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7. Oktober 2023 | »Logik der Gewalt wird nicht von innen heraus überwunden«

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Ein israelischer Soldat und ein gläubiger jüdischer Mann beten an der Klagemauer in der Altstadt von Jerusalem. Foto: AFP/Fadel Senna Der 7. Oktober 2023 war ein Samstag, Schabbat und somit Feiertag. Wo waren Sie, als der Angriff begann?

Mit meiner Familie in unserer Wohnung in Tel Aviv. Wir sind von der ersten Sirene gegen 6.30 Uhr gar nicht wach geworden, und auch danach fiel uns erst mal nichts Ungewöhnliches auf. Schabbat und Feiertag sind auch in Tel Aviv generell sehr ruhig. Beim Frühstück haben wir das Radio angemacht, die Sonderberichterstattung lief schon, aber es kam alles nur tröpfchenweise: ein Vorfall an der Grenze zum Gazastreifen, sehr wenig Information. Wer in Israel lebt, kennt solche »Sicherheitsvorfälle«. Erst als ich auf Newsportalen Bilder aus Ofakim sah, etwa 30 Kilometer östlich von Gaza, wurde mir klar, dass etwas anders und besonders heftig ist: Israelis lagen gefesselt auf dem Bauch neben einem Pool. Im Laufe des Vormittags war offensichtlich, dass die Lage außer Kontrolle geraten war. Wir sind mit unseren beiden Kindern, damals fünf und eins, den ganzen Tag nicht aus dem Haus gegangen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Umstände klarer wurden?

Zunächst einmal war das zweifellos eine beängstigende Situation für uns als Familie und wir mussten überlegen, wie wir es unseren Kindern erklären, was gerade passiert. Es waren Stunden des offensichtlichen Kontrollverlusts, und es war bis zu einem bestimmten Zeitpunkt am 7. Oktober nicht klar, ob Angreifer auch Richtung Tel Aviv kommen würden. Dazu kamen die mehrfachen Raketenalarme. Gleichzeitig war mir als politisch denkendem Menschen schnell klar, dass das nicht ohne eine zerstörerische israelische Reaktion bleiben würde. Meine Sorge galt daher sehr bald auch den Menschen im Gazastreifen und meinen palästinensischen Kolleginnen im Büro, die dort Familie haben.

Dann fiel die Entscheidung, Sie mussten ausreisen ...

Ja, am 8. Oktober. Für den 9. Oktober haben wir noch Flüge nach Deutschland bekommen. Die Stiftung hat uns zurückbeordert, organisieren mussten wir es selbst, denn als Entsandte einer politischen Stiftung fallen wir nicht unter Evakuierungsprotokolle der deutschen Botschaft. Es war eine sehr schmerzhafte Entscheidung, wir waren erst knapp sieben Monate vor Ort, und ich habe mein Team in Tel Aviv fürs Erste verlassen müssen. Aber es war eine Entscheidung für meine Kinder und unsere Familie, und ich halte sie bis heute für richtig. Wir waren dann drei Monate in Berlin – das war auch eine sehr schwierige Zeit auf allen Ebenen.

Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, in Deutschland zu bleiben?

Die Ausreise war zunächst temporär, ein Hinwerfen des Amtes stand nicht ernsthaft im Raum. Als sich abzeichnete, dass sich die Situation vorerst nicht regional auszuweiten droht, haben wir im Dezember entschieden, zurückzukehren. Mir war der Job sehr wichtig und es schien uns auch als Familie zu diesem Zeitpunkt eine verantwortbare, wenn auch heikle Entscheidung. Im Januar 2024 sind wir zurückgekehrt und waren bis Mitte 2025 vor Ort.

Wie hat Sie diese Zeit persönlich verändert?

Das muss ich noch herausfinden. Meine Eltern sind in den späten 80ern aus Israel nach Deutschland gezogen, weil sie ihre Kinder nicht zur Armee schicken wollten. Sie waren beide Jahrgang 1948 mit unterschiedlichen familiären Migrationsbiografien und gehörten dem linkszionistischen Establishment an. Spätestens nach dem Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila im Libanon 1982 konnten sie sich aber mit dem Staat nicht mehr identifizieren. Dank mindestens jährlicher Familienbesuche kannte ich Ort und Sprache seit meiner Kindheit, und dieser Job war die Chance, dort zu leben, näher an meiner Familie zu sein und vor allem politisch etwas Sinnvolles zu tun. Ich hatte gleichzeitig keine Illusion darüber, in welche Gesellschaft ich komme. Dennoch hat mich die Wucht des Hasses und der Dehumanisierung, die Bereitschaft, brutale Methoden zu dulden und dabei den Alltag weiterzuleben, immer wieder sehr mitgenommen.

In gewisser Weise vermisse ich vielleicht etwas, was wir dort nie hatten und dort in diesem Kontext nie hätten haben können: einen Alltag jenseits von Dehumanisierung und Gewalt. Dennoch habe ich diese Jahre aus einer sehr privilegierten Perspektive erlebt, nicht vergleichbar mit dem, was meine palästinensischen Kollegen oder auch viele marginalisierte jüdische Israelis erleben. Beruflich waren das wahnsinnig intensive Jahre mit einem inspirierenden, jüdisch-palästinensischen Team. Wir haben uns gemeinsam durch diese Zeit getragen. Ich habe sehr viel über den Wert von praktischer jüdisch-palästinensischer Solidarität gelernt und über die Bedeutung von gewaltfreier »co-resistance«. Persönlich gab es einerseits einen Prozess der Entfremdung und ein Gefühl des Abgestoßenwerdens, aber auch Momente des Alltags, in denen ich mich aufgrund meiner biografischen Prägung dort auch zu Hause fühlte. Das kennen viele postmigrantische Kinder: Man fühlt sich zugehörig und ist zugleich immer der andere. Seit September bin ich endgültig zurück in Berlin und brauche erst einmal Abstand und Zeit, das zu verarbeiten.

Wie hat sich die israelische Gesellschaft in dieser Zeit verändert?

Ich weiß gar nicht, ob sie sich grundlegend verändert hat. Ich glaube, Prozesse haben sich vor allem beschleunigt, allen voran die Dehumanisierung der Palästinenser*innen. Sie speiste sich aus dem Trauma des 7. Oktober, das medial in Dauerschleife wiederholt wurde. Die Geiselfrage war lange offen, 251 Menschen, Frauen und Kinder waren als Geiseln in der Gewalt von Hamas und militanten Gruppen. Verbunden mit dem Rachefeldzug der Armee brachte das die jüdisch-israelische Gesellschaft in den ersten Monaten 2024 fast komplett auf Linie mit dem Genozid im Gazastreifen. Es gab lagerübergreifend – von Netanjahu-Gegnern bis -Befürwortern – große Einigkeit und die Vorstellung, es gebe keine Unschuldigen in Gaza.

Haben das auch die arabischen Israelis gespürt?

Ja, wir haben eine noch nie gesehene Repressionswelle gegen palästinensische Staatsbürger Israels erlebt: willkürliche Festnahmen wegen Solidaritätsposts, Demonstrationsverbote, Demütigungen und verbale Gewalt gegen palästinensische Politiker in der Knesset. Sie wurden als »fünfte Kolonne« dargestellt, was Ausgrenzung und Angst massiv verstärkt hat. Dabei haben die meisten Palästinenser*innen in Israel Verwandte in Gaza, denn die meisten Bewohner des Gazastreifens wurden 1948 aus dem heutigen Israel vertrieben.

Stimmt es, dass die Kriegsbilder aus Gaza in israelischen Medien kaum gezeigt wurden?

Wir haben es mit einem immensen Versagen der israelischen Medien zu tun. Sie sind Teil der militaristischen, nationalen Mission. Die Bilder aus Gaza stammten fast ausschließlich aus Soldatenkameras und Armeeaufnahmen: Soldaten, die rennen und schießen, zerstörte Wohngebiete, aber keine Palästinenser. Die Rolle der Medien ist in jedem Genozid zentral, weil sie die Bilder und den Sound liefern, hinter denen sich verstecken kann, wer nicht hinsehen oder hinhören will. Zugleich war es möglich, sich zu informieren, obwohl die Regierung Al-Jazeera verboten hat. Über Social Media und Medien wie das palästinensisch-israelische Magazin »+972«, mit dem wir zusammenarbeiten, ging das. Ich erinnere mich an Verwandte, die gar nicht links sind und sagten: Was wir in Gaza machen, ist unverzeihlich. Aber die allermeisten jüdischen Israelis wollten und wollen es nicht sehen. Die israelischen Nachrichten von links-liberal bis rechts verständigten sich in den ersten Monaten auf eine Botschaft: Gaza muss zerstört werden.

Sie haben den Begriff »Genozid« ganz selbstverständlich benutzt. Wie ist das in Israel?

Die Menschenrechtsorganisation B’Tselem hat im Sommer 2025 einen Bericht veröffentlicht, in dem sie von einem Genozid spricht; die Online-Investigativpublikationen »+972 Magazine« und »Local Call« nutzen den Begriff in hebräischen Publikationen. Abgeordnete des linken Parteinbündnisses Hadasch wie Ofer Cassif haben ihn benutzt. Radikale Aktivisten stellten sich ab Ende 2023 mit Schildern »Stop the Genocide« auf Plätze in Tel Aviv, aber auf Englisch, also für ein ausländisches Publikum, und das blieb sehr klein. Die Graswurzelbewegung Standing Together, die palästinensische und jüdische Israelis zusammenbringt, tut das im hebräischen Kontext bis heute nicht. Ich glaube, viele im Antikriegslager würden den Begriff für sich persönlich annehmen, setzen ihn aber aus strategischen Gründen nicht ein, weil er bei vielen Israelis eine aggressive Gegenreaktion auslöst und sie dann nicht mehr erreichen. Viele Israelis bezeichnen den 7. Oktober als genozidal, und alles darüber hinaus gilt als Selbstverteidigung. Politisch lässt sich mit dem Begriff in Israel nichts gewinnen.

Im Dokumentarfilm »NAZA«, der beim Filmfestival in Venedig prämiert wurde, gewährt die Kamera den Blick in die Wohnzimmer der Bevölkerung, die ihr Leben im Krieg scheinbar ungerührt weiterführt. Ist das Desinteresse?

Nur weil die meisten sich nicht aufgelehnt haben oder es nicht sehen wollten, heißt das nicht, dass es ihnen gut ging. Aber das Bewusstsein, dass es eine Alternative gibt, ist so gering, dass es – gepaart mit der oben beschriebenen Annahme, dass es keine Unschuldigen in Gaza gäbe – hingenommen beziehungsweise unterstützt wird. Es entwickelt sich eine Ohnmacht, eine Apathie, gepaart mit Erschöpfung, verstärkt durch eine Dauerberichterstattung, die suggeriert: Es gibt keine andere Wahl, wir müssen Krieg führen, sonst gehen wir unter. Netanjahu hat das kürzlich vor der UN-Generalversammlung mit dem Zitat seines Bruders vor dem Sechstagekrieg aufgegriffen: »Wir haben keine andere Wahl.« Damit spiegelt er, so verhasst er in Teilen der Bevölkerung ist, eine Stimmung, die für die meisten Israelis repräsentativ ist.

Hat die Militarisierung der Gesellschaft zugenommen in den vergangenen drei Jahren?

Ich sehe ein Kontinuum und eine Verstärkung. Bis zum 6. Oktober 2023 drohten viele Reservisten wegen der sogenannten Justizreform, nicht mehr zum Dienst zu erscheinen, und wöchentlich gingen Hunderttausende gegen die Regierung auf die Straße, ohne allerdings die Verbindung zwischen Besatzungspolitik und autoritärer Entwicklung im Innern herzustellen. Nach dem 7. Oktober kam dieser Trend jedoch zu einem jähen Ende. Das Militär hat eine entscheidende Bedeutung im Leben vieler Israelis: Karrieren hängen davon ab, ob man beim Militär war. Verweigerer können ins Gefängnis kommen und gelten als Verräter. Nur so lässt sich erklären, dass Befehlen so gefolgt wird. Im Film »NAZA« sagt ein Soldat sinngemäß: Wenn wir das System hinterfragen, bricht alles zusammen.

Gil Shohat ist 1988 als Sohn israelischer Eltern in Bonn geboren und aufgewachsen. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft in München, Exeter und Berlin und arbeitete unter anderem zu antikolonialem Aktivismus im London der 1930er bis 1950er Jahre. Weiterhin publiziert und spricht er regelmäßig zur gegenwärtigen deutschen Erinnerungskultur, zum Verhältnis von Antisemitismus und Rassismus sowie zu den Manifestationen der Situation in Israel und Palästina in Deutschland. Von März 2023 bis August 2026 leitete er das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv. Seit September 2026 ist er Referent für Westasien im Zentrum für internationalen Dialog der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

Bei der Bewaffnung von Zivilisten. Auf Initiative des Ministers für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gwir haben sich nach dem 7. Oktober etwa 100.000 Israelis einen Waffenschein geholt. Seit unserer Rückkehr im Januar 2024 erinnere ich mich kaum an einen Spielplatzbesuch, ohne einen bewaffneten Vater gesehen zu haben. Im Zug sitzen Soldaten mit Maschinengewehren auf den Knien, aber auch ganz normale Hightech-Angestellte tragen Waffen. Wir haben es also mit Hunderttausenden bewaffneten Zivilisten zu tun, die meist politisch rechts stehen.

Hätten Reservisten sich verweigern können?

Ja, sie hätten sagen können: Ich mache nicht mit. Das haben irgendwann auch einige getan, teils mit Gefängnisstrafen. Bei größeren Zahlen hätte der Staat viel mehr Ressourcen aufwenden müssen, um sie zum Dienst im Krieg zu zwingen.

Aber sind die Bedrohungen von außen für Israel nur eingebildet? Vor allem der Iran wird immer wieder genannt. Wie sehen Sie das?

In der Zeit des Atomabkommens unter Obama gab es nachweislich eine Verkleinerung des iranischen Nuklearprogramms, und Netanjahu hat dieses Abkommen massiv bekämpft, auch in einer Rede vor dem US-Kongress. Er hat das Bild der existenziellen Bedrohung über Jahre gepflegt, obwohl Israel selbst eine inoffizielle, aber nach Expertenmeinung eindeutige Atommacht ist. Damit schürt man Angst und eine Dauerbereitschaft für den permanenten Krieg. Gleichzeitig ist die Gefahr nicht völlig illusorisch: Der Iran kann Israel empfindlich treffen, mehr als die Hisbollah oder die Hamas – ausgenommen der 7. Oktober 2023. Das haben wir im Juni 2025 und im März 2026 erlebt in Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Angriff Israels gegen den Iran. Auch der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran im Frühjahr 2026 fand wochenlang breite Zustimmung, obwohl die meisten drei-, viermal am Tag in Schutzräume mussten. Er wird als existenziell notwendig gesehen, und die Vorstellung einer »neuen Ordnung des Nahen Ostens« reicht bis ins liberale Lager.

Sie waren auch im Juni 2025 in Israel, während des Kriegs gegen den Iran. Wie haben Sie und Ihre Familie diesen Krieg und die allgegenwärtigen Waffen erlebt?

Während unseres Aufenthalts hat zwangsläufig eine gewisse Normalisierung stattgefunden, obwohl uns immer selbst bewusst war, wie gefährlich diese Normalität ist. Bei einem Feiertagsessen legte ein Verwandter in Zivil sein Maschinengewehr auf den Boden und sagte: Pass mal kurz auf, ich hole Essen. Diese Normalität von Gewalt hat bei uns allen etwas ausgelöst. Der Juni-Krieg kam dann relativ unerwartet. Um drei Uhr nachts weckte mich mein Sohn: Sirene. Mit dem Luftalarm wurde sofort das Gefühl der Bedrohung geschaffen, dabei hatte Israel den Iran angegriffen und nicht umgekehrt. Nach einer Woche mit teils sehr lauten Einschlägen sind wir über Land nach Jordanien ausgereist und dann weiter nach Deutschland. Unterwegs gab es Raketenalarm, 300 Meter weiter einen direkten Treffer.

Ja, als Familie sind wir seitdem wieder in Berlin. Ich bin im Laufe des letzten Jahres mehrmals dort gewesen und habe das Büro ansonsten aufgrund des andauernden Krisenzustands von Berlin aus geleitet. Es war dann relativ schnell klar, dass wir nicht mehr zurückkehren würden und ich daher schweren Herzens das Büro nicht mehr würde weiterleiten können. Die Arbeit mit unseren politischen und zivilgesellschaftlichen Partner*innen vor Ort sowie mit unserem jüdisch-palästinensischen Team war eine der bestärkendsten Dinge, die ich in meinem beruflichen Leben aber auch persönlich erleben durfte. Daher bin ich allen, die sich vor Ort für eine Zukunft jenseits einer israelischen Vorherrschaft über die Palästinenser*innen einsetzen, für die Zusammenarbeit der letzten dreieinhalb Jahre dankbar und froh, dass unsere Arbeit in Israel nun unter meinem Nachfolger Shaked Spier weitergeht.

Ein Wandgemälde in Tel Aviv mit dem Titel »RUN« des Künstlers Alexsandro Palombo zeigt den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu (Mitte) und den Politiker Gadi Eisenkot, die in kugelsicheren Westen und mit Schlagstöcken bewaffnet Bart Simpson verfolgen, der als junger Hamas-Kämpfer dargestellt ist. Foto: AFP/Jack Guez Am 27. Oktober ist die Parlamentswahl. Was ist zu erwarten?

Es gibt einen sehr intensiven Wahlkampf, viele Bewegungen schließen sich zusammen. Der Ausgang ist sehr unklar. Es kann wieder zu einem Patt kommen wie 2018 bis 2021, in dem weder der Netanjahu-Block noch der Oppositionsblock eine Mehrheit hat und die arabischen Parteien das Zünglein an der Waage wären, mit denen aber keine Seite koalieren will. Dann drohen Neuwahlen. Die Mobilisierung ist hoch, auch im Ausland: Israelis mit Wohnsitz im Ausland, vor allem in den USA, organisieren Kampagnen, um zum Wählen einzureisen, was der Regierung ein Dorn im Auge ist. Ich mache mir Sorgen, was nach der Wahl passiert. Die bewaffneten Zivilisten stehen größtenteils der Rechten nahe, und wenn es eine Mehrheit gegen Netanjahu gibt, ist die Frage, wie seine Anhänger reagieren und ob er von Wahlfälschung sprechen wird.

Können die Wahlen gar nichts ändern? Sehen Sie keine linke Perspektive?

Eine Perspektive in Richtung Befriedung gibt es in Israel nicht. Aus der Bewegung Standing Together heraus hat sich etwa eine Partei gegründet, die ihre Kandidatur wieder zurückgezogen hat, weil sie nicht ausreichend mobilisieren konnte, um die 3,25-Prozent-Hürde zu überwinden. Die palästinensischen Parteien, darunter die kommunistische Hadasch, kämpfen ums Überleben. Sie wurden von der Wahlkommission ausgeschlossen, nun entscheidet das Oberste Gericht. Im Oppositionslager gibt es nahezu keine Stimmen für eine linke Politik im Sinne von Gleichheit, Frieden und Antimilitarismus. Es geht darum, ob man für oder gegen Netanjahu ist, und darum, das Image Israels im Ausland zu retten, nicht um Schritte zu einer befriedeten Region.

Mehrere Quellen berichten, Netanjahu sei vor dem 7. Oktober gewarnt worden. Spielt das im Wahlkampf eine Rolle?

Im Anti-Netanjahu-Lager durchaus. Die Forderung nach einer staatlichen Untersuchungskommission besteht lange, die Regierung verhindert sie, und die neuen Berichte werden als Beleg gelesen, warum. Stammen sie von seriösen Medienhäusern, gibt es keinen Grund, sie als konstruiert abzutun. Sicher ist auch, dass die Veröffentlichungszeit mit der Wahl zusammenhängt. Es ist der Versuch, Netanjahu auf dem Feld der Sicherheit zu delegitimieren, das er immer als seine Kernkompetenz dargestellt hat und das mit dem 7. Oktober fundamental angeknackst ist. Seit Oktober 2023 sehen wir einen entfesselten Netanjahu, während ihm früher eher vorgeworfen wurde, nicht entschieden genug militärisch vorzugehen. Er wird das als Verschwörung darstellen und seine Anhänger überzeugen. Es ist eine Wahl gegen Netanjahu, und auch die linke Opposition will ihn stürzen. Ihr erstes Ziel ist es, seine in Teilen faschistische Regierung abzuwählen, alles andere kommt danach.

Wie schätzen Sie Gadi Eisenkot ein, den Ex-General, der als politische Alternative gehandelt wird?

Er hat sicher eine Chance, vor allem weil er nicht Netanjahu ist und charakterlich dessen Antithese darstellt. Als früherer Oberbefehlshaber der Armee hat er hohe Legitimität in großen Teilen der Bevölkerung, und dass er seinen Sohn und einen Neffen im Krieg verloren hat, verstärkt das. Die Menschen glauben ihm, dass er für die Sicherheit des Landes eintritt. Die anderen Kandidaten haben in Umfragen nicht die Werte, also läuft es im Oppositionslager auf ihn hinaus.

Wann endet der Krieg? Trumps »Friedensplan« liegt auf dem Tisch.

Die israelische Gesellschaft hat sich an einen Dauerzustand von Krieg und Eskalation gewöhnt. Diese Logik der Gewalt wird nicht alleine von innen heraus überwunden werden können, sondern erst in Kombination mit massivem internationalem Druck und Konsequenzen für dauerhaftes völkerrechtswidriges Handeln.

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Source: nd