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Anschläge vom 11. September | 9/11 in den Medien: Beschreibung des Unbeschreiblichen

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Da war die Welt noch in Ordnung: Peter Kloeppel (links) als RTL-Korrespondent in New York 1992. Foto: imago/teutopress Es gilt bekanntlich als sicher, dass jeder, wirklich jeder Erdenbürger bis heute genau weiß, wo er/sie/es am Nachmittag des 11. September 2001 war – so tief hat sich der schwerste Terroranschlag unserer Zeit ins kollektive Gedächtnis graviert. Während die Orte der medialen Erstbegegnung mit den brennenden Twin Towers in New York vom Fließband übers Bahnabteil bis ins Krankenbett variieren, ist das, worauf alle von nun an stunden-, ja tagelang gestarrt haben, nahezu identisch: Bildschirme jeder Größe, Form und Farbe.

Als RTL vor 25 Jahren um 15.09 Uhr als erster deutscher Sender sein Programm unterbricht, hängt mit der halben Welt das ganze Land am Fernseher. »Offensichtlich hat sich ein Anschlag aufs Word Trade Center (WTC) ereignet«, vermeldet ein junger Nachrichtensprecher namens Peter Kloeppel in aller Ruhe. Zuvor jedoch entschuldigt er sich noch artig für die Unterbrechung einer Sendung, deren Titel im Rückblick geradezu satirisch klingt: »Der Schwächste fliegt«. Sonja Zietlows Spielshow ist bald darauf Geschichte. »9/11« wird dagegen zum geflügelten Wort einer andauernden Epoche und ihrer ebenso beispiellosen Berichterstattung.

»Terrorismus lebt nicht alleine von der Anzahl der Toten oder Verletzten, sondern auch von der Länge der Sondersendungen und der Größe der Schlagzeilen.«

Erst mal seit dem 16. Januar 1991, als US-Reporter George Bushs »Operation Desert Storm«, mit der Saddam Husseins Irak angegriffen wurde, live und in neongrüner Nachtsichtgerätfarbe um den gesamten Globus geschickt haben, wird der Beginn eines bewaffneten Konfliktes in Echtzeit übertragen. Weltweit, ungefiltert, lückenlos befassen sich ausnahmslos alle Medien ausdauernd mit dem Anschlag nebst Folgen. Und weil ihn auch hierzulande Abermillionen in aller Öffentlichkeit verfolgen, spricht der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert vom »Publik Viewing« eines »live übertragenen Armageddon«.

Dass es von dieser Offenbarung anfangs kaum laufende Bilder gibt, hindert Kloeppels Kollegium nicht daran, ständig dieselben zu zeigen. Obwohl es 2001 noch keine Smartphones gibt, wird der Ground Zero in den folgenden vier, fünf Tagen somit zwar zum meist gefilmten, meist vertonten, meist fotografierten Tatort der Weltgeschichte. Zunächst jedoch herrschte eklatanter Nachrichtenmaterialmangel. Der RTL-Moderator ist dennoch sieben Stunden auf Sendung und lässt dabei etwas Unerhörtes geschehen: Als die Türme einstürzen, ringt er – ähnlich wie abends drauf »Tagesthemen«-Moderator Ulrich Wickert – mit den Tränen.

Trotz dieser Gefühlslage unablässig professionelle Distanz zu wahren: Dieses publizistische Meisterstück bringt dem früheren US-Korrespondenten bald darauf den Grimme-Preis ein und seinem übel beleumdeten Arbeitgeber (für RTL fast noch wertvoller) Anflüge öffentlich-rechtlicher Seriosität. Wer sich damalige Live-Bilder bei Youtube ansieht, den irritieren nicht nur die jungen Gesichter von Thomas Kausch oder Steffen Seibert, sondern ebenso, wie gefasst und dennoch menschlich sie bleiben.

»Wir wissen nicht, was die Ursache dieses Unglücks oder dieses Anschlags war«, sagt ZDF-Reporter Claus Kleber vorm qualmenden WTC in einer ersten Telefonschalte aus New York. Im Angesicht eines Fegefeuers von geradezu biblischem Ausmaß ist das ein Satz wie aus dem journalistischen Lehrbuch. Also das genaue Gegenteil dessen, was der Springer-Verlag daraus macht. »Großer Gott, steh uns bei!« fleht die »Bild«-Zeitung tags drauf halbseitig und stimmt damit ein in den Chor religiös erweckter Chronisten.

Das britische Revolverblatt »Daily Mail« zum Beispiel erkennt im dichten Rauch der brennenden Millionenstadt nicht weniger als eine »Apocalypse«, die der »Spiegel« zwar zum »Terror-Angriff« dimmt, sein Deckblatt dazu aber in apokalyptisches Schwarz taucht. Anderthalb Jahrzehnte, bevor die Algorithmen der digitalen Apokalypse fast nur noch destruktive Energien mit Aufmerksamkeit adeln, wird das Unbeschreibliche hier vielerorts verblüffend sachlich beschrieben.

»Terroristen entführen 4 Flugzeuge, zerstören World Trade Center, treffen Pentagon«, titelt die staatstragende »Washington Post« im Tonfall einer Amtsmitteilung und kalkuliert dezent: »Hunderte tot«. Eine Untertreibung, der die ortsansässige »Times« den Zusatz »Day of Terror« hinzufügt. So nüchtern klingt auch Deutschlands Qualitätspresse auf Seite 1. »Süddeutsche Zeitung« und »FAZ« etwa verkünden in seltener Eintracht einen »Angriff auf Amerika«, den die »Taz« als »Ende der Unverwundbarkeit« deklariert, die laut »Neues Deutschland« korrekt geschätzt »Tausende Tote« nach sich zog.

Selbst Kai Diekmann, als »Bild«-Chef für Hass und Hetze zuständig, kommentiert am 12. September vergleichsweise dezent: »Nichts wird mehr so sein, wie es war«. Das gilt auch für eine Berichterstattung, die George Bushs kriegerische, mitunter völkerrechtswidrige Vergeltungspolitik der kommenden Monate viel zu wenig Skepsis entgegenbringt. Zugleich allerdings sorgt das Ereignis für journalistische Wachsamkeit. Die zerstörerische Konsequenz von Al-Qaida, schreibt Stefan Weichert am zehnten Jahrestag im »Stern«, habe die »Erwartbarkeit drastischer Ereignisse auf ein Höchstmaß gebracht«.

Das Tempo, mit dem die Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta vor 25 Jahren als Drahtzieherin ausgemacht wurde, ist zwar bis heute schwer beeindruckend. Seit der Ausnahmezustand zum Regelfall wurde, lassen sich gutbesetzte Redaktionen jedoch seltener von ihm überraschen – und agieren dabei verantwortungsbewusster. Seit 9/11, sagt die renommierte Terrorismus-Forscherin Julia Ebner 2021 im Deutschlandfunk, haben zumindest seriöse Medien ihren Fokus von den Tätern auf die Opfer verschoben – um erstere »nicht zu glorifizieren« und letztere zu respektieren.

Doch an einem Umstand kann kein noch so hehres Berufsethos etwas ändern: Terrorismus, meint der Investigativjournalist Georg Mascolo an selber Stelle, lebe »nicht alleine von der Anzahl der Toten oder Verletzten, sondern auch von der Länge der Sondersendungen und der Größe der Schlagzeilen«. In dieser Beziehung sei Nine Eleven »der perfekte terroristische Anschlag« gewesen. Zumal es ihm aus Sicht des damaligen Dauerberichterstatters Elmar Theveßen vom ZDF gelungen ist, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – also weg von der anderen Gefahr für Leib, Leben, Demokratie.

»Weil viele Redaktionen ihren Fokus auf Islamismus gelegt haben, wurde der Rechtsextremismus vernachlässigt«, beklagt der heutige US-Korrespondent. »Die Folgen kann man an der Mordserie des NSU sehen.« So gesehen waren die Terroranschläge vom 11. September 2001 also nicht nur unmittelbar für 2996 Tote verantwortlich, sondern mittelbar auch für den Aufstieg von Trump, Orbán oder der AfD.

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Source: nd