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Abgeordnetenhauswahl in Berlin | Zuhause und im Kindergarten

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Mit nur zwölf Prozent für die SPD in den Umfragen läuft Spitzenkandidat Steffen Krach seinen Mitbewerbern hinterher. Foto: dpa/Sebastian Christoph Gollnow Am Berliner U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz hat sich eine Handvoll junger und alter Genossen postiert, um Stimmen für Die Linke zu werben. Es ist nichts Besonderes, nur ein traditioneller Infostand, wie er seit Jahrzehnten in Wahlkämpfen zum Einsatz kommt. Die Gegend hier ist kein Szeneviertel in der Stadtmitte, sondern gehört zum Ostberliner Randbezirk Marzahn-Hellersdorf, ist gefühlt beinahe schon brandenburgische Provinz. Unvermittelt strampelt ein junger Mann in buntem T-Shirt und mit Baseball-Kappe lässig auf seinem Fahrrad vorbei – ein cooler Typ, der freundlich winkt, den Daumen anerkennend nach oben streckt und ruft: »Ihr seid cool!«

Es sind Begegnungen wie diese, die Spitzenkandidatin Elif Eralp schon vor Monaten dazu brachten, nicht mehr überrascht zu reagieren, wenn ihre Partei wieder mal ganz vorn rangierte in einer der vielen Meinungsumfragen. Man spüre den Aufschwung der Partei überall in der Stadt an der Stimmung, erklärte Eralp. Sie soll Regierende Bürgermeisterin werden, wenn die Sozialisten am 20. September tatsächlich erstmals die Berliner Abgeordnetenhauswahl gewinnen sollten.

Ähnlichen Zuspruch wie am Elsterwerdaer Platz erleben die Genossen auch, als sie mit einem roten Lastenrad das Rollbergviertel im Westberliner Bezirk Neukölln ansteuern. Sie werden dort sofort von einer Gruppe halbwüchsiger Jungs umlagert, die ganz aus dem Häuschen sind. »Die Linke ist gut. Wir wollen, dass Die Linke die Wahl gewinnt«, sagt der Größte von ihnen immer wieder.

Einen Sieg mit 23 Prozent der Stimmen prognostiziert die Forschungsgruppe Wahlen der Berliner Linken, während das Institut Insa ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU des scheidenden Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner vorhersagt. Die vorgelagerte U16-Testwahl von Kindern und Jugendlichen gewann Die Linke dieser Tage haushoch mit 32,8 Prozent, in Neukölln erreichte sie bei den Heranwachsenden sogar sagenhafte 51,3 Prozent.

Im Rollbergkiez verdienten sich die Sozialisten einen derartiges Wohnwollen unter anderem damit, dass sie sich engagiert um die Probleme der Mieter kümmern. Philipp Dehne, Direktkandidat im hiesigen Wahlkreis, hat diesmal für ein Treffen im Kiez Niklas Schenker dazugeholt, den Mietenexperten der Abgeordnetenhausfraktion. Gemeinsam besichtigen sie die Wohnung einer Schichtarbeiterin. Insbesondere im Schlafzimmer ihrer Kinder breitet sich auf fast unvorstellbare Weise Schimmel aus und auch in der Küche. Vermieter denken und sagen bei Schimmelbefall oft, dass die Bewohner wohl nicht ordentlich gelüftet haben und selbst schuld seien. Doch hier steht an diesem sonnigen Abend ein Fenster offen. Das Problem ist augenscheinlich anderer Natur. Die Fenster seien nicht mehr dicht und wenn es regne, dringe Wasser ein und laufe über die Fensterbänke die Wand hinunter, erklärt die Mieterin. Vor sieben Monaten habe sie den Schaden gemeldet, doch er werde und werde nicht behoben.

Ihre Kinder ziehen zum Schlafen die Matratzen von den Bettgestellen und schleifen sie in ein anderes Zimmer, oder sie kommen gar nicht mehr nach Hause und übernachten bei Freunden. Die bereits von schwerer Arbeit in zwei Schichten belastete Frau ist völlig verzeifelt. »Das ist kein Leben mehr«, klagt sie. »Ich bin am Ende.« Doch Umziehen ist keine Option. In Berlin herrscht Wohnungsnot. Es gibt für die Familie keine bezahlbare Alternative. Darum hat die Frau auch nicht daran gedacht, die Miete zu mindern. Sie will nicht riskieren, deswegen vor die Tür gesetzt zu werden.

Der Abgeordnete Schenker ist beim Anblick des Schimmels schockiert. »Das ist auf jeden Fall eine Gesundheitsgefahr.« Da besteht für ihn kein Zweifel. Schenker verspricht, der Hausverwaltung noch am selben Abend zu schreiben. Ein paar Tage später hat er aber noch keine Antwort erhalten. Die verantwortliche Wohnungsgesellschaft kann den Fall auf nd-Nachfrage keinem ihr bekannten Vorgang zuordnen und sagt, eine Anfrage des Abgeordneten Schenker liege ihr nicht vor. »Selbstverständlich gehen wir jeder uns bekanntwerdenden Schimmelanzeige nach und prüfen den jeweiligen Einzelfall sorgfältig, um erforderliche Maßnahmen einzuleiten«, versichert die Wohnungsgesellschaft am Donnerstag und will nun ihrerseits Kontakt zu Schenker aufnehmen.

Der Abgeordnete wundert sich. Denn fast alle Wohnungen im Rollbergkiez, so auch diese, gehören der landeseigenen Wohnungsgesellschaft Stadt und Land. Die gilt eigentlich als gar nicht mal so schlecht, genau genommen sogar als vorbildlich. Auch im Rollbergkiez waren die Mieter immer zufrieden. Die Schwierigkeiten beispielsweise auch mit hoch erscheinenden Nachforderungen bei der Abrechnung der Betriebskosten begannen erst mit der Corona-Pandemie, berichten Bewohner.

Schenker sucht nach einer Erklärung. Vielleicht seien die landeseigenen Wohnungsgesellschaften einfach damit überfordert, was der aus CDU und SPD gebildete Senat ihnen abverlange, überlegt der Oppositionspolitiker. Die landeseigenen Wohnungsgesellschaften sollen ihre Bestände sanieren, die Mieten einigermaßen bezahlbar halten und noch in Größenordnungen neue Quartiere bauen. Aber die Baukosten sind seit der Coronakrise förmlich explodiert.

»Wir als Linke sind ja die größten Fans von kommunalen Wohnungen«, gesteht Niklas Schenker. Ihm blute das Herz, wenn es ausgerechnet bei denen Schwierigkeiten gebe. Schenker stellt Lösungsmöglichkeiten vor, zum Beispiel das Trennen von Bewirtschaftung und Neubau. Kandidat Philipp Dehne stellt die Eigentumsverhältnisse klar, wie sie sich für ihn darstellen: »Stadt und Land gehört zu 100 Prozent uns, gehört dem Land Berlin.«

»Stadt und Land gehört zu 100 Prozent uns, gehört dem Land Berlin.«

In einem Treppenhaus im Rollbergkiez liegt achtlos weggeworfen ein Flugblatt der Kandidatin Büsra Karadag (CDU). Weniger Müll auf den Straßen und dafür mehr Polizisten, fordert Karadag. »Drogenkriminalität und Gewalt dürfen nicht Teil des Neuköllner Alltags bleiben«, verlangt die im Bezirk aufgewachsene Frau. Kein Wort über steigende Mieten und Lebensmittelpreise. Stattdessen: »Für unsere Kinder: Ein sicheres und sauberes Neukölln.«

Derweil hat der bundesweit radikalste Geburtenknick seit 1945 die Kindertagesstätten der Hauptstadt erreicht. Die kommunale Kita Teltower Damm in Zehlendorf besuchen derzeit nur 149 Kinder. Dabei würde das Personal 165 Kinder zulassen und mit mehr Erzieherinnen könnten in diesem Gebäude sogar 200 Kinder betreut werden, wie Leiterin Catrin Strobel erklärt.

SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach hat in dieser Kita am Montag eine Art Praktikum gemacht. Er war mit dabei im Stuhlkreis der »Elefantengruppe«, die Krach hinterher versehentlich erst Elefantenrunde nennt. Zu sehr steckt er mitten drin in einem aufreibenden Wahlkampf. Elefantenrunde genannt wird das am Wahlabend im Fernsehen ausgestrahlte Gespräch mit den Spitzenpolitikern der großen Parteien. »Quatsch Elefantenrunde – Elefantengruppe«, korrigiert sich Krach. Er hat Stress mit Korruptionsvorwürfen, die er dementiert, und dennoch Zeit gefunden, mit den Kitakindern ein bisschen zu puzzeln.

So neu war das alles für ihn nicht. Denn er habe erst vor drei Jahren seinen Sohn vier Wochen lang bei dessen Eingewöhnung in einer Kita begleitet, erzählt Krach. Beinahe hätte er einst selbst einen pädagogischen Beruf ergriffen. Im Jahr 2000 wollte Krach ein Lehrerstudium aufnehmen. Doch in dieser Zeit sei ihm davon abgeraten worden mit der Begründung, es gebe keinen Bedarf. Heute leiden Berlin und Brandenburg an einem Lehrermangel, haben bereits viele Seiteneinsteiger vor Schulklassen gestellt und tun es weiterhin.

Krach warnt deshalb davor, angesichts des Geburtenknicks jetzt Kitas zu schließen und Erzieher zu entlassen und in ein paar Jahren auch Schulen aufzugeben und massiv weniger Lehrer auszubilden. Diese Fehler aus dem Anfang des Jahrtausends sollte Berlin nicht wiederholen. Da ist Steffen Krach ganz bei Thuy Linh Pham von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Kita-Leiterin Strobel und Pham übergeben dem SPD-Politiker seine elf Versprechen für die ersten 100 Tage als Regierender Bürgermeister – mit einem handschriftlich ergänzten Punkt. Zu den tatsächlichen Versprechen von Krach gehört, Berlins Bewerbung für die Weltausstellung Expo einzureichen und die Mietenpolizei loszuschicken, um Mietwucher zu ahnden. Als hinzugefügten Punkt zwölf liest er nun, dass er nicht nur mit Tempo-30-Zonen für Verkehrssicherheit vor den Kitas sorgen werde, sondern: »Ich setze mich ein für eine vernünftige und wissenschaftlich fundierte Fachkraft-Kind-Relation in der Realität, nicht nur auf dem Papier.«

Die Zahl der Kinder pro Erzieherin zu reduzieren wäre hilfreich für die frühkindliche Bildung und würde Kolleginnen die Angst nehmen, wegen des Geburtenknicks ihre Arbeit zu verlieren, erläutert Kitaleiterin Strobel. Bei den unter Dreijährigen ist das gemacht worden. Ansonsten wären 2500 Erzieherinnen und Erzieher überzählig, hat Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) die Maßnahme begründet. Doch die Gewerkschaft Verdi wünscht sich eine Anpassung des Personalschlüssels auch für die älteren Kitakinder. Sonst wäre man im Februar 2026 unweigerlich in der Sozialauswahl, erklärt Strobel, warum dies erforderlich sei. Da ginge es dann noch nicht um Kündigungen, sondern um die Umsetzung von Kolleginnen und Kollegen in andere Einrichtungen. Aber das ist nicht der alleinige Grund. »Diese Forderung ist so elemantar, weil wir immer mehr Kinder mit Förderbedarf haben«, rechtfertigt Strobel das Ansinnen.

Steffen Krach ist mit der ihm untergeschobenen Ergänzung seines 100-Tage-Programms zumindest halb einverstanden. »Finde ich super«, sagt er. »Ich weiß nur nicht, ob man das in 100 Tagen schafft.« SPD-Plakate stellen Krach als den nächsten Regierenden Bürgermeister vor. Doch mit Umfragewerten von zehn bis zwölf Prozent für seine Partei dürfte das nichts werden.

Im Neuköllner Rollbergkiez turnt ein Eichhörnchen auf einem Zaun entlang. Sein rotes Fell glänzt im Abendlicht. Das rote Lastenfahrrad rollt weg. Doch die Genossen wollen wiederkommen und sich kümmern.

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Source: nd