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Editorial · Kommando 161 · · 1h

Göttingen, die „rote Hochburg“ – und wie die Rechte sich zurückholt, was sie nie besaß

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Symbolbild · Hubert Link / CC BY-SA 3.0 de · Wikimedia Commons

Kommentar.

TL;DR
  • Göttingen war über Jahrzehnte eine der wenigen echten antifaschistischen Hochburgen der Bundesrepublik – erkämpft, nicht geschenkt.
  • Genau diese Bastion bröckelt: Hakenkreuze am „Dots“, eine beinahe tödliche Messerattacke auf einen Antifaschisten, eine ausgebrannte Bühne, eine seit Jahren aktive rechte Jugendclique.
  • Das ist kein Göttinger Sonderweg, sondern die lokale Front eines bundesweiten Rechtsrucks: AfD-Erdrutsch in Sachsen-Anhalt, verdoppelte Zahl rechtsextremer Tatverdächtiger, die Rückkehr der „Baseballschlägerjahre“.
  • Und der Staat? Reibt sich an den Linken ab und schaut bei den Rechten weg. Das ist keine Nachlässigkeit – das ist eine politische Entscheidung.

Es gibt Städte, deren Ruf ihnen vorauseilt. Göttingen ist so eine. Wer hierher zieht – zum Studium, zur Arbeit, aus Überzeugung – hat schon vorher gehört, dass diese 130.000-Einwohner-Stadt am Rand des Harzes anders tickt: linker, streitbarer, unbequemer. Über Jahrzehnte war das keine Folklore, sondern Realität. Und genau diese Realität steht gerade auf dem Spiel.

Nicht vom Himmel gefallen: wie aus einer bürgerlichen Stadt eine rote wurde

Vergesst den Mythos, Göttingen sei „schon immer links“ gewesen. Bis in die 1960er war diese Universitätsstadt konservativ bis rechtsliberal – geprägt von traditionalistischen Netzwerken, Burschenschaften, bürgerlichen Honoratioren. 1968 saß die NPD mit rund 5–6 Prozent und zwei Sitzen im Stadtrat. Die „rote Hochburg“ ist historisch also jung – und, wie Forscher:innen betonen, war sie kein Selbstläufer.

Der Bruch kam mit der Studierendenbewegung um 1967–69. Göttingen wurde zu einem Zentrum der Revolte: SDS, sozialistische und später kommunistische Studierendengruppen, antiautoritäre Aktivist:innen. Bundesweit berüchtigt machte die Stadt der „Göttinger Mescalero“ nach dem Mord an Generalbundesanwalt Buback 1977. Aus diesem Milieu wuchs, was die Stadt bis heute prägt: eine feste SPD im Rathaus, ein grün-linksliberales Milieu aus Anti-AKW-, Friedens- und Frauenbewegung – und darunter, sichtbar und militant, die Hausbesetzer- und autonome Szene der 1980er, ihr „Zenit der Kraft“.

Das ist der Punkt, den die Rechte nicht begreift: Diese Stadt ist links geworden, weil Menschen sie sich Stück für Stück erkämpft haben – gegen eine konservative Ausgangslage, nicht mit ihr. Was erkämpft wurde, kann verteidigt werden. Genau deshalb lassen wir es nicht wieder wegnehmen.

Eine Bastion, die man sich erkämpfen musste

Der Ruf Göttingens als „rote Hochburg“ ist kein Zufallsprodukt und kein Verdienst der Verwaltung. Er wurde erkämpft – Straße um Straße, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Seit den 1980ern sind hier autonome Gruppen aktiv, von Antiatomaktivist:innen über Hausbesetzer:innen bis zu den Antifa-Strukturen, die der Stadt ihren Namen gaben. Die Autonome Antifa [M] war in den 1990ern bundesweit tonangebend und trieb die rechtsextreme Kameradschaftsszene aus der Stadt. Bei NPD-Aufmärschen wurde Göttingen durch Gegenproteste schlicht lahmgelegt. Rechte Kleingruppen, Burschenschafter, die am Campus zu agitieren versuchten – sie gaben irgendwann entnervt auf.

Diese Stärke hat Adressen. Das Jugendzentrum Innenstadt, das „Juzi“ in der Bürgerstraße, ist seit rund vier Jahrzehnten selbstverwaltet – ein bemaltes Haus, das ohne Chef, ohne Kommerz und ohne staatliche Gängelung läuft, getragen allein von denen, die es benutzen. Über Göttingen hinaus gilt es in der autonomen und antifaschistischen Bewegung als fester Bezugspunkt: Wer in der bundesweiten Szene organisiert ist, kennt das Juzi, und Aktivist:innen aus dem ganzen Land – und darüber hinaus – waren hier zu Konzerten, Kongressen und Soliveranstaltungen zu Gast. Ein paar Straßen weiter organisiert die Rote Hilfe, eine der ältesten Solidaritätsorganisationen der Linken, den Rechtsschutz für alle, die der Staat für ihren Widerstand belangt. Das Kulturzentrum KAZ, das antifaschistische Archiv, die Kollektivbetriebe wie das „Dots“ – zusammen ergeben sie eine Infrastruktur, die anderswo längst wegsaniert wurde. Genau diese Dichte selbstorganisierter Orte macht Göttingen aus. Und genau sie ist das Ziel.

Dieser Erfolg hatte einen Preis, den man heute gern vergisst: Er war Arbeit. Tägliche, unspektakuläre, oft undankbare Arbeit. Recherche, Dokumentation, Präsenz auf der Straße. Das Antifaschistische Bildungszentrum und Archiv in Göttingen hält bis heute fest, wer die Rechten der Region sind und was sie tun. Die Rote Hilfe ist hier zu Hause. Die „rote Hochburg“ war nie ein Naturzustand – sie war ein Kräfteverhältnis. Und Kräfteverhältnisse können kippen.

Der Staat kennt diese Stadt – und bekämpft sie seit Jahrzehnten

Wer verstehen will, warum Göttingen ein Symbol ist, muss zurück in die 1980er und 90er. Zwischen 1981 und 1991 zählten die Behörden 52 „ungeklärte“ antifaschistische Aktionen im Raum Göttingen. 1991 eröffnete die Generalstaatsanwaltschaft Celle Ermittlungen nach Paragraf 129a – dem „Terrorismus“-Paragrafen – und setzte die Sonderkommission SoKo 606 an. Ihr Ziel waren nicht Neonazis, sondern die autonomen Antifaschist:innen selbst, allen voran die Autonome Antifa (M).

Am 5. und 6. Juni 1994 folgte der größte Anti-Antifa-Schlag in der Geschichte der Bundesrepublik: 30 Durchsuchungen in Niedersachsen, Hessen und NRW, die Wohnungen von 17 – später 25 – Beschuldigten, das AStA-Büro der Universität, der Infoladen Buchladen Rote Straße, eine Druckerei, ein Grafikstudio. Gefunden wurde nichts Strafbares. Der Vorwurf schrumpfte von „terroristischer Vereinigung“ auf Plakatkleben und Versammlungsrecht. Sogar die künstlerische Initiative Kunst und Kampf (KuK) und ihre Ausstellung „Verbotene Kunst“ wurden zum Gegenstand von 129a-Verfahren – Kriminalisierung von Kunst, wie es das in der Bundesrepublik zuvor nicht gegeben hatte. Getragen wurde die Repression von SPD-Ministern in Hannover.

Und die Welt schaute hin. Britische Anti-Fascist Action berichtete in ihrem Magazin Fighting Talk gleich mehrfach über die „police clampdown in Göttingen“; internationale Prozessbeobachter:innen reisten an, um Druck auf die Gerichte zu halten – so wie zuvor bei den Brandanschlägen von Mölln und Solingen. Göttinger Antifaschismus war nie eine Provinzangelegenheit. Er stand unter internationaler Beobachtung, weil hier exemplarisch verhandelt wurde, wie weit ein Staat gegen seine Linke gehen darf. Diese Geschichte erklärt das Misstrauen von heute – es ist gelernt.

Wie es kippt – die Chronik der letzten Monate

Sie kippen leise, dann laut. In den letzten zwei Jahren ist in Göttingen eine „junge rechte Crew“ sichtbar geworden – 15- bis 18-Jährige, die gezielt linke Orte aufsuchen, „um Stress zu suchen“. Erst verbal, dann mit Silvesterraketen auf das linksalternative „Juzi“. Sie beschmierten eine in Regenbogenfarben gestaltete Treppe und eine Gedenktafel für die NS-Bücherverbrennungen – Symbole, mit Bedacht gewählt.

Im Oktober 2025 dann 13 Hakenkreuze, 20 bis 80 Zentimeter groß, auf Wänden, Fenstern und Stühlen der Kollektivbar „Dots“. Der Staatsschutz ermittelte; die Täter wurden nie gefunden. Im Juni 2026 die Eskalation: Ein 17-jähriger Rechtsextremer stach einem 23-jährigen Antifaschisten das Messer knapp am Herz vorbei in die Brust. Not-OP, künstliches Koma, eine zweite Operation. Der Täter wurde zunächst wieder freigelassen – „eine Notwehrsituation sei nicht auszuschließen“. Mehr als 1.000 Menschen gingen daraufhin auf die Straße. Im August 2026 dann ein Bild, das Bände spricht: Als die reaktionäre TFP Student Action mit einem „öffentlichen Rosenkranz gegen Abtreibung“ auf dem Markt aufmarschierte, bildete sich spontaner, lauter, friedlicher Gegenprotest. Die Polizei prügelte und pfeffersprühte – gegen die Gegendemonstrant:innen, nicht gegen die Abtreibungsgegner. Zwei Rettungswagen, für die Linken. „Keine neutrale Ordnungsmacht, sondern eine Schutztruppe für Faschisten.“ Und im September 2026 brennt im Innenhof des Börnerviertels die Bühne desselben „Dots“ bis auf die Grundmauern nieder. Die Brandursache ist offiziell offen – in der linken Szene wird ein rechter Hintergrund vermutet.

Vier Vorfälle, ein Muster, ein Ort. Wer das noch als Serie von Zufällen liest, will nicht sehen, was hier passiert.

Kein Göttinger Sonderfall

Was in Göttingen geschieht, ist die lokale Front einer bundesweiten Verschiebung. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fuhr die AfD einen Erdrutschsieg ein; erstmals droht eine AfD-geführte Regierung. Die Zahl rechtsextremer Tatverdächtiger hat sich laut Bundesinnenministerium in kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Was Beobachter:innen die Rückkehr der „Baseballschlägerjahre“ nennen, ist keine Metapher: die gewaltsame Radikalisierung Jugendlicher, die Jagd auf Queers, Linke, Migrant:innen – und zwar nicht mehr nur dort, wo die Rechte immer stark war, im Osten, in den Kleinstädten, sondern auch mitten in der vermeintlich sicheren Universitätsstadt.

Das Muster wiederholt sich überall. In Aachen rückt die Polizei ohne Beschluss ins Autonome Zentrum ein; in Berlin soll die „Potse“ zum Schweigen gebracht werden, bevor sie überhaupt ein neues Haus hat; in einer Stadt nach der anderen geraten selbstverwaltete Räume unter Druck – mal durch rechte Angriffe, mal durch Räumung, mal durch beides. Parallel normalisiert sich im Parlament, was vor Jahren noch undenkbar war: Als die AfD einen „Remigrations“-Plan vorlegte, nannte selbst der Kanzler ihn „ethnische Säuberung“ – und regierte weiter, als wäre das eine Randnotiz. Der Rechtsruck ist kein Ausbruch, er ist ein Klima.

Gerade das macht Göttingen zum Symptom. Wenn die Rechte sich sogar hier zurückholt, was sie nie besessen hat, dann ist die alte Gewissheit – „bei uns nicht“ – nur noch das: eine alte Gewissheit. „Vielleicht waren wir uns zu sicher, dass so etwas hier nicht passieren könnte“, sagte eine Aktivistin nach der Messerattacke. Ein Satz, der über die Stadt hinausweist.

In rechten Kanälen kursiert Göttingen längst als Feindbild: „Rotfront-Stadt“, höhnen sie, als wäre das eine Drohung. Wir nehmen das Etikett und tragen es mit Stolz. Ja – rote Stadt. Und genau deshalb brennen ihnen unsere Bühnen zu hell.

Der Staat schaut in die falsche Richtung

Und hier muss man deutlich werden. Die Hakenkreuze am „Dots“: Täter unbekannt. Die Raketen aufs „Juzi“: Täter unbekannt. Der Messerstecher: erst mal wieder frei. Während die Aufklärungsquote bei rechter Gewalt gegen linke Orte gegen null tendiert, fällt den Behörden bei linken Strukturen erstaunlich viel ein – Staatsschutz, Observation, Repression. Das ist kein Zufall und keine Überforderung. Es ist eine politische Prioritätensetzung.

Ein Staat, der jahrzehntelang die Gefahr von links beschworen hat, während sich der rechte Terror von München 1980 über den NSU bis Hanau organisierte, hat ein strukturelles Wahrnehmungsproblem. In Göttingen zeigt sich dieses Problem im Kleinen: Wer eine Regenbogentreppe beschmiert, wird nicht gefasst; wer sie verteidigt, gerät ins Visier. So verschiebt sich das Kräfteverhältnis – nicht nur, weil die Rechte stärker wird, sondern weil der Staat sie gewähren lässt.

Was daraus folgt

Die gute Nachricht ist, dass Göttingen beweist: Es geht auch anders. Diese Stadt ist nicht deshalb jahrzehntelang eine Bastion geblieben, weil die Rechte zu schwach war, sondern weil die Linke präsent war. Die 1.000 auf der Straße nach der Messerattacke, die Solidaritätswelle nach den Hakenkreuzen, der Trotz des „Dots“-Kollektivs – das ist die eine Hälfte der Antwort. Die andere ist unbequemer: Präsenz lässt sich nicht konservieren. „Wo ist die Bewegung abgerissen?“, fragt ein Aktivist, der schon in den 2000ern dabei war. Rechte Graffiti, die wochenlang stehen bleiben, sind ein Gradmesser. Die Zahl derer, die die tägliche antifaschistische Arbeit als drängende Aufgabe begreifen, ist gesunken.

Der Rechtsruck ist real, er ist bundesweit, und er ist in Göttingen angekommen. Aber er ist kein Naturgesetz. Was erkämpft wurde, wird verteidigt – Straße um Straße, Nacht um Nacht. Sie sprühen Hakenkreuze, wir übermalen sie. Sie zünden Bühnen an, wir bauen sie wieder auf. Sie nennen es „Rotfront-Stadt“, wir nennen es Zuhause. Wir weichen keinen Meter. Kein Vergeben, kein Vergessen – und schon gar kein Rückzug.

Quellen & Faktenlage
  • taz, „Linke Hochburg Göttingen: Der rote Schock“ (André Zuschlag, 12.07.2026)
  • Göttinger Tageblatt, „Hakenkreuz-Attacke auf Café Dots löst Solidaritätswelle aus“ (2025)
  • Trittel/Isele, „Wir gehen dahin, wo wir den Wind von vorn bekommen“ (FoDEx, 2021) – zur politischen Entwicklung Göttingens & NPD im Stadtrat 1968
  • FoDEx, „1989 – die Göttinger Autonomen im Zenit ihrer Kraft“; Universität Göttingen & HNA zur 68er-Bewegung
  • Love and Rage Revolutionary Anarchist Federation, „Anti-Fascism on Trial in Germany“ (zu §129a / SoKo 606 / Autonome Antifa (M) / KuK), via Openreadery
  • Anti-Fascist Action (AFA), Fighting Talk Nr. 9 (1994) & Nr. 20 (1998) – „Germany Calling: police clampdown in Göttingen“, via Openreadery
  • Bericht Gegenprotest gegen TFP Student Action, Göttingen, 15.08.2026, via Openreadery; Fotos Marco Kemp / Nico Kuhn
  • HNA, „Unbekannte sprühen Hakenkreuze auf Göttinger Bar Dots“ (07.10.2025) & „Bühne im Göttinger Börnerviertel steht lichterloh in Flammen“ (11.09.2026)
  • Bundesinnenministerium, zit. n. taz, zu rechtsextremen Tatverdächtigenzahlen

Kommentar der Redaktion. Kommando 161.

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