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Editorial · Kommando 161 · · 3h

Zehntausend angekündigt, fünfhundert gezeigt: „Projekt M1llion“ hat gerade seine eigene Schwäche bewiesen

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Am Samstag, den 12. September, meldete eine Social-Media-Bewegung namens „Projekt M1llion“ eine Demonstration in Bielefeld mit 10.000 Menschen an. Die Polizei bereitete sich auf ein Verkehrschaos in der gesamten Innenstadt vor. Laut WDR-Berichterstattung vor Ort marschierten an diesem Nachmittag tatsächlich etwa 500 Menschen durch die Straßen. Eine zweite, gewerkschaftlich unterstützte Gegenkundgebung unter dem Motto „Bielefeld ist bunt und weltoffen“ lockte mehrere Hundert weitere als direkte Reaktion an.

Die Lücke zwischen 10.000 und 500 ist die Geschichte, und es lohnt sich, dabei zu bleiben, denn Projekt M1llion ist keine Randkuriosität. Die Gruppe wurde dieses Jahr von Marcel Baldauf gegründet, einem ehemaligen Arbeiter in der Autoindustrie, der zum Sanitäter wurde und zuvor kein politisches Profil hatte. Innerhalb weniger Monate baute sie eine Facebook-Basis mit Zehntausenden Menschen auf. An der ersten Demonstration im Juni nahmen rund 4.000 Menschen teil; eine zweite im August in Plauen lockte etwa 10.000 Menschen an – daneben baute die Neonazi-Partei Die Freien Sachsen einen Stand auf und Demonstranten trugen mit der Gruppe verbundene Fahnen. Baldauf besteht nun darauf, dass es sich lediglich um „historische“ Flaggen des Königreichs Sachsen handelte, eine Unterscheidung, die niemanden überzeugt, der ein Jahrzehnt lang zugesehen hat, wie die deutsche Rechtsextreme ihre Symbole umbenannt hat.

Die Untersuchung des WDR hat das tiefere Muster aufgespürt: Die eigene Facebook-Gruppe von Projekt M1llion verbreitet Inhalte von Auf1.tv, einem Kanal, den der Inlandsgeheimdienst als bestätigt rechtsextremistisch einstuft, und sammelt Hunderte von Likes ohne Moderation durch die Gruppenleitung. Regionale Selbsthilfegruppen, die den Bielefelder Aufmarsch fördern, wie „Bad Oeynhausen erhebt sich“, werben offen um Die Heimat (die umbenannte NPD) und den Verkehr mit queerphoben Inhalten. Der Extremismusforscher Bastian Stock von der TU Dresden bezeichnet die Bewegung als Teil des „Vorfelds“ – der gesellschaftlichen Peripherie – organisierter rechtsextremer Politik, aufgebaut auf einer Forderungsliste, die sich wie ein AfD-Programm liest: Merz‘ Rücktritt, schärferes Migrationsrecht, Abschaffung der Rundfunkgebühren und die Fantasie, Politiker für politische Entscheidungen strafrechtlich zu verfolgen, die das Grundgesetz ohnehin nicht zulässt.

Nichts davon macht jeden Teilnehmer zu einem überzeugten Faschisten, und Stock hat Recht, dass es sich bei vielen um Pandemie-Protestveteranen handelt, die nach einem neuen Mittel für oft reale Missstände suchen – Lebenshaltungskosten, ein Staat, der sich abgelegen anfühlt. Aber die Basis einer Bewegung entschuldigt ihre Infrastrukturanbieter nicht, und Baldauf baut genau diese Infrastruktur auf: eine Erlaubnisstruktur, in der Reichsbürger-Gespräche über die „Vorläufigkeit“ des Grundgesetzes, eine offene Koordinierung mit einer kriminalisierten Neonazi-Partei und unmoderierte extremistische Medien bequem unter einem klaren Logo zusammengefasst sind. Das ist kein Zufall der Größenordnung. Es ist das Geschäftsmodell.

Aus diesem Grund sind die Zahlen vom Samstag über lokale Kleinigkeiten hinaus von Bedeutung. Eine Bewegung, die ihre eigenen Wahlbeteiligungsschätzungen um das Zwanzigfache erhöht und dann 5 % ihrer Versprechen hält, ist eine Bewegung, deren Online-Mobilisierung nicht auf die Straße übergeht – zumindest noch nicht und nicht in Bielefeld. Das ist ein echter Anhaltspunkt für jeden, der sich dagegen organisiert: Diese Mobilisierungen können lokal überorganisiert sein, und die Zahl der Gewerkschaften und antifaschistischen Netzwerke, die sich dem Marsch selbst annähern, ist eine Vorlage und kein Zufall. Die Lektion ist nicht Selbstgefälligkeit – Plauens 10.000 waren real und das Netzwerk wächst immer noch. Die Lehre daraus ist, dass öffentliche Gegenmobilisierung, transparente Recherche darüber, wer tatsächlich hinter diesen Logos steckt, und die Weigerung, Neonazi-Vorwürfe durch „nur einen bürgerlichen Protest“ zu decken, die Kluft zwischen dem, was diese Bewegungen behaupten, und dem, was sie liefern können, tatsächlich verkleinert.

Quellen

WDR: „Projekt M1llion“ in Bielefeld: Gegen Merz, Migration und Rundfunkbeitrag
Polizei Bielefeld: Versammlungslage am 12.09.2026
WDR: Zwei Demos angemeldet – Polizei warnt vor Verkehrschaos in Bielefeld

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Source: Kommando 161