht hier nicht mehr nur um VW und auch nicht mehr nur um die Zulieferer, sondern es geht um die Region«, sagt deren Erster Bevollmächtigter Thomas Knabel vor 1500 Protestierenden, »und die lässt sich das nicht mehr gefallen.«
Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Zwickau hat eine 125-jährige Tradition des Fahrzeugbaus und verfüge gewissermaßen über »ein Automobil-Gen«, sagt Constanze Arndt, die parteilose Oberbürgermeisterin, die nach eigenen Worten an diesem Montag zum ersten Mal auf einer Bühne der IG Metall sprach. Dabei betonte sie, dass Wohl und Wehe der gut 86.000 Einwohner zählenden Stadt untrennbar mit ihrem größten Arbeitgeber verbunden sind. Ohne diesen »rollt hier kein Ball, keine Theaterbühne wird bespielt«, Einzelhandel, Gastronomie und Immobilienwirtschaft würden nicht florieren, wenn es VW nicht mehr gäbe, rief Arndt den Beschäftigten zu: »Ihr seid der Motor, der dafür sorgt, dass sich hier etwas bewegt.«
»Wir können uns anstrengen, wie wir wollen. Aber wenn der Vorstand Fehler um Fehler macht, sind die Arbeitsplätze weg.«
Dass dieser von den Managern am Konzern-Steuer abgestellt zu werden droht und quasi ein Motorschaden für Zwickau droht, erbost die Beschäftigten ungemein. »Wir waren mal das Vorzeigewerk«, sagt Mario Albert, Chef des Betriebsrates bei VW Zwickau. Das dortige Werk war der erste Standort im Konzern, der komplett auf die Produktion von E-Autos umgestellt wurde. Die Belegschaft lernte dafür um und passte sich an viele neue Abläufe an. Honoriert wird das nicht: »Was jetzt über uns hereingebrochen ist, hätten wir uns nicht vorstellen können«, sagt Albert.
Die Unternehmensführung verweist auf eingebrochene Absätze und einen Markt bei E-Autos, der unter anderem unter Dumping-Konkurrenz aus China leidet. Die Beschäftigten in Zwickau aber wollen Management und Aktionäre nicht aus der Verantwortung entlassen. Der Konzern habe allein im laufenden Jahr zwei Milliarden Euro an Dividende ausgeschüttet, sagt Henry Kahle von der Azubi-Vertretung. Gleichzeitig habe es in der Vergangenheit Milliardenverluste durch den Abgasskandal oder Probleme bei der Software für die E-Autos gegeben. »All das ist nicht unsere Schuld«, sagt Kahle. »Wir können uns anstrengen, wie wir wollen«, betont auch Albert: »Aber wenn der Vorstand Fehler um Fehler macht, sind die Arbeitsplätze weg.«
Das wäre nicht nur für die rund 8000 Beschäftigten im VW-Werk fatal. Rund um dieses hat sich ein Biotop an Zulieferern und Dienstleistern etabliert, das Zehntausende Menschen beschäftigt und untrennbar mit VW verbunden ist. »Wir machen jede Sonderschicht und jede Schichtverlängerung mit«, sagt Ronny Ott, Chef des Betriebsrats beim Logistikunternehmen Schnellecke, das seit 35 Jahren für das Fahrzeugwerk tätig ist und von dessen Schließung unmittelbar betroffen wäre. »Wir sind ein Netzwerk, wir müssen zusammenhalten«, sagt Ott und betont, man dürfe »mit den Dienstleistern nicht anders umgehen als mit den VW-Werkern«.
Bei der Kundgebung vor dem Zwickauer Rathaus wurde die gesellschaftliche Dimension einer potenziellen Werksschließung deutlich. Nach 1990 seien in Zwickau der Bergbau, die damalige Automobilproduktion bei Sachsenring und die Textilindustrie »zu Grabe getragen worden«, sagte Betriebsrat Uwe Lottes vom Zulieferer SAS Meerane: »Das darf sich 35 Jahre später nicht wiederholen.« Auch Jan Otto, Bezirkschef der IG Metall in Berlin, Brandenburg und Sachsen, betonte: »Der Osten hat genug gelitten.« Elisabeth Kaiser, die Ostbeauftragte der Bundesregierung, bezeichnete Zwickau mit VW als das »industrielle Herz Ostdeutschlands« und forderte eine »zukunftsfähige Industriepolitik für den Osten«. Der regionale IG-Metall-Chef Knabel forderte sie auf, ihre Eindrücke aus Zwickau am Kabinettstisch zu schildern: »Das hier sind die Leute, die in Deutschland für die Wertschöpfung zuständig sind!«
Zugleich geht es um viele individuelle Schicksale. Bei vielen ihrer Kollegen hätten schon die Großeltern und Eltern Autos gebaut, sagt die Vertrauensfrau Stephanie Haferkorn. Sie selbst habe 2010 eine Lehre bei VW Zwickau begonnen, später eine Familie gegründet und sei mit Leib und Seele Autobauerin. »Wir wollen eine Zukunft hier in Zwickau«, sagte sie in Richtung des VW-Managements: »An uns scheitert es nicht.«
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Source: nd