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Editorial · Kommando 161 · · 2h

Streiks gehen zurück, die Tarifflucht der Bosse nicht

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Weniger Streiks, weniger Ausfalltage, weniger Beteiligte – wer nur auf die nackten Zahlen der neuen WSI-Arbeitskampfbilanz schaut, könnte meinen, in Deutschland kehre gewerkschaftliche Ruhe ein. 261 Arbeitskämpfe zählte das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung für 2025, 645.000 ausgefallene Arbeitstage, 552.000 Streikende. Alles spürbar weniger als im Vorjahr, als die Nachwehen der Inflation noch für breite Warnstreikwellen sorgten. Doch die eigentliche Nachricht der Studie steht nicht in der Schlagzeile, sondern im Kleingedruckten: Erstmals hat das WSI ausgewertet, worum in den Konflikten überhaupt gekämpft wurde. Ergebnis: In mehr als jedem vierten Arbeitskampf ging es nicht um mehr Geld, sondern schlicht darum, ob ein Unternehmen einen Tarifvertrag überhaupt anerkennt.

Das ist der eigentliche Klassenkampf von unten, den die Wirtschaftsteile selten so nennen. Immer mehr Betriebe verabschieden sich aus Verbandstarifverträgen oder gründen ausgegliederte Tochterfirmen, um sich der Tarifbindung zu entziehen – ein leiser, juristisch flankierter Angriff, der genauso wirksam ist wie eine offene Aussperrung, nur ohne die schlechte Presse. Gewerkschaften müssen deshalb einen wachsenden Teil ihrer Kraft aufwenden, um überhaupt am Verhandlungstisch zu bleiben, statt über Löhne zu streiten. Der 48-Tage-Streik der Charité-Tochter CFM für die Angleichung an den TVöD oder der Kampf der NGG beim Dönerfleisch-Produzenten Birtat sind keine Randnotizen, sie sind das neue Normal: Beschäftigte müssen zuerst für das Recht kämpfen, überhaupt tariflich geschützt zu sein, bevor sie über Prozente verhandeln können.

Dass die Statistik trotzdem einen Rückgang zeigt, hat auch strategische Gründe. Gewerkschaften setzen zunehmend auf kurze, punktuelle Warnstreiks statt auf lange Flächenkonflikte – nicht aus Schwäche, sondern weil unbefristete Erzwingungsstreiks nach Urabstimmung in Deutschland ohnehin die absolute Ausnahme sind: gerade einmal sieben von 261 Arbeitskämpfen 2025. Das deutsche Streikrecht ist im europäischen Vergleich restriktiv, Arbeitgeber gehen zunehmend juristisch gegen Ausstände vor, binden damit gewerkschaftliche Ressourcen und erhöhen das Risiko für die Beschäftigten. Wer hier von einer „befriedeten Sozialpartnerschaft“ redet, verwechselt Abschreckung mit Konsens.

Der Kontext macht die Zahlen noch bitterer: Während die Statistik für 2025 einen Rückgang zeigt, rollt für den Herbst 2026 bereits die nächste Konfliktlinie an. Ver.di und der DGB rufen für den 26. September zum bundesweiten Aktionstag „Rette mit uns den Sozialstaat“ auf – gegen Kürzungen beim Wohngeld, gegen die Aufweichung des Achtstundentags, gegen längere sachgrundlose Befristungen. Es ist dieselbe Bewegung, dieselbe Systemfrage: Kapital und Staat versuchen im Gleichschritt, das abzubauen, was Generationen erkämpft haben – ob durch Tarifflucht im Betrieb oder durch Rasenmäher-Kürzungen im Sozialstaat. Wer das eine ignoriert, wird auch das andere nicht verstehen.

Für uns als Antifaschist*innen ist das kein Nebenschauplatz. Wirtschaftliche Unsicherheit, sinkende Tarifbindung und ein ausgehöhlter Sozialstaat sind der Nährboden, auf dem die extreme Rechte ihre Erzählung von „denen da oben“ und „denen da unten“ verkauft – während sie selbst als Steigbügelhalter des Kapitals antritt. Der Kampf um Tarifverträge ist deshalb auch ein antifaschistischer Kampf: Organisierte Arbeiter*innenmacht ist eines der wenigen Gegengewichte, die der Rechten tatsächlich das Wasser abgraben können. Wer im Herbst nicht mitgeht, überlässt das Feld denen, die von der Verzweiflung leben.

Arbeitskampfbedingte Ausfalltage in Deutschland (in 1.000) 2020 2023 2024 2025 342 1.500 645 Die Inflations-Streikwelle 2023 ebbt ab – der Kampf um Tarifbindung bleibt
Quelle: WSI-Arbeitskampfbilanzen (Hans-Böckler-Stiftung), Reports Nr. 95 (2024), Nr. 106 (2025) und Nr. 114 (2026). Werte: 2020 = 342.000, 2023 ≈ 1.500.000, 2024 = 946.000, 2025 = 645.000 arbeitskampfbedingt ausgefallene Arbeitstage. Für 2021/2022 liegen im Rahmen dieser Recherche keine vergleichbaren WSI-Werte vor, daher ausgelassen.

Sources

WSI-Pressemitteilung: Arbeitskampfbilanz 2025 · WSI-Arbeitskampfbilanz 2024 (idw-online) · ver.di: Aktionstag „Rette mit uns den Sozialstaat“, 26. September 2026 · Reinhard Bispinck: Tarifpolitik-Grafiken

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Source: Kommando 161