Editorial · Kommando 161 · · 2h
Wenn die Busse stehen bleiben: Der SWEG-Streik zeigt, wer den Laden wirklich am Laufen hält
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Seit Mittwoch, dem 9. September 2026, stehen in weiten Teilen Baden-Württembergs die Busse der SWEG in den Depots. In Lahr, Offenburg, Kehl, Emmendingen, Weil am Rhein, Wiesloch, Sinsheim und einem Dutzend weiterer Orte ruft ver.di die Beschäftigten zum Warnstreik auf – und weil die Arbeitgeberseite bislang keinerlei Bewegung zeigt, hat die Gewerkschaft bereits angekündigt, den Ausstand am kommenden Montag und Dienstag fortzusetzen. Es geht, wie so oft im öffentlichen Nahverkehr, um höhere Entgelte im bundesweiten Eisenbahntarifvertrag – und darum, ob ein Unternehmen wie die SWEG sich der Tarifrunde weiter verweigern kann, während die Belastung im Fahrdienst seit Jahren steigt.
Das Muster ist bekannt, und es ist kein Zufall. Schon die bundesweite Nahverkehrs-Tarifrunde im Februar 2026 hatte gezeigt, wie sehr Landkreise und Kommunen es sich zur Gewohnheit gemacht haben, Verhandlungen auszusitzen, in der Hoffnung, dass Belegschaften irgendwann aufgeben. Sie geben nicht auf. Was diesmal auffällt: SWEG hatte selbst mit stärkeren Auswirkungen gerechnet, als tatsächlich eintraten – ein Hinweis darauf, wie entschlossen die Beschäftigten sind, auch ohne spektakuläre Bilder Druck aufzubauen. Kein Bus fährt, keine Kamera nötig.
Wer in bürgerlichen Medien über Streiks liest, bekommt meist die Perspektive der Pendler:innen serviert – Ärger über Ausfälle, Empfehlungen zum Umsteigen, selten die Frage, warum es überhaupt so weit kommen muss. Dabei ist die Antwort banal: Arbeitgeber im ÖPNV kalkulieren Streiks als Kollateralschaden ein, den man aussitzen kann, solange die eigentliche Kostenfrage – bessere Schichten, höhere Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit, ein Ende der chronischen Unterbesetzung – ungelöst bleibt. Jeder ausfallende Bus ist deshalb kein Betriebsunfall, sondern ein Preisschild für die Weigerung, in die Arbeitsbedingungen zu investieren, die den Verkehr überhaupt am Laufen halten.
Der SWEG-Streik steht dabei nicht isoliert. Ver.di Baden-Württemberg ruft parallel zu Protesten gegen den von der Bundesregierung geplanten Sozialabbau auf, mit einem bundesweiten Aktionstag am 26. September in 15 Städten. Die Botschaft ist dieselbe wie am Busdepot: Wer die Daseinsvorsorge – ob Nahverkehr, Kliniken oder Sozialstaat – kaputtspart oder kaputtverhandelt, trifft am Ende die, die ihn tragen. Als Antifaschist:innen und Linke ist unser Interesse an diesen Kämpfen kein abstraktes. Ein durchsetzungsfähiger, streikfähiger öffentlicher Dienst ist eine der wenigen Gegenmachtformen, die der autoritären Formierung von rechts – Sozialabbau, Law-and-Order-Rhetorik, Sündenbock-Politik – etwas entgegensetzen können. Wo Belegschaften organisiert sind, ist der Boden für rechte Erzählungen vom „faulen Streikenden" oder der „überforderten Verwaltung" dünner.
Was jetzt zählt, ist Solidarität, die über den eigenen Betriebshof hinausreicht: Streikposten unterstützen, den 26. September vormerken, und der Erzählung widersprechen, ausgefallene Busse seien das eigentliche Ärgernis – und nicht die jahrelange Tarifflucht der Arbeitgeber, die sie erzwingt.
Sources
ZEIT: Verdi-Warnstreik im SWEG-Busverkehr wird ausgeweitet (9.9.2026)
ver.di Baden-Württemberg: Pressemeldungen zu SWEG-Warnstreik und Aktionstag 26. September
ver.di: Tarifrunde Nahverkehr – bundesweite Streiks im ÖPNV (Feb. 2026)
Read the full story at the source →
Source: Kommando 161