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Angriffe auf Sozialstaat | Stimmungsmache gegen chronisch Kranke
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Auch der britische Premier Boris Johnson gehörte zu den gern gesehenen Gästen beim rechten Thinktank Policy Exchange. Foto: imago/i images Es gibt einen Trend in der europäischen konservativen Presse: Zunehmend häufen sich Berichte über »Sickfluencer*innen«, in denen der Vorwurf erhoben wird, diese würden zum Sozialbetrug anstiften. Kürzlich erschien in der zum Springer-Konzern gehörenden britischen Tageszeitung »The Telegraph« ein Beitrag mit dem Titel: »Wie es cool wurde, eine Behinderung zu haben«. Darin behauptet die Autorin Poppy Coburn, stellvertretende Meinungsredakteurin des Blattes, vor allem unter jungen Frauen sei ein Trend entstanden, sich selbst eine Behinderung oder eine chronische Erkrankung anzudichten. Genannt werden Erkrankungen wie das Fatigue-Syndrom ME/CFS und die Nervensystem-Fehlfunktion POTS. Die Fallzahlen dieser schweren chronischen Erkrankungen haben seit Beginn der Covid-19-Pandemie weltweit zugenommen, und mehrheitlich sind Frauen betroffen. Coburn schreibt, diese Krankheiten seien »für viele nicht mehr eine Herausforderung, die es zu überwinden gilt, sondern eine soziale Identität, ähnlich wie Sexualität, Geschlecht oder Rasse«.
Als »Sickfluencer*innen« sind Menschen gemeint, die auf Social-Media-Kanälen wie Tik-Tok oder Instagram über ihre Erkrankungen berichten und Hilfestellungen anbieten. Dies ist eine wichtige Informationsquelle für viele Betroffene, die oft mit Vorurteilen oder Falschinformationen durch Ärzt*innen oder Behörden konfrontiert sind. Doch Coburn schreibt: »Junge Frauen wandeln chronische Erkrankungen in einen Lifestyle-Trend um und verstärken eine Kultur wirtschaftlicher Inaktivität.«
Solche Veröffentlichungen gibt es auch in anderen Ländern: So titelte in Österreich die konservative Tageszeitung »Kurier«: »›Sickfluencer‹: Wie Sozialbetrug im Netz aussehen kann«. In dem Artikel wird auf eine Studie des in London ansässigen Thinktanks Policy Exchange über Online-Communities von chronisch kranken Menschen verwiesen. Diese zielten, wie es im Bericht heißt, darauf ab, »das Gesundheits- und Sozialsystem maximal zu nutzen«.
Policy Exchange spielt die Rolle des rechten Stichwortgebers. Der Thinktank hat traditionell starke Verbindungen zu den britischen Tories, arbeitet in jüngster Zeit aber auch vermehrt der ultrarechten Partei Reform UK zu. Der Thinktank ist Teil des global agierenden »Atlas Network«, das von der fossilen Öl- und Gaslobby finanziert wird. Policy Exchange erarbeitete einen Gesetzentwurf, um der britischen Regierung dabei zu helfen, Aktionen der Klimaschutzgruppe Extinction Rebellion repressiver zu bekämpfen, und entwickelte Positionen, um queere und trans Personen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Thema »Workfare«, also der Verknüpfung des Rechts auf Sozialleistungen mit der Fähigkeit, einer Lohnarbeit nachzugehen.
Die vom »Kurier« als Quelle benutzte Studie trägt den Titel: »Sickfluencers und KI – wie Technologie das Gesundheits- und Sozialleistungssystem für Menschen mit Behinderungen verändert«. Vorangestellt sind Unterstützungserklärungen britischer Politiker*innen wie des konservativen Unterhausabgeordneten und Ex-Ministers Robert Jenrick. 2026 wechselte er zur Partei Reform UK und ist nun deren finanzpolitischer Sprecher. Er wettert gegen »aufgeblasene Sozialhilfekosten, die das Land in den Bankrott treiben werden«, wenn die Regierung nichts unternehme. Die vorliegende Studie sei deshalb so wichtig, da sie zeige, »wie Menschen mit Unterstützung durch Social-Media-Influencer*innen das System ausnutzen«. Der Thinktank fordert neue Maßnahmen, um Patient*innen mit chronischen Erkrankungen wie ME/CFS dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Bei Verweigerung sollten ihnen Sozialleistungen gestrichen werden.
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Source: nd