Editorial · Kommando 161 · · 1h
NPD-Kader als Fürsprecher: Wie weit rechts darf ein Landrat sich helfen lassen?
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- Zwei Tage vor der Kommunalwahl lässt sich der suspendierte Landrat Marcel Riethig in einem 50-minütigen YouTube-Video von einem früheren NPD-Kader öffentlich unterstützen.
- Die Recherche stammt vom Antifaschistischen Bildungszentrum und Archiv Göttingen – wieder einmal ist es die antifaschistische Selbstorganisation, die aufklärt, wo Behörden schweigen.
- Sechs von sieben Landratskandidat:innen fordern Distanzierung; Riethig weist über einen Sprecher jede „politische Verbindung“ zurück.
- Am 13. September wird gewählt – über einen vorläufig des Dienstes enthobenen Amtsinhaber, der sich seine Fürsprecher nicht aussucht.
Göttingen. Zwei Tage vor der Kommunalwahl bekommt der Landkreis Göttingen vorgeführt, wie leise die Grenze nach rechts inzwischen verläuft. In einem knapp 50-minütigen YouTube-Video, das am Mittwochabend erschien, wirbt der suspendierte Landrat Marcel Riethig für seine erneute Kandidatur – und lässt sich dabei ausgerechnet von einem Mann bewerben, der gegenüber dem Göttinger Tageblatt eingeräumt hat, früher Mitglied der NPD gewesen zu sein.
Wer die Recherche gemacht hat – und wer nicht
Bemerkenswert ist schon, woher das Wissen kommt. Es war nicht der Verfassungsschutz, nicht die Kreisverwaltung, nicht der Staatsschutz, der den Hintergrund des Mannes öffentlich machte. Es war das Antifaschistische Bildungszentrum und Archiv Göttingen – jene selbstorganisierte Struktur, die seit Jahrzehnten dokumentiert, was staatliche Stellen lieber übersehen. Die Linken-Kandidatin Nina Lauterbach nennt deren Recherche „mehr als beunruhigend“. Wir würden ergänzen: Dass antifaschistische Archivarbeit auch 2026 noch die Lücke füllen muss, die Behörden offenlassen, ist das eigentlich Beunruhigende.
Was im Video passiert
Der frühere NPD-Kader kommt im Video mehrfach als Fürsprecher für Riethigs Amtsführung zu Wort. Er vermengt dabei persönliche Eindrücke mit schweren Vorwürfen gegen Beschäftigte der Kreisverwaltung und greift zu Vokabeln wie „Klein Palermo“ und „Mafiastrukturen“ – Begriffe, die die SPD-Kandidatin Ulrike Witt ausdrücklich rügt. Ihre Kritik trifft einen Punkt: „Wer Rechtsstaatlichkeit und die Unschuldsvermutung betont, darf selbst keine Vorverurteilungen aussprechen.“ Über die Grundlage der Behauptungen, so Witt, schweige das Video.
Riethig ließ über einen Sprecher der Wählerinitiative BLG eine politische Verbindung zu dem Mann zurückweisen. Der Mann selbst erklärte über seinen Anwalt, sich von der rechtsextremen Szene losgesagt zu haben. Beides mag stimmen. Die Frage, die im Raum bleibt, beantwortet es nicht.
Sechs Kandidat:innen, eine Forderung
Die Reaktionen reichen quer durch das demokratische Spektrum. CDU-Kandidat Harm Adam nennt es „hochproblematisch, dass sich Riethig ausgerechnet von einem ehemaligen NPD-Kader öffentlich unterstützen lässt“ und verlangt eine „klare und unmissverständliche Distanzierung – nicht irgendwann, sondern jetzt“. Die Grüne Pippa Schneider nennt es „sehr irritierend“ und fragt, „wo er selbst politisch steht“. Volt-Kandidat Till Jonas Hampe formuliert es als das, was es ist: „Als Antifaschist und vor allem als Bürger des Landkreises fordere ich eine Aufklärung der Kontexte.“ WLG-Kandidat Harald Wegener spottet über Riethigs mangelnde „Sorgfalt bei der Auswahl seiner Fürsprecher“.
Hampe sagt noch einen Satz, der hängen bleibt: Er sei bestürzt, „jedoch nicht überrascht“. Riethigs Auftreten spreche „auch ein rechtsextremes Publikum an“. Das ist der Kern. Nicht die Frage, ob Riethig selbst NPD-Positionen teilt – sondern dass ein suspendierter Amtsinhaber im Wahlkampf offenbar keine Berührungsangst hat, wenn die Unterstützung von rechts kommt.
Warum das mehr ist als eine Personalie
Es wäre bequem, das als Randnotiz eines ohnehin ramponierten Wahlkampfs abzutun – Riethig ist seit Frühjahr 2026 vom Dienst suspendiert, ein Disziplinarverfahren läuft, ausgestanden ist nichts. Aber die Personalie ist ein Symptom. Wenn ein früherer NPD-Funktionär in einem kommunalen Wahlkampf ungeniert eine Bühne erhält, dann ist das genau jene schleichende Normalisierung, vor der wir seit Jahren warnen: Die extreme Rechte drängt nicht mit Fackeln zurück in die Institutionen, sondern als „Fürsprecher“, als besorgter Bürger, als jemand, der sich angeblich „losgesagt“ hat. In derselben Woche, in der in Göttingen zwei linke Läden brennen, ist das kein Zufall der Gleichzeitigkeit. Es ist dasselbe Klima.
Am 13. September wird gewählt. Wer Demokratie nicht nur verwalten, sondern schützen will – um es mit Lauterbach zu sagen –, sollte sehr genau hinsehen, wem hier die Mikrofone gereicht werden.
- Göttinger Tageblatt, „Kritik an Marcel Riethig: Landratskandidaten fordern Distanzierung von früherem NPD-Mitglied“ (Michael Brakemeier & Frerk Schenker, 11.09.2026)
- Recherche: Antifaschistisches Bildungszentrum und Archiv Göttingen
- NDR / Harzkurier zum laufenden Disziplinarverfahren gegen Landrat Riethig (2026)
Einordnung: Kommando 161. Zitate der Kandidat:innen im Wortlaut nach GT; Bewertung ist als solche gekennzeichnet.
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Source: Kommando 161