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25 Jahre 9/11 | Popkultur und 9/11: Zwischen Eskapismus und Shitposting
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Die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001 blieben in der Populärkultur lange Zeit eine Leerstelle. Foto: Wikimedia [M] Es gibt Zufälle, die klingen fast zu absurd, um wahr zu sein. Die Nu-Metal-Band Limp Bizkit wurde bei den MTV Video Music Awards am 6. September 2001 für ihr Video zum Song »Rollin’« ausgezeichnet. Sehr prominent darin zu sehen: die beiden Twin Tower. Fünf Tage später wurde »Rollin’« aus dem Fernsehprogramm genommen. Ein Schicksal, das zahlreiche Songs teilten, darunter viele, die nichts mit dem World Trade Center zu tun hatten, sondern maximal vage damit assoziiert werden konnten. Dies betraf etwa das Lied »Free Fallin‘« von Tom Petty oder aber Bands, die zu USA-kritisch waren, in erster Linie Rage Against the Machine.
Die US-amerikanische Popkultur weiß oft nicht, wie sie angemessen auf große politische oder gesellschaftliche Ereignisse reagieren soll. Im Bereich der Serien ist dieses Unvermögen besonders eklatant, selbst bei jenen, die einen intellektuellen Anspruch haben und in ihrem Selbstverständnis über rein eskapistisches Entertainment hinausgehen. Globale Ereignisse, die für die Figuren nicht von Relevanz sind – aktuell etwa die Kriege in der Ukraine, in Gaza oder dem Sudan – können sowieso munter ignoriert werden. Auffällig wird es dort, wo die USA konkret betroffen sind.
Von Krankenhausserien wie »Grey’s Anatomy« abgesehen, die sich in ihren 2021 ausgestrahlten Staffeln direkt mit der Corona-Pandemie auseinandersetzen, wurde diese im restlichen Entertainment fast gänzlich ignoriert. Selbst die Serien, die zeitlich eindeutig in den Jahren 2020, 2021 verortet sind, erwähnen Covid-19 maximal am Rande. Ähnlich sieht es mit den Black-Lives-Matter-Protesten im Sommer 2020 aus. Der Sitcom »Brooklyn Nine-Nine«, die auf einem Polizeipräsidium spielt, blieb nichts anderes übrig, als das Thema in die Handlung einzuflechten; sie war dabei aber ein Einzelfall. Auch Trumps Präsidentschaft ist in großen Teilen der Popkultur eine große Leerstelle, mit Ausnahme der satirischen Animationsserie »South Park«, wo sich über Trump lustig gemacht wurde.
Nie aber wurde die Unfähigkeit, Unterhaltung und Politik zusammenzubringen, deutlicher als zu den Anschlägen am 11. September 2001. Zwei der damals populärsten Fernsehserien entschieden sich dafür, das Attentat auszublenden, obwohl beide in Manhattan spielen. Nur 16 Tage danach lief die achte Staffel von »Friends« an. Die erste Episode ist den »Menschen von New York City« gewidmet, weitere Bezüge gibt es nicht. Szenen der dritten Folge, in denen eine der Hauptfiguren, Chandler, am Flughafen einen Witz darüber macht, eine Bombe im Gepäck zu haben, wurden neu gedreht. Dass sich »Friends« für Eskapismus entschied und das Publikum von seiner Angst und Unsicherheit ablenkte, machte sich bezahlt. Es war mit durchschnittlich 24,5 Millionen Zuschauern allein in den USA die meistgesehene Staffel der Kultserie.
In »Sex and the City« wird über die »patriotische Pflicht als New Yorkerinnen« gesprochen und darüber, dass Shoppen »dringend benötigten Umsatz« in Downtown macht.
Die vierte Staffel von »Sex and the City« wiederum, in die der Terroranschlag zeitlich fiel, war bereits vor September 2001 gefilmt worden. Statt der Twin Towers zeigt der Vorspann fortan das Empire State Building, das Staffelfinale schließlich ist der Stadt gewidmet, »damals, heute und für immer«. Auch in der fünften Staffel konzentrierte man sich auf den eskapistischen Faktor der Show – vom Subtext einmal abgesehen. So sprechen die vier Protagonistinnen in der ersten Folge, ausgestrahlt im Juni 2002, von ihrer »patriotischen Pflicht als New Yorkerinnen« und darüber, dass durch Shoppen »dringend benötigter Umsatz« in Downtown gemacht werden müsse. Gemeint ist Downtown Manhattan, das zu jener Zeit noch immer stark durch die Folgen des Terroranschlags geprägt war. Um das Image zu verbessern, rief Robert De Niro 2002 das Tribeca Film Festival ins Leben – das Stadtviertel Tribeca grenzt unmittelbar an das Financial District, in dem sich das World Trade Center befunden hatte. Mit Erfolg: Heute ist es ein international anerkanntes, prestigeträchtiges Filmfestival, Tribeca ein populäres Viertel.
Insgesamt befand sich die Popkultur in den Jahren nach dem Anschlag in einer Art Limbo. Filme und Serien schlugen einen patriotischen Ton an, Humor war out, Kitsch und Pathos gefragt. Wer es wagte, öffentlich die USA oder die Politik der Regierung George W. Bushs (samt des »Kriegs gegen den Terror«) zu kritisieren, wurde medial geächtet, wie der Kulturjournalist W. David Marx in seinem Buch »Blank Space« über die Kulturgeschichte des bisherigen 21. Jahrhunderts beschreibt. Die Solidarität mit den USA musste unbedingt, allumfassend und unumwunden sein, und das nicht nur im eigenen Land, sondern im gesamten Westen.
Aus bereits abgedrehten Filmen wurden Bilder des World Trade Centers herausgeschnitten, der Kinostart von anderen, die Flüge, Terroranschläge oder ähnliche Themen behandelten, verschoben oder der Dreh komplett gecancelt. Bis die Katastrophe behandelt wurde, vergingen fünf Jahre. Erst 2006 kam das Drama »World Trade Center« mit Nicolas Cage in der Hauptrolle ins Kino, der einen Polizisten im Einsatz in Ground Zero spielt. Der Film war ein mäßiger kommerzieller Erfolg und spielte global 163 Millionen Dollar ein. Zum Vergleich: »Fluch der Karibik«, der erfolgreichste Film des Jahres, erwirtschaftete 1,06 Milliarden).
Es sollte bis zum Erfolg der Superhelden-Blockbuster dauern, bis sich das Kino wieder die Darstellung von Gewalt und Terror in Manhattan wagte. Aber auch zehn Jahre nach dem Anschlag konnten die Variationen dieses Traumas nur mit Happy End und frei von Kritik an der US-Politik erzählt werden. In »Marvel’s The Avengers« (2012) besiegen die Superhelden, darunter Iron Man und Captain America, nach einem Anschlag auf Manhattan die »Bösen« und retten die Stadt. Auch Polizist*innen und FBI- oder CIA-Agent*innen wurden in Actionfilmen und -serien über Jahre hinweg als heldenhaft dargestellt, um dem Publikum ihr Vertrauen in staatliche Institutionen zurückzugeben.
Natürlich gibt es auch zum diesjährigen Jahrestag in den USA wieder viele Gedenkveranstaltungen, trotzdem ist ein Umgang mit dessen Erbe heute viel schwieriger geworden. Der enorme Rassismus und Nationalismus Trumps, dessen MAGA-Bewegung zeitgleich an Popularität verliert, verkompliziert es all jenen, die nicht Teil seines Lagers sind, ungebrochen Patriotismus zu zeigen. Für Trumpist*innen wiederum ist die direkte Solidarität mit New York City, einer Stadt, die mit Zohran Mamdani einen muslimischen Bürgermeister hat, nicht minder problematisch.
Für viele Jüngere wiederum, die keine Erinnerung an den Anschlag haben, ist dieser längst zur Pointe geworden. Es mussten zwar rund zwanzig Jahre vergehen, bis 9/11-bezogener Humor die Schmuddelecken des Internets verließ, heutzutage sind Witze darüber aber verbreitet. Das Foto, das zeigt, wie George W. Bush vom damaligen Stabschef Andrew Card über das Attentat unterrichtet wird, ist ebenso zum Meme geworden wie Variationen der Formulierung »A second plane has hit the…«. Auch bearbeitete Fotos der brennenden Türme mit humoristischem Kontext finden sich inzwischen oft auf Social Media.
Dieser neue Umgang ist auch ein Zeichen für das Bröckeln der US-amerikanischen Hegemonie. Nicht nur in Europa, auch im Land selbst sehen viele die USA nicht mehr als unangefochtene Weltmacht und Anführer des Westens, sondern als brüchige Demokratie, die in den Autoritarismus abrutscht. Dass die Strategie seiner politischen Gegner*innen scheitert, Mamdani ideologisch in die Nähe der 9/11-Attentäter zu rücken, zeigt, wie viel Macht der Anschlag als nationalen Referenzpunkt mit quasi-sakralen Status verloren hat. Es ist das vielleicht deutlichste Zeichen des Bedeutungsverlusts der Vereinigten Staaten.
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Source: nd