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25 Jahre 9/11 | Geburt der neuen Weltordnung
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Wer zog die Fäden? Dass die Flugzeugattentate des 11. September 2001 ein US-amerikanischer »inside job« gewesen sein sollen, wurde zur populären Verschwörungstheorie. Foto: Archiv, Wikimedia [M] Betrachtet man die Auseinandersetzungen in der (deutschen) Linken nach dem 11. September 2001, zeigt sich eine ähnliche polarisierte Konfliktstruktur wie gegenwärtig. In der Rückschau markieren die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eine Zäsur, die bestehende Konflikte weiter verschärfte, welche bis heute Auswirkungen zeitigen. Diese Konfliktlage betrifft zuerst die enorme Veränderung der weltweiten (Un-)Ordnung, der Beginn einer globalen Sicherheitsstruktur, die durch neue Kriege, den »War on Terror«- und »Regime Change«-Operationen gekennzeichnet war. Damals wurde die »neue Weltordnung« – wie es im Untertitel des damals extrem erfolgreichen Buchs »Empire« von Michael Hardt und Antonio Negri heißt – als Operationen einer Weltinnenpolizei des Imperiums gedeutet, gegen das sich eine Multitude des Widerstands formieren würde. Diese Hoffnung auf eine starke Antiglobalisierungsbewegung brachte die Frage mit sich, ob auch faschistische Gruppen Teil jener Multitude sein können oder nicht.
Die Anschläge vom 11. September 2001 fielen in eine Zeit, in der sich einer globalen Linken neue Handlungsmöglichkeiten nach dem Fall des Ostblocks zu eröffnen schienen. Die in der Form von Gipfelprotesten auftretende Anti- (oder Alter-)Globalisierungsbewegung brachte zwischen Seattle 1999 und Genua 2001 Hunderttausende Menschen unter dem Banner »Eine andere Welt ist möglich« auf die Straße. Zugleich aber fielen die Anschläge in die Zeit der zweiten Intifada, in deren Zentrum Selbstmordanschläge in Israel standen. Innerhalb der linken Landschaft bedeutete dies Debatten und Kämpfe über die Möglichkeiten und Grenzen der Gipfelproteste und gleichzeitig eine Verschärfung der Kämpfe um Israel und Antisemitismus.
9/11 bedeutete für manche so etwas wie die Rückkehr des Realen: der realen Gewalt des Systems, die nun auch im Zentrum sichtbar würde.
9/11 befeuerte in dieser Situation einen schon vorher existenten Antiamerikanismus in Teilen der Linken. Durch eine Dichotomisierung der vermeintlich »künstlichen« und entfremdeten USA gegenüber »echten« Gesellschaften, ebenso wie durch die verkürzte Kritik am Finanzkapital und dessen Zentrum an der US-amerikanischen Ostküste, grenzte diese Kritik immer schon ans antisemitische Ressentiment. Daher konnten die Anschläge auch als Teil eines globalen Kampfes gegen Kapitalismus rezipiert werden.
Die Theoretikerin Susan Sontag sprach vom Heroismus der Attentäter im Gegensatz zu den Bombern des Westens. Der Philosoph Jean Baudrillard sah in fast offener Schadenfreude darin ein Ereignis, das sich alle gewünscht hätten. Hinzu trat die Ansicht, dass 9/11 in der globalisierten Konsumgesellschaft so etwas wie die Rückkehr des Realen bedeutete: der realen Gewalt des Systems, die nun auch im Zentrum sichtbar würde. Damit wurde ein Interpretationsrahmen gesetzt, der die Agency der Attentäter – wie auch der jihadistischen Organisationen – unbeachtet ließ. Gewalt war allein die des Systems, das die USA verkörperten. Damit war eine Flanke zu Verschwörungstheorien geöffnet.
Die Anschläge fielen zeitlich ebenfalls mit der Ausbreitung des Internets, neuen Publikationskanälen und einem grundlegenden Wandel der politischen Öffentlichkeit zusammen. Durch den Ablauf der Anschläge und die Live-Übertragung gehört die mediale Struktur des Ereignisses und die Produktion von Bildern zur Rezeptionsgeschichte. Dies verstärkte Effekte der Derealisierung und die Verbreitung von Verschwörungsideologien. Während die Linke zunächst also versucht hat, die Anschläge in die Theorien der Globalisierung – oder ihre jeweilige Vorstellung davon – einzubauen, bezeichneten rechte Kanäle wie »Infowars« von Alex Jones 9/11 direkt als geheimdienstlich inszenierten »Inside Job«.
Relativ schnell jedoch fanden »Theorien« über die Anschläge, vom CIA-Komplott bis hin zu Israel als wahrem Drahtzieher, Eingang auch in linke Diskurse und Publikationen. Bücher wie die des ehemaligen »Taz«-Autors Mathias Bröckers oder des ehemaligen Bundesministers Andreas von Bülow wurden affirmativ rezipiert – übrigens auch in »nd«. In besagtem Artikel wurden Fragen zu 9/11 daraufhin zusammengefasst, ob es nun die US-Geheimdienste selbst waren oder sie es nur wissentlich zuließen. Auch die »Junge Welt« spekulierte, ob der US-Regierung ein Massenmord zuzutrauen sei, um eine ungehemmtere militärische Außenpolitik voranzutreiben. Die gewaltigen Umbrüche des globalen Systems werden hierbei auf das Handeln einiger mächtiger Personen im Verborgenen zurückgeführt.
Im Folgenden eskalierte der Streit in der deutschsprachigen Linken um Antiimperialismus, Antisemitismus und die Frage des Verhältnisses zu djihadistischen Gruppen. Manche antiimperialistische Gruppe begab sich auf den Weg in die offene Unterstützung reaktionärer Terrorgruppen, wie die Kampagne »10 Euro für den irakischen Widerstand« verdeutlichte. Die dabei federführende Gruppe Anti-Imperialistische Koordination aus Wien stand einige Jahre später mit Faschisten zusammen auf einer Kundgebung gegen Israel. Gleichzeitig schlugen Teile der antideutschen Szene den Weg hin zu einem Zivilisationismus ein, der sie den »Westen« überhöhen und rassistische Stereotype übernehmen ließ.
Zudem bildete sich eine Subszene der Verschwörungsideolog*innen, in der Linke und Rechte über das Verschwörungsticket zusammenfanden. Rechte »Truther« und »Infokrieger« taten sich im Querfront-Projekt der Mahnwachen für den Frieden 2014 mit linken Friedensbewegten zusammen. Die Wahrnehmung der globalen Krisenprozesse als Machenschaften verborgener Mächte wurde zudem dank neuer Medien ein riesiger Markt. Ideologisch verknüpfte sich dieses Verschwörungsdenken schnell auch mit der AfD. Vor allem lokal und regional wurden sogenannte Wahrheitskongresse veranstaltet, auf denen Verschwörungsideolog*innen mit Zinskritiker*innen und GEZ-Feinden zusammengebracht wurden. Dies bedeutete die Vernetzung eines Milieus, das dann zu »Querdenken« wurde und auch die Parteienlandschaft veränderte, nicht nur mit der Partei Die Basis, sondern auch mit dem BSW.
Nach dem 7. Oktober 2023 tauchten in der radikalen Linken viele Akteur*innen des campistischen Post-9/11-Spektrums wieder auf und gestalteten die antizionistischen Proteste prägend mit. Die Bewertung und Analyse der neuen globalen Konflikte tendierte auch hier dazu, auf dichotome Erklärungen zurückzugreifen. Der Unwillen, sich begrifflich der neuen Situation zu stellen, gehört zur andauernden Niederlage emanzipatorischer Bewegungen.
Die Anschläge vom 11. September haben gezeigt, dass die Gestaltung der möglichen anderen Welt auch von reaktionären bis faschistoiden Kräften übernommen werden kann. Umbrüche in der globalen Machtkonstellation sind nicht nur Möglichkeiten für emanzipatorische Veränderungen, sondern bereiten auch faschistischen Erfolgen den Weg. Statt die eigene Ohnmacht in dieser Situation zu reflektieren, projizieren Teile der Linken lieber Handlungsfähigkeit auf Gruppen, die allen emanzipatorischen Elementen widersprechen, und verlieren sich in einer Apologie eines vermeintlichen Antiimperialismus diktatorischer ultrarepressiver Regimes. Zuletzt wurde dies deutlich an der Debatte um den offenen Brief zur Solidarität mit den politischen Gefangenen in den iranischen Foltergefängnissen.
Das Ereignis 9/11 ist Teil einer globalen Konstellation, die heute die politische Landschaft prägt. Die Linke hat in ihrer Analyse ausgelassen, diese Anschläge als Teil einer Serie von Niederlagen zu begreifen. Die Auflösung der globalen Ordnung und der US-Hegemonie führte nicht zu einer Stärkung globaler linker Kräfte, sondern bot eher die Struktur für regionale und nationale Faschisierungsprozesse. Dies ist eine Erkenntnis, die zu einem Überdenken vieler (dogmatischer) linker Überzeugungen führen müsste. Nicht zuletzt, um der gegenwärtigen Ohnmacht und Schwäche entgegenzuarbeiten.
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Source: nd