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Anschläge vom 11.9.2001 | Afghanistan: Der tote Warlord ist ein guter Warlord

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Vorne links barfuß: Ahmed Massoud im Oktober 1990 Foto: AFP Photo Neulich auf Youtube bin ich an dieser Doku über Afghanistan hängen geblieben, das ist ein Land, über das ich nichts weiß und über das ich nichts schreiben sollte. Zumindest nicht, ehe ich alle Dokus gesehen, alle Texte darüber gelesen, alle Sprachen dort gelernt, alle Orte dort bereist und mit allen Menschen dort gesprochen habe.

Nun. Da war also diese Doku. So verführerisch. Sie versprach eine alternative Geschichte. Von einem anderen, freieren Afghanistan. Von einem 11. September, der hätte verhindert werden können. Beides hätte der Held der Doku möglich gemacht – und fiel im entscheidenden Moment den Mächten des Bösen zum Opfer. Dieser Ahmed Massoud kommt in den Dokuschnipseln auch noch so einnehmend rüber, dass man sich kurz fragt: Ist das jetzt schon die Hollywood-Verfilmung? 

Ahmed Schah Massoud, folgt man der Doku, war ein Versprechen auf ein anderes, nahezu aufgeklärtes (wie wir Westler es gern mögen) und demokratisches (wie es unseren Vorstellungen einigermaßen entspricht) Afghanistan. Gut aussehend, still, nachdenklich war Massoud ein wichtiger Faktor in der afghanischen Politik, und in den westlichen Zeitungsartikeln wird selten zu erwähnen vergessen, dass er ja fließend Französisch sprach und sich privat gern mit Lyrik befasste. 

Massoud ist bei uns manchmal Thema. Weil der Mord an ihm zur Geschichte von 9/11 gehört. Am 9. September 2001 besuchte ihn ein Al-Qaida-Selbstmordkommando. Als Journalisten getarnt. Die Kamera war eine Bombe, sie explodierte, tötete die Attentäter und Massoud. Der Anschlag war wohl Teil des großen Bin-Laden-Plans. Dass die USA nach 9/11 Afghanistan überfallen würden, schien klar. Da musste der stärkste Taliban-Gegner vorab liquidiert werden. Auf seiner Europatour im Frühjahr 2001, sagt die Doku, hatte Massoud zu warnen versucht: Ein großer Schlag gegen den Westen sei in Vorbereitung. Aber niemand habe recht hingehört.

Massoud hat alles, was für eine Heldenerzählung gebraucht wird. Klug und fromm kämpfte er seit den Siebzigern für sein Volk, war Integrationsfigur, war Anführer der Mudschaheddin, damals, als islamische Krieger noch gegen die Sowjets kämpften und auch bei uns zum Helden taugten. Später war er Anführer der Nordallianz und (meine persönliche Wahrnehmung) Teil eines undurchschaubaren Kuddelmuddels, in dem halb Afghanistan dauerhaft damit beschäftigt war, die eigene Hauptstadt zu bombardieren. Auf seiner Europareise 2001 war Massoud der freundlich wirkende, bedächtige Anti-Taliban, er bat um Hilfsgüter, man sah ihn und dachte: Gute Güte, wie sein Charisma alle unsere Euro-Parlamentarier überstrahlt!

Achtung, Mackeralarm. Ist der charismatische Krieger nicht ein Vorbild, das man (Mann!) mit zirka zehn Jahren überwunden haben sollte?

Nach solchen Gedanken wird man dann selber still. Sind nicht Heldengeschichten etwas, vor dem man (Mann!) sich hüten sollte? Sind Charismatiker nicht konstitutiver Teil des Patriarchats, ob im Westen, Osten oder sonstwo? Macht sich nicht jeder Heldenverehrer zum Soldaten einer so genannten Idee, in einer Welt, der es ohne Armeen und ohne Ideologien viel besser ginge?

Die französischen Diplomaten in der Doku sind dem »Löwen von Pandschschir« auf jeden Fall erlegen. Seinem Charme. Sicher auch seiner Macht. Auch sein Biograf, der britische Journalist Sandy Gall, ist unverkennbar stolz, an Massouds abenteuerlichem Kämpferleben ein wenig teilgenommen zu haben, er spricht von »Aura«. Er verkauft die Biografie unter dem Titel »Afghan Napoleon«. Okay, stopp! Bloody fucking Napoleon? Der mehrere Kontinente mit Krieg überzogen und Hunderttausende in den Tod geschickt hat?

Der Mackeralarm schrillt da ganz laut. Ist der charismatische Warlord nicht ein Vorbild, das man (Mann!) mit circa zehn Jahren überwunden haben sollte? Verursachen solche Vorbilder junger Männer nicht den größten Teil der Gewalt auf dieser Welt? 2002 wurde Massoud im EU-Parlament posthum für den Sacharow-Preis vorgeschlagen, auch für den Friedensnobelpreis sollen französische Politiker den Verstorbenen damals ins Spiel gebracht haben. Ganz Afghanistan wäre sicher stolz auf ihn gewesen! Zumindest der (wie wir uns das vorstellen) aufgeklärte, demokratiefreundliche Teil? Oder? 

Fragen wir RAWA. Das ist die Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans. Die haben, anders als Henry Kissinger oder Mutter Teresa, nie einen Friedensnobelpreis bekommen. Was sagten die damals? Hm.

»Ahmed Schah Massoud, ein bekannter afghanischer Warlord und Krimineller, wurde für den Friedensnobelpreis nominiert. Dies war eine äußerst schmerzhafte Beleidigung für das freiheitsliebende Volk Afghanistans. Die Nordallianz ist nichts anderes als ein brüchiges Bündnis von Banditen mit einer langen Liste von Verbrechen und Grausamkeiten. Der sogenannte ›Krieg gegen den Terrorismus‹ hat zwar die Taliban beseitigt, aber nicht den religiösen Fundamentalismus, der die Hauptursache all unseres Elends ist.«

So sitze ich wieder da. Kurz vergaß ich: Wo Heldengeschichten erzählt werden, siegt am Ende immer – der Glaube an Helden. Mit ihm der Wille zur Unterwerfung, zum Einreihen hinter einer Fahne. Viele Menschen erfreuen sich an der Heldenerzählung, sie gibt etwas Hoffnung in einer unübersichtlichen Welt, allerdings: Leider ist die Hoffnung auf Helden meist ein Teil des Problems.

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Source: nd