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Am Rande | Gesetz der Geschichte?
Die Aussagen der Ökonomen über KI als Blase zeigen: Hier herrscht nicht das Wissen, sondern der Glaube
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Auch die industrielle Revolution war nicht so heiter für alle Beteiligten, wie sie in diesem Stich aus dem 19. Jahrhundert erscheint. Foto: Imago Trotz Kriegen, Inflation und industrieller Überproduktion sind die Börsenkurse in luftige Höhen gestiegen. Ursache ist die Spekulation auf Künstliche Intelligenz, die nicht nur Aktienkurse steigen lässt, sondern auch die Produktion der »Realwirtschaft«. Die Investitionen der US-Unternehmen in IT machen derzeit rund die Hälfte des US-Wirtschaftswachstums aus.
Die große Frage, die an den Weltfinanzmärkten gewälzt wird, ist nun, ob hier eine Spekulationsblase vorliegt, die irgendwann platzt. Die Antwort auf diese Frage ist davon abhängig, ob sich die in den Börsenkursen widerspiegelnden Erwartungen auch realisieren werden, sprich: Wird die KI eine derart hohe Nachfrage auf sich ziehen, dass sich die Billioneninvestitionen zu ihrem Aufbau rentieren? Das Analysehaus Gartner ist skeptisch. Die KI-Umsätze aus dem Unternehmens- und Privatkundenbereich würden wohl »nicht ausreichen, um in diesem Zeitraum rentable Renditen auf alle geplanten KI-Investitionen zu erzielen«.
Wird sich die KI lohnen? Das ist die Frage der Investoren. Die daran anschließende Frage für die Lohnabhängigen ist, ob die KI ihre Arbeitsproduktivität derart steigern wird, dass massenhaft Arbeitsplätze kapitalistisch überflüssig werden. Kai-Fu Lee, Ex-Präsident von Google China, hält das für denkbar. Er sieht eine »grundlegende Bedrohung durch Automatisierung: öffentliche Unruhen infolge weit verbreiteter Arbeitslosigkeit und grotesker Ungleichheit.«
Droht also ein Platzen der KI-Blase, eine Krise plus massenhaftes Elend? Die meisten Ökonom*innen winken ab: keine Gefahr! Bemerkenswert ist ihre Begründung dafür. Erstens liege keine KI-Blase vor, da zwar viel investiert werde, aber nicht so viel wie in früheren Boom-Phasen wie zum Beispiel während der Internet-Euphorie der 1990er oder im britischen Eisenbahn-Boom des 19. Jahrhunderts. »Damit erscheint der aktuelle Investitionszyklus noch nicht übertrieben«, so die Commerzbank. Mit historischen Vergleichen wird zweitens auch die Warnung vor Massenarbeitslosigkeit gekontert: »Noch nie in der modernen Geschichte hat der technologische Fortschritt die Gesamtnachfrage nach menschlicher Arbeitskraft beeinträchtigt«, schreibt der britische »Economist«. Und Neil Thompson von der US-Bank Goldman Sachs sagt: »Frühere Automatisierungswellen haben viele neue Arbeitsplätze geschaffen, was eine gewisse Beruhigung bietet.«
Die Argumentation zeigt die ganze Hilflosigkeit des wirtschaftswissenschaftlichen Sachverstandes, der sich weniger auf ökonomische Zusammenhänge beruft als auf angenommene Gesetze der Geschichte nach dem Motto: Früher ist es doch auch gut gegangen! Alle Unterschiede zwischen Eisenbahn, Dampfmaschine, Internet oder KI sowie zwischen den unterschiedlichen Phasen des Kapitalismus werden dabei eingestampft – letztlich, so die Ökonom*innen, wiederholt sich Geschichte immer wieder. Mit dieser Fiktion erhalten sie zwar nicht den Glauben an die Steuerbarkeit des kapitalistischen Geschehens, aber doch zumindest an seine Vorhersagbarkeit.
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