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Editorial · Kommando 161 · · 1h

Sechs Anschläge in zehn Tagen: Berlins Anti-Queer-Gewalt ist keine Anomalie, sondern eine Trendlinie

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Zwischen dem 2. und etwa dem 10. September wurden in Berlin sechs Menschen angegriffen, weil sie offensichtlich queer oder transsexuell waren. Eine junge Transfrau wurde auf der Sonnenallee von einer Gruppe Männer nach ihrem Geschlecht gefragt und anschließend am Boden ins Gesicht geschlagen und getreten. Ein 62-jähriger Mann wurde in der Nähe des Nollendorfplatzes beleidigt und geschlagen. Ein schwules Paar wurde angegriffen. Ein 17-Jähriger wurde geschlagen und ins Krankenhaus eingeliefert. Eine Person wurde am Mehringplatz wegen ihrer Verletzlichkeit mit einer Waffe bedroht. Ein anderer wurde von zwei Personen auf einem E-Scooter angegriffen. Tage zuvor warfen drei Männer in Dresden eine Transfrau zu Boden und brachen ihr Nase und Wangenknochen. Dies berichtet Perspektive Online (12. September 2026) unter Berufung auf das Vorfallprotokoll von queer.de.

Nichts davon geschah im luftleeren Raum. Kaum einen Monat nach dem CSD-Angriff vom 25. Juli, bei dem ein Mann mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge fuhr und dann Passanten mit einer Machete angriff, eine Frau tötete und 31 weitere verletzte, wurde die von der Stadt aufgestellte Gedenkbank irreparabel zerstört und ein neu gepflanzter Baum an derselben Stelle beinahe herausgerissen. Die Sequenz zeigt, worauf die Angreifer tatsächlich reagieren: nicht auf den Juli-Anschlag selbst, sondern auf die Tatsache, dass queere Menschen es wagten, öffentlich zu trauern und danach öffentlich weiterzuleben.

Das eigene Lagebild des BKA bestätigt, dass es sich nicht um einen Berlin-Ausrutscher handelt. Hassverbrechen in den Kategorien „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsspezifische Vielfalt“ stiegen von 1.188 im Jahr 2022 auf 1.785 im Jahr 2023 – ein Anstieg von etwa 50 Prozent in einem einzigen Jahr – und die Behörde selbst gibt an, dass sich die Zahl seit 2010 fast verzehnfacht hat. Die neuesten bundesweiten PMK-Zahlen für 2025 beziffern die queerfeindlichen Straftaten auf 2.377, ein Plus von 12,8 Prozent Auch hier liegt der Anteil der Gewaltverbrechen deutlich über dem Durchschnitt aller politisch motivierten Straftaten. Hierbei handelt es sich um von der Polizei erfasste Zahlen in einem Land, in dem die Meldung von Gewalt gegen Queer-Menschen gut dokumentiert ist – die tatsächliche Gesamtzahl ist sicherlich höher.

Was die Statistiken nicht erfassen können, ist der taktische Wandel, der derzeit auf Berlins Straßen zu beobachten ist: Angreifer eskalieren innerhalb weniger Tage voneinander von Beleidigungen zu offenen Angriffen, in denselben Vierteln, gegen Fremde, die allein aufgrund ihres Aussehens oder der Person, mit der sie zusammen sind, identifiziert werden. Dabei handelt es sich nicht um willkürliche Gewalt auf der Straße, sondern um eine Erlaubnisstruktur – ein Gefühl, so falsch es auch sein mag, dass queere Menschen jetzt faire Ziele seien, das sich jedes Mal verstärkt, wenn eine Mainstream-Partei AfD-Geschwätz von „Gender-Ideologie“ in den Mainstream bringt oder ein Staat die Mittel für die Gesundheitsversorgung und Beratung von Transsexuellen kürzt. Die Angreifer haben dieses Klima nicht erfunden. Sie handeln danach.

Es gibt keine polizeiliche Lösung für eine Berechtigungsstruktur. Mehr Kameras am Nollendorfplatz werden einen Mann nicht davon abhalten, zu entscheiden, dass die Existenz einer Transfrau eine Prügel rechtfertigt; es bedeutet nur, dass die Prügel gefilmt werden. Was die Menschen tatsächlich schützt, ist die langweilige, unscheinbare Infrastruktur, die die Rechtsextremen loswerden wollen: kommunale Sicherheitspatrouillen, Netzwerke für juristische und medizinische Unterstützung, bei denen man sich nicht auf einen Polizeibericht verlassen muss, und – ganz offen gesagt – so viele von uns auf der Straße, in Bars, an Bushaltestellen, dass ein Angreifer mit mehr als einem allein stehenden Opfer rechnen muss. Solidarität ist kein Slogan auf einem CSD-Banner. Im Moment ist es in Berlin das Einzige, was zwischen einer Verunglimpfung und einem Krankenhausbesuch liegt.

In Deutschland erfasste Hassverbrechen gegen LGBTI+ (BKA/PMK) 2022 2023 2025 1.188 1.785 2.377
Quelle: BKA/BMI Lagebild Sicherheit LSBTIQ (Zahlen 2022, 2023 über BMI/tagesschau, 13.12.2024); BKA-Factsheet Bundesweite Fallzahlen 2025 Politisch motivierte Kriminalität (über LSVD, Abbildung 2025).

Quellen

Perspektive Online: Zunehmende Gewalt: Sechs LGBTI-feindliche Angriffe in Berlin in zehn Tagen(12. September 2026)

tagesschau.de: BKA vermeldet starken Anstieg queerfeindlicher Straftaten

LSVD: Queerfeindliche Gewalt – Zahlen/Statistik

BKA: Lagebericht zur Sicherheit von LSBTIQ

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Source: Kommando 161